"Risiko absolut verantwortungslos"

Seit 2006 hält die Gemeinde die Exklusivrechte in Händen, im Untergrund nach heißem Wasser zu bohren. Daraus kann Strom und quasi als Nebenprodukt Wärme gewonnen werden.

Im Januar läuft die Genehmigung aus und wird auch nicht verlängert. Das hat der Marktgemeinderat jetzt einstimmig beschlossen. Weil sich die Rahmenbedingungen verschlechtert haben, war kein Investor bereit, einzusteigen, und keine Versicherung, das Risiko eines Misserfolgs beim Bohren abzusichern.

Prien - Etwa 2005 erlebte die sogenannte hydrothermale Geothermie, wie die Energiegewinnung aus heißem Wasser aus mehreren Kilometern Tiefe genannt wird, in Südbayern einen Boom. Viele Kommunen sicherten sich über das Bergrecht "Claims". Auch der damalige Priener Bürgermeister Christian Fichtl holte sich die Genehmigung, in einem acht auf acht Kilometer großen "Erlaubnisfeld" bohren zu dürfen.

Schon damals war klar, dass die Kommune dieses Projekt nicht ohne Investor realisieren kann. Voruntersuchungen zeigten, dass im Priener Bereich mindestens fünf Kilometer tief gebohrt werden müsste, um auf über 100 Grad heißes Wasser zu stoßen. Es lagert in bestimmten Schichten im süddeutschen Molassebecken, das vom Altmühltal zu den Alpen hin abfällt. In Prien wären die tiefsten Löcher nötig gewesen, die jemals für solche Zwecke gebohrt worden wären.

Weil mindestens zwei Bohrungen erforderlich sind - eine, um das Wasser nach oben zu holen, und eine zweite, um es nach der Energieentnahme wieder ins Erdreich zu pumpen, lagen die groben Kostenschätzungen allein fürs Bohren damals schon weit im zweistelligen Millionenbereich.

Die Marktgemeinde ging auf Investorensuche, auch nach dem Wechsel auf dem Chefsessel im Rathaus 2008. Bürgermeister Jürgen Seifert berichtete nun im Marktgemeinderat erstmals öffentlich von intensiven, zweijährigen Verhandlungen mit dem Energiekonzern Evonik, der seinerzeit 50 Millionen Euro für das Priener Geothermie-Vorhaben veranschlagt habe. "Ich bin heute der Meinung, das war das einzige realistische Unternehmen", so Seifert rückblickend.

Evonik veranschlagte

50 Millionen Euro

Dann kam die Weltwirtschaftskrise, Evonik habe das Vorhaben wegen des Risikos der Refinanzierung "gekippt". Mit anderen Verhandlungspartnern, deren Namen nicht bekannt sind, habe sich dann "nichts konkretisiert", erst wieder mit der "FG-Gruppe" (früher "Fröschl").

Mit dem Unternehmen aus Regensburg schloss der Markt Prien einen "Letter of Intent" ab, also eine Absichtserklärung, derzufolge FG investiert und auf eigene Rechnung Strom erzeugt hätte. Prien hätte quasi als Nebenprodukt die Abwärme für ein mögliches Nahwärmenetz bekommen.

Zwar hatte die Gemeinde schon Jahre zuvor seismische Daten gekauft, die Energiekonzerne bei Bohrungen in der Umgebung gewonnen hatten. Aber bevor ein Bohrer ins Erdinnere getrieben worden wäre, wären noch genauere, dreidimensionale seismische Bilder aus dem Untergrund nötig gewesen, um die Lage der Felder mit heißem Wasser eingrenzen zu können. Denn nach Aussagen von Fachleuten gibt es tief unter Prien auch sogenannte Verwerfungen. Es ist also unklar, wo genau das heiße Wasser fließt.

Zur 3D-Seismik durch FG kam es nie, obwohl auch Dr. Achim Schubert von der Firma "Erdwerk" jetzt rückblickend sagte, "es sah erfolgversprechend aus". Aber dann "hat uns der Blitz getroffen", sagte der Geologe, der die Priener Pläne von Anfang an beratend begleitet hatte. Der damalige Bundesumweltminister brachte die "Strompreisbremse" ins Gespräch, was sinkende Entgelte für regenerativ erzeugten Strom zur Folge gehabt hätte. Von da an habe praktisch keine Kommune in Bayern mehr in ein Geothermieprojekt investiert, acht von neun Projekten, die er betreute, seien auf Eis gelegt worden.

Ein zweiter Faktor schreckte potenzielle Investoren zusätzlich ab. Bei zwei Bohrungen in Bayern sei kein heißes Wasser gefunden worden, erläuterte Schubert. Fachleute definieren den Erfolg bei der Suche nach der heiß-begehrten Energiequelle im Erdinnern als sogenannte Fündigkeit.

Bohr-Risiken

nicht versicherbar

Die beiden besagten Projekte waren von den Investoren entsprechend versichert, um das finanzielle Risiko zu minimieren. Die Versicherung musste hohe zweistellige Millionenbeträge zahlen. Seitdem ist kein Versicherer mehr bereit, solche Fündigkeitsversicherungen anzubieten. "Die Risiken sind nach heutigem Stand nicht versicherbar", konstatierte Seifert.

Schubert bezifferte die wahrscheinlichen Kosten allein für die Bohrungen in Prien im Marktgemeinderat auf gut 30 Millionen Euro, ein "irrsinnig hohes Investitionsvolumen am Anfang". Insgesamt komme man - inklusive Kraftwerk und Leitungsnetz - "sehr rasch auf 70 bis 80 Millionen Euro Investitionskosten".

Dem Vorschlag von Bürgermeister und Verwaltung, keine Verlängerung des Bergrechts zu beantragen, widersprach im Gremium niemand. Ohnehin hätte dies wohl keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Die "Claim"-Rechte werden immer nur auf drei Jahre befristet vergeben. Verlängert werden sie nur, wenn der Rechteinhaber nachwiesen kann, dass er in der Zeit etwas unternommen hat. Prien war das 2009 und 2012 zweimal gelungen. "Ich denke, das war angesichts der Möglichkeiten richtig. Aber das Risiko ist absolut verantwortungslos", fasste der Bürgermeister zusammen, dass ohne Investor nichts zu machen sei.

Die Möglichkeit, dass sich jemand anders die Rechte für geothermische Bohrungen in Prien sichert, wenn die Reservierung für die Marktgemeinde Mitte Januar ausläuft, sah unter anderem CSU-Fraktionssprecher Michael Anner. Aber "die Möglichkeit, dass hier jemand zu bohren beginnt, schätze ich gegen Null", sagte Seifert angesichts der nicht versicherbaren Risiken. db

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