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PSYCHOSOZIALE NOTFALLVERSORGUNG FÜR EINSATZKRÄFTE

Auf Augenhöhe mit den Kameraden

Einsatz für die Kameraden: das Team der Psychosozialen Notfallversorgung. Martin Binder
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Einsatz für die Kameraden: das Team der Psychosozialen Notfallversorgung. Martin Binder

Egal ob Wohnungsbrand, Verkehrsunfall oder Zugunglück – die Feuerwehren aus Stadt und Kreis Rosenheim sind immer vor Ort, wenn lebensrettende Hilfe benötigt wird. Doch wer hilft den Feuerwehrleuten, die tragischen Schicksale zu verarbeiten? „Peer“ heißt das Zauberwort, das Christian Glas (61) aus Eggstätt mitinitiiert hat und das mittlerweile mit einem Sozialpreis ausgezeichnet worden ist.

Eggstätt – Es war eines dieser traumatischen Erlebnisse, das für Christian Glas aus Eggstätt, Feuerwehrmann mit Leib und Seele, der letzte Funke war, um das Projekt ins Leben zu rufen: Ein Suizid hatte den heute 61-Jährigen psychisch schwer belastet – und die brennende Frage aufkommen lassen: Wer steht eigentlich den Feuerwehrkameraden bei ihren Einsätzen zu Seite?

Eine Frage, die sich Glas, der sich bereits seit seinem 15. Lebensjahr ehrenamtlich bei der Feuerwehr engagiert, jahrelang immer wieder gestellt hatte. Im Straßenverkehr verunglückte Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Schwere Verbrennungen von Hausbewohnern, die es beim Wohnungsbrand nicht mehr rechtzeitig aus dem Gebäude geschafft haben. Oder gar Mütter, die mit ansehen müssen, wie ihr Kind nach dem Verkehrsunfall ums Überleben kämpft. Bilder und Gefühle, die Glas – wie die meisten seiner Kameraden – nicht einfach mit der Uniform abstreifen kann. Sondern auch nach dem Einsatz mit nach Hause nimmt. Und, wenn auch unbewusst, auf Dauer Einfluss auf sein Leben nehmen können.

Spezielle Ausbildung absolviert

Deshalb hatte Glas bereits 2002 an einer speziellen Ausbildung in Geretsried teilgenommen, um seinen Kameraden in belastenden Situationen zur Seite stehen zu können. Durch viele Gespräche, ausführlichem Werben und dem Engagement zahlreicher Mitstreiter schaffte er es letztlich, dass 2011 die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte, kurz PSNV-E, für Stadt und Landkreis Rosenheim ins Leben gerufen worden ist.

Der Start war dabei alles andere als leicht, wie Glas gegenüber unser Zeitung gesteht: „Vor allem seitens einiger Alteingesessener gab es schon große Widerstände“, sagt der 61-Jährige, der sich oftmals anhören durfte: „So etwas brauchen wir doch nicht.“ Mittlerweile haben sich die Einschätzungen seitens vieler Kameraden aber grundlegend gewandelt. Was auch den Kreisbrandräten hoch anzurechnen ist, wie Glas betont: „Da haben wir viel Unterstützung erfahren.“

Mittlerweile kann das Team, das auf Wunsch angefordert werden kann, aber auch bei dramatischen Erstmeldungen zusätzlich alarmiert wird, auf 23 speziell geschulte Feuerwehrleute, den sogenannten Peers, und vier psychosoziale Fachkräfte, die in Rosenheim und Region aus kirchlichen Würdenträgern bestehen und somit fast schon aus Berufswegen die notwendige Empathie mitbringen, zurückgreifen.

Doch wie sieht die Hilfeleistung gegenüber den Kameraden im Detail aus? „Der wichtigste Aspekt ist, dass wir unseren Kameraden auf Augenhöhe begegnen“, erklärt Glas, weshalb das Kriseninterventionsteam (KIT), das beispielsweise bei dramatischen Unfallgeschehen Angehörigen zur Seite steht, für die Einsatzkräfte nicht geeignet ist. „Die KITs leisten hervorragende Arbeit“, findet der Eggstätter, „Feuerwehrler, die Erlebtes verarbeiten müssen, brauchen aber eine andere Form der Ansprache.“ Das beginne bei Fachbegriffen, die eben nur Gleichgesinnte verstehen würden.

Zugunglück als Bewährungsprobe

Paradebeispiel für den Einsatz der PSNV-E: das Zugunglück in Bad Aibling im Februar, bei dem zwölf Menschen ums Leben gekommen waren und für die Einsatzkräfte – von Polizei über Rettungsdienst bis zur Feuerwehr – eine schier unmenschliche körperliche und seelische Belastung darstellte. „Das war wirklich der Supergau“, erinnert sich Glas, „da war es besonders wichtig, dass die Psychologische Notfallversorgung den Kameraden zur Seite gestanden hat.“ So wisse ein Peer genau, welche Form der Unterstützung ein Feuerwehrler benötige – oder welche Unterstützung nicht nötig sei. Wobei Glas Wert darauf legt, dass die Peers „keine Psychotherapie“ böten. Hier würde – wenn nötig – auf Wunsch an den Experten verwiesen.

Ob eher jung oder eher alt – welche Kameraden mehr Hilfe und Unterstützung anforderten, diese Frage kann Glas nicht abschließend beantworten. „Das zieht sich durch alle Schichten“, weiß der 61-Jährige, der sich darüber freut, dass das Engagement nun auch durch einen Sozialpreis einer großen deutschen Drogeriemarktkette gewürdigt worden ist (wir berichteten). „Das bestätigt uns einfach in unserer Arbeit.“

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