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Ortsbesuch in Rimsting

Mobilfunk-Krise am Chiemsee: Bürgerinitiative steigt auf die Barrikaden

4109 Einwohner hat die Gemeinde Rimsting. Nicht alle freuen sich auf die schnelle Mobilfunk-Anbindung.
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4109 Einwohner hat die Gemeinde Rimsting. Nicht alle freuen sich auf die schnelle Mobilfunk-Anbindung.
  • Kathrin Braun
    VonKathrin Braun
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Der Ausbau des 5G-Netzes schreitet voran. Die Technologie löst aber auch Verunsicherung aus. Viele Bürger wehren sich gegen Sendemasten. Etwa in der Gemeinde Rimsting. Ein Ortsbesuch.

Rimsting – Rund um den ehemaligen Bahnhof von Rimsting lässt es sich besonders gut abschalten. Kein Handy-Empfang. Für Josef Werner ist das schlecht. Seit 32 Jahren leitet er Serra Sawmills, einen Hersteller von Sägewerksanlagen. Im Arbeitsalltag muss er immer noch das Festnetz nutzen. „Ich habe in meiner Firma noch nie mit dem Handy telefoniert“, sagt er. „Das Netz ist katastrophal, nichts funktioniert!“

Eigentlich hat man im Rest der Gemeinde am Chiemsee im Kreis Rosenheim guten Empfang. Nur eben nicht im Gewerbegebiet am alten Bahnhof – da schwinden die Balken auf dem Smartphone. Auch im Baumarkt um die Ecke ist das Netz tot. „Das macht uns nichts“, sagt ein Mitarbeiter, „wir haben ja Telefone.“ Josef Werner kann die Gleichgültigkeit nicht nachvollziehen. „Wir sind den ganzen Tag auf dem Gelände unseres Werks unterwegs und müssen ständig erreichbar sein“, erzählt der Chef. „Deshalb haben wir extra tragbare Festnetztelefone dabei. Im Jahr 2021 kann das aber doch nicht normal sein.“

Der große Streitpunkt ist die Strahlenlast

Etwa zwei Kilometer weiter wohnt Sabine Lang. Sie telefoniert auch daheim nicht mit dem Handy – obwohl sie guten Empfang hätte. „Ich schalte das Handy nur ein, wenn ich es brauche“, sagt sie. Auch das WLAN wird nur selten angemacht. Lang ist besorgt wegen der Mobilfunkstrahlung. Deshalb hat sie letztes Jahr die Bürgerinitiative „Rimsting 5G-frei“ ins Leben gerufen. „Man weiß nicht, was diese Technologie im Körper auslösen kann.“

Sabine Lang von „Rimsting-5G-frei“ will keine neuen Sendemasten. Sie befürchtet gesundheitliche Schäden.

Das Mobilfunknetz der fünften Generation, kurz 5G, verspricht rasend schnelles Internet. Es ist der Nachfolger der LTE- bzw. 4G-Technik. Der Bund spricht von neuen Chancen für Industrie, Landwirtschaft und Gesundheitsversorgung – etwa indem Krankenhäuser in Echtzeit mit Rettungswagen verbunden sind. Jeder soll von 5G profitieren: Filme können in vier Sekunden heruntergeladen werden, in Zügen soll das 5G-Netz stabil bleiben, ebenso im Stadion oder auf Konzerten. Und 5G soll autonomes Fahren ermöglichen.

In Rimsting gibt es schon zum Teil 5G, nun plant die Telekom einen neuen Mast, auch der Mobilfunkanbieter Telefónica hatte einen eigenen Standort in der Gemeinde angefragt. „Mich macht das alles sehr unsicher“, sagt Sabine Lang. Die Mittelschullehrerin befürchtet, dass es irgendwann „keine Bereiche ohne Elektrosmog“ mehr gibt. „Insbesondere für elektrosensible Menschen.“ Die Strahlung sei nicht gut genug erforscht. „Viele Wissenschaftler und die Weltgesundheitsorganisation WHO sind der Meinung, dass 5G krebsfördernde Wirkung haben kann.“

Das stimmt so nicht ganz: Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO hat zwar 2011 Mobilfunkstrahlung als potenziell krebserregend eingestuft, dabei wurde aber nicht berücksichtigt, wie viel Strahlung der Mensch im Alltag tatsächlich abbekommt. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) konnte bislang keine krebserregende Wirkung im Alltag feststellen. Die IARC stuft auch eingelegtes Gemüse als „möglicherweise krebserregend“ ein, sowie Rauchen, Fleischessen und Flugzeugfliegen als „wahrscheinlich krebserregend“.

