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„Ich habe Angst um meine Zukunft“

Studentin aus Aschau im Chiemgau bei Straßenblockaden in Norwegen dreimal festgenommen

Die Demonstrierenden setzen sich mit Bannern auf die Straße und blockieren sie, um gegen Ölexploration zu protestieren. Unter ihnen ist Lena Mair (links) aus Aschau.
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Die Demonstrierenden setzen sich mit Bannern auf die Straße und blockieren sie, um gegen Ölexploration zu protestieren. Unter ihnen ist Lena Mair (Mitte) aus Aschau im Chiemgau.
  • VonPaula L. Trautmann
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Sie demonstriert gegen Ölexploration, blockiert Straßen und fordert Veränderungen in der Klimapolitik. Dafür haben Trondheimer Polizisten Lena Mair (24) aus Aschau dreimal festgenommen. Warum die Physik-Studentin nicht aufhört zu protestieren, obwohl sie am Mittwoch, 29. Juni, vor Gericht steht.

Aschau im Chiemgau/Trondheim – Eine Zelle, acht Quadratmeter, kein Fenster. An einer Wand steht ein Bett mit einer dünnen Matratze, eine Decke liegt darauf. An der anderen Wand ist eine Toilette. Lena Mair darf die Zelle nicht verlassen. Zumindest für einige Stunden. So hat sie sich ihr Auslandssemester wohl kaum vorgestellt. „Ich fühle mich wie ein Hochkriminelle, weil ich für meine Zukunft kämpfe.“

Gegen Öl-Lizenzen und für die Arbeiter

Gemeinsam mit Unterstützern der Kampagne hat sie Straßen blockiert. Wenn eine Lücke im Verkehr entsteht, gehen die Teilnehmer mit Bannern auf die Straße. Sie warten bis die ersten Autos stehen und setzen sich auf die Straße. Die Demonstranten kleben ihre Hände allerdings nicht auf die Straße, wie es Aktivisten in Deutschland oft tun. Die Kampagne heißt „Stopp Oljeletinga“, übersetzt: Stoppt die Ölexploration. Die Teilnehmer fordern von der norwegischen Regierung, keine weiteren Lizenzen für die Suche nach Öl auszugeben und einen fairen Übergang für die betroffenen Arbeiter zu schaffen.

Aufgrund der Proteste haben Polizisten Mair und andere Teilnehmer von der Straße getragen. Rein in den Polizeiwagen, ab auf die Dienststelle. Die Beamten nehmen jedes Mal Mairs Identität auf und stecken sie in eine Einzelzelle. Fingerabdrücke habe sie nie abgeben müssen, aber Fotos hätten die Polizisten einmal von ihr gemacht.

Zwei norwegische Polizisten tragen die Studentin Lena Mair an Händen und Füßen davon.

Beamte und Politiker hätten gedroht, sie auszuweisen. „Ich finde es fast ein bisschen lustig, das zeigt einfach, dass sie Angst vor uns haben“, sagt die Studentin. Mair glaubt, dass sie nicht ausgewiesen werden kann, weil sie in Trondheim gemeldet ist, dort lebt und studiert. Aufgrund der Verschwiegenheitspflicht wollte sich die Trondheimer Polizei nicht dazu äußern. Ein Sprecher teilte lediglich mit, dass es keine Ordnungswidrigkeit ist, wenn Aktivisten Straßen blockieren, sondern eine Straftat. Ein Sprecher der Norwegischen Botschaft in Berlin konnte ebenfalls nichts zu dem Fall sagen. Er sei der Botschaft ausschließlich aus den norwegischen Medien bekannt.

Auch das Auswärtige Amt ist über den Fall informiert, ein Sprecher wollte sich jedoch nicht dazu äußern. Er teilt nur mit, dass die Deutsche Botschaft in Oslo bereitstehe, um in Norwegen inhaftierte Deutsche konsularisch zu unterstützen. Doch Mair wird bereits von ihren Freunden unterstützt. Nach drei bis vier Stunden im Gefängnis werde sie meist entlassen. Ihre Freunde würden sie dann empfangen – mit Tee und Kuchen.

„Verrückt und unmoralisch“ weiterhin fossile Brennstoffe zu verwenden

Manch einer würde aufgeben nach neun Aufenthalten in einer Zelle. Die Aschauerin nicht. Das Thema sei zu wichtig. „Ich habe Angst um meine Zukunft“, sagt Mair. Die Regierung habe die Macht, sie in eine Katastrophe zu führen, aber sie habe nicht ihre Zustimmung. Deshalb werde sie nicht aufhören Widerstand zu leisten. Die Studentin wünscht sich, „dass die Dringlichkeit gesehen und angemessen darauf reagiert wird“. Es brauche strukturelle Veränderungen in der Mobilität, der Ernährung und im Konsum. Zwar könne jeder sein Verhalten anpassen, das werde jedoch nicht reichen, wenn sich die Regierungen weiterhin auf fossile Brennstoffe konzentrieren. Das sei „verrückt und unmoralisch“.

Um dagegen anzukämpfen, sitze sie gerne in einer Zelle. „Es ist unangenehm, aber fühlt sich trotzdem richtig an“, sagt Mair. Denn durch die Festnahmen bekämen die Aschauerin und ihre Freunde viel Medienaufmerksamkeit in Norwegen. Jeden Tag seien sie in nationalen Zeitungen, im Radio und im Fernsehen. „Sicher werden wir nicht geliebt“, sagt Mair. Sie wisse, dass die Leute genervt von ihren Aktionen sind. Das bedauert sie. Es gehe darum, die Debatte anzustoßen, nicht die Autofahrer zu stören.

Autofahrer attackieren die Demonstranten

Doch Passanten reagierten teilweise mit Gewalt auf die Straßenblockaden. „Ein Autofahrer hat einen Freund an den Schultern gepackt und ihn über die Straße geschleift“, sagt Mair. Sie selbst sei noch nie angegriffen, nur beschimpft worden.

Dennoch glaube sie daran, dass die Gruppe ihr Ziel erreichen wird. Ziviler Widerstand habe in der Vergangenheit zu sozialem Wandel geführt: etwa die Frauenrechtsbewegung und die „Freedom Riders“, eine Gruppe von Schwarzen und weißen Aktivisten, die gegen Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln und Busbahnhöfen protestiert haben. Auch der Bürgerrechtler Martin Luther King sei der „meist gehasste Mann in Amerika“ gewesen. Er und seine Anhänger hätten sich jedoch nicht von ihrem Ziel abbringen lassen.

„Wir werden auch nicht aufhören, bevor unsere Forderungen erfüllt sind“, sagt Mair. Die Hoffnung, dass es eine Chance auf Veränderung gibt, treibe sie an. Denn in fünf Jahren sei es zu spät, etwas zu ändern. „Wir haben jetzt noch zwei bis drei Jahre, um nicht in die totale Katastrophe zu stürzen.“ Im August wird sie wieder in Aschau sein, dort will sie weiterhin für ihre Ziele kämpfen. Doch nun verteidigt sie sich erst einmal vor Gericht in Trondheim.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Lena Mair neunmal bei Straßenblockaden festgenommen wurde. Sie wurde deshalb jedoch nur dreimal festgenommen. Die übrigen sechsmal war die Studentin in Arrest wegen anderen Protest-Aktionen.

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