Rehkitze im Achental vor dem sicheren Tod gerettet

Drohnenpilotin Sabrina Augenstein aus Piding bei der Rettung eines Rehkitzes.
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Drohnenpilotin Sabrina Augenstein aus Piding bei der Rettung eines Rehkitzes.

Wildinitiativen unterstützen Landwirte mit Spezialdrohnen und Wärmebildkameras. Werden die jungen Tiere auf einer ungemähten Wiese aufgespürt, werden sie vorsichtig in die Nähe der Mutter an den Waldrand gebracht. Wichtig ist vor allem, dass sie keinen Menschengeruch annehmen.

Von Axel Effner

Marquartstein – „Die jämmerlichen Schreie und schrecklichen Bilder gehen mir seit gut zwölf Jahren nicht mehr aus dem Kopf.“ Ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis, ist Sabrina Augenstein inzwischen eine der prominentesten Vertreterinnen in Oberbayern, wenn es um den Schutz junger Rehkitze vor Verstümmelung und Tod bei der Mahd geht.

Unterstützt vom Tierschutzring Traunstein, hat die 25-jährige Pidingerin 2018 ein innovatives Rettungsprojekt für junge Rehkitze gestartet. Mit Hilfe eines Einsatzhandys (0 163 – 913 96 13) und einer Drohne mit Wärmebildkamera startet sie seitdem jedes Jahr zwischen Mai und Juli zu Einsätzen in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein. Das Projekt findet nicht nur wachsenden Zuspruch bei Landwirten und Jägern. Neben der Unterstützung durch neue Drohnenpiloten des Tierschutzrings Traunstein in Siegsdorf, Grabenstätt und Teisendorf gibt es seit diesem Jahr auch die ersten selbst organisierten „Luftretter“ in Marquartstein und Pittenhart.

Mähwerke bis 14 Meter Breite

Jedes Jahr im Frühjahr, wenn die Landwirte mit der ersten Heumahd beginnen, wird das vermeintlich sichere Versteck im hohen Gras für frisch abgesetzte oder junge Rehkitze zur tödlichen Falle. Statt wegzulaufen drücken sich die Tiere auch bei großer Gefahr in ihr Versteck. Experten schätzen, dass so jährlich bis zu 100 000 Jungtiere den bis zu 14 Meter breiten Mähwerken zum Opfer fallen. Die Traktoren der Landwirte donnern dabei mit bis zu 20 Stundenkilometern über die Felder.

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Die schlimme Erfahrung als 13-Jährige ließ Sabrina Augenstein keine Ruhe. Durch ihren Onkel, der passionierter Jäger ist, und Internet-Recherchen stieß die „natur- und tiernarrische“ junge Frau vor drei Jahren auf die Wildtierretung per Drohne. Dank tatkräftiger Unterstützung ihres Arbeitgebers und des Tierschutzrings Traunstein sowie durch Spenden konnte die engagierte Textillaborantin ein eigenes – und für die Betroffenen kostenfreies – Hilfsprojekt auf die Beine stellen. Das Flugtraining mit dem speziell optimierten Hexakopter übernahm Drohnenspezialist Jürgen Neumann aus Freilassing.

Rehkitzortung am frühen Morgen

Das Prinzip ist einfach: Mit Drohne und Wärmebildkamera werden die Felder vor dem Mähen in Serpentinenform abgeflogen. Am besten in den frühen Morgenstunden, wenn es draußen noch kühl ist. Dann lassen sich Kitze, aber auch Hasen, Wiesenbrüter und Katzen im hohen Gras aufgrund ihrer Körperwärme über das Display orten. Ist ein Kitz ausgemacht, wird es von einem der beteiligten und an den Fundort dirigierten Helfer an den Waldrand gebracht. Ein Korb, der über das Tier gestülpt wird, sorgt dort kurzzeitig für Schutz, sodass die Rehmutter das Kitz später wieder finden und sich seiner annehmen kann.

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Mit Handschuhen und dicken Büscheln aus Gras verhindern die Retter beim Wegtragen, dass das junge Kitz den Geruch von Menschen annimmt. In gleicher Weise arbeitet auch Markus Schmid. Der 35-jährige Schreiner und Jäger aus Höslwang ist seit letztem Jahr im Umkreis seiner Jagdpacht in Pittenhart im Rettungseinsatz.

Zusammenarbeit mit Jägern und Bauern

Die knapp 5000 Euro teure Spezialdrohne hat er nach intensiven Gesprächen zu je einem Drittel aus Eigenmitteln sowie aus Zuschüssen der Jagdgenossenschaft und des Bauernverbands finanziert. „Wir arbeiten zu fünft und stimmen die Termine über eine Whats-App-Gruppe ab. Da geht es oft schon um 4 Uhr aus dem Bett“. Auch in Truchtlaching, Seeon oder Obing war er schon im Einsatz. „Es ist ein wunderbares Gefühl, so ein kleines Kitz zu retten“, sagt Schmid. 37 Mal war er im vergangenen Jahr erfolgreich. Immer mehr Landwirte und Jäger wissen die Nummer seines Einsatzhandys zu schätzen (0 160/90 28 03 34). „Die leiden nicht selten auch darunter, wenn sie nach einem Unfall ein verstümmeltes Kitz töten müssen“, erklärt Schmid.

Süßenerin fit für Rettungseinsätze

Die Landwirte zwischen Schleching und Grassau im Achental will seit dieser Saison auch Doris Angerer aus Süßen bei Marquartstein für Rehkitz-Rettungseinsätze gewinnen. Nachdem die Goldschmiedin letztes Jahr ein verletztes Jungtier gefunden hatte, investierte sie ihre Ersparnisse in eine Rettungsdrohne. „Ich mache es wegen der Kitze und hoffe auf Unterstützung der umliegenden Jäger und Landwirte“, erklärt Angerer. Im Eigentraining und mit ergänzendem Know-how von Sabrina Augenstein machte sich die Tierliebhaberin im Frühjahr für Rettungseinsätze mit der Drohne fit. Wer will, kann ihre Dienste jetzt per Telefon anfordern (0 86 41/63 248).

Spenden für den Tierschutz:

Wer den Tierschutzring Traunstein bei der Rehkitzrettung per Drohne finanziell unterstützen will, kann dies mit einer Spende auf das Konto bei der Sparkasse Traunstein tun, IBAN: DE60 7105 2050 0000 3972 99, Stichwort: Drohnenprojekt. Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt, Spenden sind abzugsfähig. .Interessierte Landwirte können sich auch unter Tel. 0 86 66/ 92 78 581 melden. Unter dieser Nummer informiert auch die Vorsitzende Petra Mayer über das Projekt.

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