Lang packt einen Stapel Unterlagen auf den Tisch. Darin stehen Grenzwerte, die in Deutschland höher angesetzt sind als in anderen Ländern. Und Argumente, die die 31 Mitglieder der Initiative gesammelt haben. „Unter unseren Mitgliedern sind Lehrer, Landwirte, Imker, Ingenieure, Krankenpfleger, Ärzte“, sagt Lang. „Wir alle sehen 5G bezüglich des sorglosen Umgangs kritisch.“ Sie seien sich auch bewusst, dass Mobilfunk zum alltäglichen Leben gehört. Die Initiative wolle die Rimstinger aber „informieren und sensibilisieren“. Lang informiert sich selbst hauptsächlich über das „Bündnis Verantwortungsvoller Mobilfunk Deutschland“, ein Zusammenschluss von mehr als 150 Bürgerinitiativen gegen 5G. Und über den Verein „Diagnose Funk“, der zum Beispiel vor Schmerzen, Schlafstörungen oder Krebs durch Mobilfunkstrahlung warnt und zu Protesten gegen den 5G-Ausbau aufruft.

Die Informationen des Vereins sind umstritten: In der Vergangenheit etwa hat das BfS Stellung zu einer Mitteilung von „Diagnose Funk“ bezogen, wonach Mobilfunkstrahlung für das Insektensterben verantwortlich sein soll. Das sei falsch, so das BfS.

Bei hochfrequenten Feldern wie beim Mobilfunk wurde bislang eine einzige Wirkung auf den Menschen nachgewiesen: „Die Mobilfunkstrahlung kann den menschlichen Körper erwärmen“, sagt Blanka Pophof vom BfS. Wie beim Erhitzen von Speisen in der Mikrowellen versetzt Mobilfunkstrahlung Wassermoleküle in Schwingung. „Das Ganze wird erst gesundheitlich relevant, wenn die Erwärmung ein Grad überschreitet.“ Die Grenzwerte seien aber so angesetzt, dass dieser Wert durch die Strahlung von Sendemasten nicht mal annähernd erreicht werden kann.

Kritiker weisen darauf hin, dass das Mobilfunknetz eine niedrigere Reichweite hat, je höher die Frequenz ist. Da das 5G-Netz höhere Frequenzen erreicht, müssen also mehr Sendemasten für dasselbe Gebiet aufgestellt werden. Das sei zwar richtig – dennoch würden die Grenzwerte in der Regel gerade mal im Ein-Prozent-Bereich ausgeschöpft, sagt Pophof. „Die Strahlenbelastung kommt überwiegend von den Geräten, die man nutzt“, sagt sie, „also Smartphones und Tablets zum Beispiel. Aber auch da sehen wir keine gesundheitliche Risiken.“ Vereinzelt gebe es Studien, die ein geringfügig höheres Risiko für Hirntumore bei Leuten sehen, die viel mit dem Handy am Ohr telefonieren. „Andere Studien behaupten was anderes, hier muss also weiter geforscht werden.“

Bürgermeister Andreas Fenzl (CSU) sagt: „Eine Gemeinde ist mit den technischen Fragen überfordert“.

Andreas Fenzl, CSU-Bürgermeister von Rimsting, sitzt zwischen den Stühlen. „Es gibt viele Bürger und Firmen, die den Bedarf nach einer besseren Mobilfunkversorgung sehen“, sagt er. „Andererseits haben die Leute Bedenken.“ Fenzl versteht das. „Ich will die Ängste nicht kleinreden. Ich bin selbst skeptisch.“ Eine Gemeinde sei aber mit den technischen Fragen überfordert. „Alles flächendeckend mit Masten zuzubauen und alles zu bestrahlen, da muss ich den 5G-Gegnern schon Recht geben: Ich sehe da auch Risiken, kann die Gefahren aber weder abschätzen noch widerlegen.“

Die Gemeinde verhandelt seit Monaten mit der Telekom über den Standort. „Eigentlich haben wir überhaupt keinen Einfluss darauf, welche Masten in unsere Gemeinde kommen“, sagt Fenzl. Nur über den Standort lässt sich streiten. Und das tut die Gemeinde auch. Offiziell geht es ums Landschaftsbild, aber auch im Gemeinderat gibt es 5G-Skeptiker.

Rimsting ist nur ein Beispiel. Auch in vielen anderen Gemeinden ist 5G ein Thema. Um sich eine bessere Verhandlungsposition zu schaffen, erarbeitete sich Rimsting inzwischen einen Handlungsleitfaden und holte sich einen Gutachter. Der Leitfaden ist das Ergebnis einer von Sabine Lang beantragten außerordentlichen Bürgerversammlung. Und siehe da: Die Maßnahmen tragen erste Früchte: Telefónica will nun den Mast der Telekom mitnutzen statt einen eigenen zu bauen. Als Lang die Unterlagen wegräumt, sagt sie: „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Mobilfunk.“ Man sei für eine „flächendeckend angemessene Mobilfunkversorgung“. Also so wenig 5G wie nötig. Der Name „Rimsting 5Gfrei“ stamme noch aus den Anfängen. „Da dachten wir noch, wir könnten 5G verhindern. Können wir nicht.“ Man müsse aber „mehr Vorsorge betreiben“. „Dieser sorglose Umgang mit der Technologie hinterlässt viele Fragezeichen“, sagt Lang. Ihr Handy bleibt deshalb weiterhin aus.

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