Raser und fehlende Gehwege: Landratsamt will kein Tempolimit

Angst vor dem Verkehr auf der RO22: Tabea Müller aus Greimharting begleitet ihre Söhne Lennart (links) und Valentin oder fährt sie mit dem Auto, weil es entlang der RO22 keinen sicheren Bereich für die Kinder gibt. Dabei liegen Kindergarten und Fußballplatz nur wenige Geh- oder Radminuten entfernt. Wo die Mutter steht, geht es zum Kindergarten.
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Angst vor dem Verkehr auf der RO22: Tabea Müller aus Greimharting begleitet ihre Söhne Lennart (links) und Valentin oder fährt sie mit dem Auto, weil es entlang der RO22 keinen sicheren Bereich für die Kinder gibt. Dabei liegen Kindergarten und Fußballplatz nur wenige Geh- oder Radminuten entfernt. Wo die Mutter steht, geht es zum Kindergarten.

Sind Fußgänger und Radler in Greimharting sicher? Der Rimstinger Gemeinderat sieht entlang der RO22, die direkt durch den Ortsteil führt, mehrere Gefahrenstellen. Vor allem Kinder und Senioren bedroht der Verkehr. Das Landratsamt hält ein Tempolimit für unnötig. Dagegen lehnen sich die Räte auf.

von Elisabeth Sennhenn

Rimsting – Die Kreisstraße RO22, die von Prien über Pinswang durch Greimharting führt, macht Rimstinger Gemeinderäten und Anwohnern große Sorgen. Zwei Streckenabschnitte sind es, die zuletzt im Gemeinderat für Zündstoff sorgten: Zum einen das Stück auf Höhe der Kreuzung Hubener Straße, wo links und rechts der RO22 der Wald für eine Licht- und Schattenwirkung sorgt und laut Beobachtung der Gemeinderäte meist schneller gefahren wird als die erlaubten 100 km/h. Zum anderen der Teil, der direkt durch Greimharting Richtung Fürst führt.

Berufsverkehr als Gefahr am Morgen

Gemeinderätin Mary Fischer (FW) schilderte auf Nachfrage unserer Zeitung die genaue Problematik: Die Straßenkreuzung nach Huben sei deshalb so gefährlich, weil sie auf einer Kuppe liege. „Autofahrer kommen mit Schwung auf der Kreuzung an, ausgerechnet dort, wo es zum Kindergarten geht. Just an dieser Stelle endet auch der straßenbegleitende Fahrradweg.“ Ihren Vorschlag, das Greimhartinger Ortsschild, das jetzt auf der Höhe des Fußballfelds steht, an die Kreuzung zu versetzen, damit nur noch 50 km/h gefahren werden kann, habe das Landratsamt Rosenheim wegen der fehlenden Wohnbebauung an dieser Stelle abgelehnt. Fischer wie auch andere Gemeinderäte geben zu bedenken, dass hier vor allem morgens der Berufsverkehr „enorm belastend“ sei.

Behörde: Streckenabschnitt „unauffällig“

Neu ist das Thema RO 22 im Gemeinderat nicht: Bereits im Mai bat man das Landratsamt um erneute Prüfung, welche Maßnahmen für ein Tempolimit ergriffen werden können. Bürgermeister Andres Fenzl (CSU) informierte sein Gremium über die Antwort des Amts, die auch der Chiemgau-Zeitung vorliegt: Die Straßenverkehrsbehörde kommt mit Polizei und dem Landkreis Rosenheim als Straßenbaulast-Träger zu dem Schluss, „dass keine besonderen Gründe für Verkehrsmaßnahmen in diesem Bereich vorliegen.“ Man hält die RO 22 für eine „vom Verkehr her sehr gering belastete Kreisstraße“ und das Unfallgeschehen auf dem Streckenabschnitt für „nicht auffällig“.

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Mit dieser Antwort wollen sich die Gemeinderäte nicht zufriedengeben. „Muss denn erst etwas passieren, damit die Straßenverkehrsbehörde etwas unternimmt?“ empörte sich Thomas Friedrich (SPD). Er schlug an gefährlichen Stellen eine etwa 80 Zentimeter breite Abtrennung für Fußgänger vor. Ein anderer Vorschlag aus dem Gremium lautete, einen Teil der Böschung am Straßenrand abzutragen, und bis zum Fußballplatz einen Fußweg anzulegen – ähnlich dem Gehweg an der Rosenstraße. Geschäftsführerin Regina Feichtner machte darauf aufmerksam, dass dort der erforderliche Grund in Gemeindebesitz gewesen sei, im aktuellen Fall aber nicht. Das mache die Angelegenheit komplizierter.

Verstöße gegen Geschwindigkeitsbegrenzung

Kompliziert verhält es sich auch mit dem Abschnitt der RO22 durch Greimharting nach Fürst, folgt man den Ausführungen von Robert Perl, Dritter Bürgermeister (WGG), und Anwohnerin Irmgard Fischer. „Hier halten sich viele Verkehrsteilnehmer nicht ans Tempo 50“, beklagt Perl, und Fischer bestätigt, dass die Begrenzung auf Fahrzeuge bis 16 Tonnen so gut wie täglich unterlaufen werde.

Senioren fürchten die RO22 im eigenen Dorf

„Das macht es Eltern schwer, ihre Kinder allein zu Freunden oder zum Kindergarten laufen zu lassen“, hat Fischer beobachtet, die eines der fünf Häuser bewohnt, deren Ausfahrten direkt in die RO22 münden. Ein Lied davon singen kann zum Beispiel Tabea Müller. Sie bringt ihre Söhne Lennart und Valentin täglich persönlich zum Kindergarten beziehungsweise zur Schulbushaltestelle – sie hätte keine ruhige Minute, würden ihre Söhne die wenigen Gehminuten allein bewältigen müssen. Nur dem Großen traut sie zu, wenigstens mittags ohne Begleitung nach Hause zu kommen. Denn dann sei wenigstens der krasse Berufsverkehr vom Morgen durch. Irmgard Fischer indes ist zudem in der Seniorenarbeit engagiert und beobachtet: „Ältere Mitbürger haben Schwierigkeiten, mit ihren Autos auf die RO22 zu kommen, vor allem während des Berufsverkehrs. Zu Fuß fürchten sie die Straße ohnehin, obwohl das auch der Weg zur Kirche oder zum Gemeindehaus ist.“

Gemeinderätin Mary Fischer fügt an, 2019 sei die RO22 Richtung Fürst saniert worden – für 400 000 Euro – aber ohne den lang ersehnten Gehsteig für das Unterdorf. „Im Dunkeln braucht man zur Kirche eine Taschenlampe“, mokiert sie sich, „ ohne Gehsteig ist das viel zu unsicher.“ Eltern brächten ihre Kinder mit dem Auto zum Kindergarten: „Die paar Meter!“

Die einmütige Abstimmung im Gremium ergab: Die Gemeinde prüft, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit für einen Fußgängerweg im Unterdorf gibt, und legt bei der Straßenverkehrsbehörde Widerspruch gegen die Ablehnung eines Tempolimits auf Höhe der Hubener Kreuzung ein.

Wir berichten über die weitere Entwicklung des Themas.

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