Priener Verein setzt sich hartnäckig für Menschen mit Behinderung ein

Sichere Heimat für Menschen mit Behinderung: Die Wohnanlage des Vereins „Leben mit Handicap“ an der Stauden-Straße in Prien. Berger
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Sichere Heimat für Menschen mit Behinderung: Die Wohnanlage des Vereins „Leben mit Handicap“ an der Stauden-Straße in Prien. Berger
  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
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  • Anton Hötzelsperger
    Anton Hötzelsperger
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Die Gründung des Vereins „Leben mit Handicap“ mit seinen mittlerweile 200 Mitgliedern geht auf die Arbeit des Elternbeirates am Förderzentrum Aschau im Jahr 2003 zurück. Die Wohnanlage des Vereins an der Stauden-Straße in Prien ist mittlerweile sichere Heimat für Menschen mit Behinderung.

Prien – Zu den in Prien vielleicht stillsten, aber bestimmt wichtigsten Vereinen gehört „Leben mit Handicap“ – bekannt für seinen hartnäckigen Einsatz für Menschen mit Benachteiligung und Sorge dafür, dass sie selbstständig wohnen können. Die OVB-Heimatzeitungen stellen den Verein vor.

Die Gründung des Vereins mit seinen mittlerweile 200 Mitgliedern geht auf die Arbeit des Elternbeirates am Förderzentrum Aschau im Jahr 2003 zurück. Vereinsvorsitzender Günther Bauer erinnert sich: „Jedes Jahr mussten wir aufs Neue feststellen, dass unsere Förderzentrums-Absolventen größte Probleme hatten, einen Platz in einer Förderstätte oder in einem Wohnheim zu bekommen. Allzu oft waren unsere jungen Erwachsenen nach dem Schulende erst mal wochen- oder gar monatelang zuhause bei ihren Eltern“.

Unermüdlicher Streiter für Menschen mit Handicap: Günther Bauer.

Sie nahmen die Sache selbst in die Hand

So gingen über Jahre mühsam erlernte und trainierte Alltagsfertigkeiten im „Hotel Mama“ sehr schnell wieder verloren. Die etablierten Träger von entsprechenden Einrichtungen wussten von der Situation, sahen sich aber außerstande, etwas daran zu ändern. „Die zuständige Behörde, der Bezirk Oberbayern, bestritt schlichtweg, dass es Handlungsbedarf gibt.“

Meist zweimal im Jahr organisierte Elternbeirat Heiner Uebelacker einen Besuch bei einer „Nach-Aschau-Einrichtung“, um den Eltern der Schüler eine Vorstellung zu vermitteln, wie es für ihre Kinder weiter gehen könnte. Besucht wurden dabei die Caritas Wendelstein Werkstätten, die Stiftung Attl, die anthroposophische Lebensgemeinschaft Höhenberg bei Velden, die Lebenshilfe Traunreuth sowie Hohenfried bei Bayrisch Gmain.

Für Wohnbewerber gab es lange Wartezeiten

Die Erkenntnis: „Überall das gleiche Bild: Für Wohnbewerber gab es lange Wartezeiten. Im Betreuungszentrum Steinhöring führten sie nicht einmal eine Warteliste, frei wurden Wohnplätze nur, wenn jemand gestorben ist“, so Bauer im Gespräch mit unserer Zeitung. „In Steinhöring wurde uns aber auch gesagt: Bei uns haben Eltern ein Wohnheim in Eglharting gebaut, damit ihre erwachsenen Kinder einen Wohnplatz bekommen. Wir dachten: Das können wir auch.“ 2006 beschrieben die Elternbeiräte Silvia Schweinsteiger aus Flintsbach, Gunda Steigenberger aus Aschau und Günther Bauer in einem ersten Konzept, wie das Wohnheim funktionieren soll.

