Reit im Winkl: Wie aus einem Kriegszahnarzt ein Dorfzahnarzt wurde

Dr. Karl Scherer, der bis heute in der Praxis am Kaiserweg arbeitet, mit einem Bild seines Vaters.
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Dr. Karl Scherer, der bis heute in der Praxis am Kaiserweg arbeitet, mit einem Bild seines Vaters.

Die Zahnarztpraxis Dr. Scherer in Reit im Winkl besteht seit 75 Jahren. Wie die Scherers in Reit im Winkl gelandet sind und ob sich die Familientradition fortsetzen wird.

Reit im Winkl – Im Laufe der Jahrzehnte gingen sehr viele Gebisse und Zahnlücken durch die Hände von Dr. Karl Scherer und seinem Vater. Sogar auch österreichische: Denn im nahen Kössen in Tirol gab es lange Zeit gar keinen Zahnmediziner. Seit 75 Jahren gibt es die Zahnarztpraxis Scherer.

Vater Karl Scherer wurde 1911 in München geboren und studierte Zahnmedizin. 1940 heiratete er seine Frau Berta, die damals als junge Lehrerin nach Traunstein versetzt worden war und später in Ruhpolding unterrichtete.

Station als Mediziner vor Leningrad

Ihr Mann arbeitete erst drei Wochen als Zahnarzt in Reit im Winkl, bis er einberufen und dann bis Kriegsende als „Kriegszahnarzt“ in der Rot-Kreuz-Station vor Leningrad verpflichtet wurde. Im August 1945 wurde er aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen.

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Genau an seinem Geburtstag, am 18. August 1945, nahm er seine Arbeit in Reit im Winkl wieder auf. Im Mai 1946 wurde ihr Sohn „Karlimann“ geboren. Der Standort der Praxis wechselte, bis 1960 das eigene Haus am „Kaiserweg“ fertig wurde.

Karl Scherer junior legte nach einer glücklichen Kindheit 1965 sein Abitur am Staatlichen Landschulheim Marquartstein ab. Zunächst stellte sich die Frage, ob er Medizin studieren sollte, oder doch lieber in die Fußstapfen des Vaters treten sollte.

Zahnmedizin oder Humanmedizin?

Er entschied sich für Letzteres und schrieb er sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein. Nach Staatsexamen und Promotion wurde Dr. Karl Scherer junior Assistent in der Kieferchirurgie der Uniklinik. Eigentlich wollte er noch die Ausbildung zum Kieferchirurgen anhängen, doch nach dem unerwarteten Tod des Vaters 1972 übernahm er die Praxis.

1980 heiratete Karl Scherer die Münchnerin Susanne Plank, deren Eltern sich häufig am Wochenende in Reit im Winkl aufhielten. Mit Frau Susanne bekam Karl Scherer drei Söhne. Allerdings wurde keiner von ihnen Zahnarzt: Karl junior ist Arzt für Strahlenmedizin in Rosenheim, Michael ist Key Account Manager in München und Christian ist in der Werbebranche tätig.

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Der „neue Senior“ lebt nach wie vor gerne in Reit im Winkl und ist inzwischen 74 Jahre alt. Bis heute arbeitet er zeitweise noch in der Praxis. Neben der Zahnmedizin, ist das Wetter seine Leidenschaft. Seit 1960 begeisterte sich Scherer für Wetterphänomene und macht jeden Tag Aufzeichnungen dazu. Fast selbstverständlich kürte ihn 2007 der Deutsche Wetterdienstes (DWD) zum offiziellen Wetterbeobachter.

Wander- und Kletterreisen in alle Welt sind außerdem ein großes Hobby, das er mit seinem Nachbarn Walter Kellermann pflegt. Doch bei aller Naturfreude, ein bisschen „Großstadtluft“ konnte er auch durch eine Wohnung in München tanken, die inzwischen seine Söhne übernommen haben.

Die Standardfrage, ob es nicht unangenehm sei, ständig fremden Menschen im Mund rumzufummeln, beantwortet Scherer so: „Nein, das hat mich nie gestört, sagt Scherer. „Es ist ein schöner Beruf“.

Im Gegensatz zu einem Arzt, der oft sich auch mit sehr schweren Diagnosen befassen muss, sei die Aufgabe des Zahnarztes sehr dankbar. Denn ein Zahnarzt könne den Menschen fast immer helfen und Schmerzen wenigstens lindern. Außerdem könne man geistige mit handwerklicher Arbeit verbinden.

„In meinem Leben ist fast alles gut gelaufen“, resümiert Scherer dankbar. Am liebsten würde er noch Jahre weiterarbeiten, sofern es die Gesundheit erlaubt.

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