Verlorene Schulzeit? – Priener Rektor sagt: „Wir fangen da wieder an, wo wir aufgehört haben“

Wo sonst das Jahresmotto der „sozialwirksamen Schule“ vorgestellt wird, platziert Rektor Marcus Hübl jetzt Hygienehinweise.
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Wo sonst das Jahresmotto der „sozialwirksamen Schule“ vorgestellt wird, platziert Rektor Marcus Hübl jetzt Hygienehinweise.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Homeschooling und die stufenweise Rückkehr in den Präsenzunterricht stellen Schulen vor viele unbekannte Herausforderungen. Lehrer wecken manche Schüler daheim mit dem Handy. Für andere werden wegen der Abstandsregeln die Busse langsam knapp.

Prien – Am Dienstag erreicht die Franziska-Hager-Mittelschule ein wichtiges Etappenziel dieses außergewöhnlichen Schuljahres. Dann finden die letzten Abschlussprüfungen statt. Einen Tag zuvor kommen die Fünftklässler zurück aus dem Homeschooling. Dann werden langsam die Busse knapp, weil die Kinder dort nicht dicht gedrängt sitzen sollen. Die wöchentliche Lagebesprechung mit den Busfahrern, die auf zehn Linien aus acht Gemeinden Kinder nach Prien und mittags wieder heim fahren, gehört nach zwei Monaten Ausnahmezustand schon zum Pflichtprogramm.

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+++„Organisatorisch ist das ein Wahnsinn“, sagt Rektor Marcus Hübl. 1000 Details wollen bedacht werden, und trotz allem Aufwand: „Wir fangen da wieder an, wo wir aufgehört haben“, macht sich der Schulleiter nichts vor. Schule daheim ist keine Fortsetzung des Lehrplans. Dafür sind die Voraussetzungen viel zu individuell.

Kochen unter erschwerten Bedingungen: Maskenpflicht herrschte heuer bei den Abschlussprüfungen im Fach Hauswirtschaft in der schuleigenen Großküche. Berger

Einige Schüler werden per Handy vom Lehrer geweckt

Da sind Familien, in denen es nur einen Computerarbeitsplatz gibt und wo sich der Vater im Homeoffice mit seien schulpflichtigen Kindern teilen muss. „Corona zeigt uns die Chancen der Digitalisierung, aber auch deren Grenzen auf“, hat Hübl beobachtet.

Da sind andere Schüler, die sich schwer tun, sich zuhause zu organisieren und zu disziplinieren. „Einige werden von ihren Lehrern per Handy geweckt“, verrät Hübl.

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Konrektor Wolfgang Hutzler erzählt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung mit Sorgenfalten auf der Stirn von einer seiner besten Schülerinnen, die nach wochenlanger häuslicher Isolation kurz vor einer Depression gewesen sei.

„Unsere Schule lebt von der Beziehung und vom persönlichen Kontakt zwischen den Schülern und Lehrern“, erklärt Hübl, dass der sogenannte Präsenzunterricht im Klassenzimmer für Mittelschüler noch einmal um einiges wichtiger sei als für Gymnasiasten oder Realschüler.

Mit Abstand: Disziplin zeigen die Mittelschüler nach Unterrichtsende auf dem Weg zu den Bussen, in denen sie auch mit Abstand sitzen.

Eigentlich gilt an der Mittelschule deshalb das Klassleiterprinzip: ein Lehrer für (fast) alle Fächer. Das ist jetzt jede Woche schwerer durchzuhalten. Um sie nicht auseinanderzureißen, hat die Schulleitung die größten neunten Klassen in die Turnhalle umquartiert.

Seit drei Wochen sind die neunten und zehnten Abschlussklassen jetzt wieder im Haus. „Sie machen das toll, sind diszipliniert und halten sich an die Regeln“, lobt der Rektor. Seit einer Woche sind die achten Klassen wieder da, nächste Woche kommen die Fünftklässler.

Die schrittweise Rückkehr zur Normalität belastet zunehmend das Kollegium, immer mehr Lehrer müssen mehrgleisig fahren. Fünf von 50 fallen momentan alters- oder krankheitsbedingt aus, zehn sind im Homeoffice. Die anderen unterrichten Gruppen im Haus, andere Schüler im Homeoffice. Wechselweise werden Kinder in der Notbetreuung beaufsichtigt, die nicht alleine zuhause bleiben können. Bei den Mädchen und Buben aus der offenen Ganztagsschule helfen Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt mit.

Lehrer begleiten Schüler mittags bis zum Bus

Ab 7.30 Uhr herrscht jetzt schon Präsenzpflicht unter Lehreraufsicht in den Klassenzimmern, damit die Kinder nicht Schulhof und Aula bevölkern und sich zu nahe kommen. Und nach Unterrichtsende begleiten die Lehrer ihre Schützlinge vorsichtshalber zum Bus, damit niemand im Übermut gegen Hygieneregeln verstößt. Die Schultage sind verkürzt auf drei oder vier Unterrichtsstunden, um Pausen und damit Betrieb auf den Gängen zu vermeiden.

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Weil eine Handvoll Schüler zum Beispiel wegen Asthma auch zur Risikogruppe gehört, muss eine Handvoll Jugendlicher individuell im Homeschooling betreut werden. Sie kommen nur zu den Prüfungen ins Haus.

Manche Lehrer, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, also Vorerkrankungen haben oder über 60 sind, kommen auf eigenes Risiko, um ihre Schützlinge nicht hängen zu lassen.

Woanders springen fachfremde Kollegen, ein, damit alle Abschlussprüfungen planmäßig stattfinden können. In Hauswirtschaft ist ein Teil des Fachwissens heuer eh nicht gefragt. Die Lehrerinnen dürfen aus hygienischen Gründen die Speisen der Schüler nicht kosten. Der Geschmack der Gerichte, sonst ein mitentscheidendes Kriterium für die Note, bleibt außen vor. Umso mehr gilt heuer: Das Auge (des Lehrers) isst mit.

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