Hartnäckigkeit und Glück machten es möglich, in zentraler Lage in Prien ein Grundstück zu kaufen. Nach langen Planungen und anstrengenden Verhandlungen, insbesondere mit dem Bezirk Oberbayern, zogen am 12. Oktober 2012 die ersten Mieter in die „Wohnanlage Prien für Menschen mit Behinderung“ ein.

Sie weiß, dass er gut versorgt ist: Helga Stampfl mit ihrem Sohn Mathias.

Das Priener Haus ist kein Wohnheim, es gibt keinen für alles verantwortlichen Leiter. Jeder der 30 Mieter beauftragt einen mobilen Assistenzdienst seiner Wahl mit all den Leistungen, die er individuell braucht. In ganz Bayern gab es kein vergleichbares Haus, bis heute nicht. „Mit so wenig Hilfe wie nötig zu so viel Eigenständigkeit wie möglich“, dieses Motto zieht sich durch die tägliche Arbeit der Assistenten. Diese leiten ihre „Kunden“ an, ihren Alltag stets noch ein Stückchen selbstständiger zu meistern. Manche werden irgendwann soweit gefördert sein, dass sie alltägliche Aufgaben allein erledigen können.

Arbeit auch für Schwerstbehinderte

Ein weiteres großes Thema für den Verein sind Arbeitsplätze. Viele Priener fahren tagtäglich nach Raubling oder Rosenheim in die Wendelstein Werkstätten der Caritas. Nur einige wenige haben sogenannte Außenarbeitsplätze: Sie sind bei den Werkstätten beschäftigt und werden von diesen bezahlt, arbeiten aber in ganz normalen Betrieben. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet der Verein daran, Arbeitsmöglichkeiten für schwerst mehrfachbehinderte Menschen zu schaffen. Die Idee: „Auch Schwerstbehinderte können – mit individueller Unterstützung – arbeiten. Keine wirtschaftlich ertragreiche Arbeit, aber nützliche Tätigkeiten“, so Günther Bauer. Ihm und den Engagierten des Vereins fällt bestimmt eine Lösung ein.

„Ich fühle mich geborgen“

Seit 2012 wohnt Mathias Stampfl (51) in seinem Heimatort Prien in der Wohngemeinschaft „Leben mit Handicap“. „Ich hab‘ den Mathias mal vor einiger Zeit gefragt, wie es ihm dort gefällt, da hat er gesagt: Ich fühle mich geborgen“, freut sich seine Mutter Helga Stampfl im Gespräch mit unserer Zeitung. „Unser Sohn war bis zu seinem 20. Geburtstag gesund, hatte seine Gesellenprüfung als Fotograf absolviert und eine Stelle in der Werbeabteilung eines bayerischen Automobilherstellers in Aussicht. Am 20. Juli 1989 brach er in Rosenheim ohne äußeren Grund zusammen, lag acht Wochen im Koma. Die Diagnose: Luft im Kopf – wie die da hinkam, ist bis heute nicht klar. Als er aufwachte, konnte er nichts mehr – weder sitzen, stehen noch reden. Jetzt hat er Epilepsie, die rechte Seite ist gelähmt, er hat einen irreparablen Schaden im Sprachzentrum, kann schlecht lesen, nicht schreiben und hat Probleme mit der Wortfindung. Aber in den letzten 30 Jahren hat sich Mathias mit viel Kraft ins Leben zurückgekämpft, trotz der vernichtenden Prognosen der Kliniken Großhadern und auch Rosenheim.“ Richtig aufwärtsgegangen sei es aber dann vor acht Jahren, als Mathias in die Wohngemeinschaft einziehen konnte. Helga Stampfl: „Die Wohngemeinschaft ist so genial, weil mein Sohn durch den ambulanten Pflegedienst so viel Freiheit und Selbstbestimmung hat wie möglich und auf der anderen Seite so viel Hilfe und Betreuung bekommt, wie er braucht.“ Für sie sei es ungemein wichtig, zu wissen, „dass er gut versorgt ist, dass er sich dort zuhause fühlt und dass wir uns keine Sorgen machen brauchen, auch wenn wir mal nicht mehr sind.“

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