Erste Patienten im Chiemseehospiz

Priener Hospizbegleiterin erzählt: „Man kommt sich selbst sehr nah“

Ina Walther lebt viel intensiver und bewusster, seit sie als Hospizhelferin Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleitet.
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Ina Walther lebt viel intensiver und bewusster, seit sie als Hospizhelferin Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleitet.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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In diesen Tagen nimmt das Chiemseehospiz in Bernau die ersten Patienten auf. Den todkranken Menschen wird dort jede erdenkliche Hilfe angeboten. Dazu gehört auch die Begleitung durch ehrenamtliche Hospizhelfer.

Prien/Bernau – Ina Walther ist eine von ihnen. Die Wahlprienerin koordiniert auch die Kurse der Hospizgruppe Prien und Umgebung, in denen Freiwillige auf diese Aufgabe vorbereitet werden. Sie selbst hat durch diese Arbeit einen neuen Blick auf ihr Leben gefunden, erzählt Walther im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

„Man kommt sich selbst sehr, sehr nahe. Es ist eine enorme Schule fürs Leben“, sagt die 48-Jährige nach jahrelanger Hospizbegleitung. Die Nähe zum Tod habe sie noch mehr sensibilisiert und ihren Blick für das Wesentliche geschärft. „Ich möchte nie sagen müssen, dass ich die letzten zehn Jahre etwas gemacht habe, was ich nicht wollte“, beschreibt sie ihr Credo.

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Walther, die in Prien ein Büro für Biografiearbeit hat, ist es ein Anliegen, die Themen Tod und Trauer „mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“. Viel zu oft werden sie nach ihrem Geschmack noch als Tabu-Themen wahrgenommen. Gerade bei Jüngeren. Walther kennt die Fragen aus dem Freundeskreis, als sie selbst mit gut 40 den Grundkurs absolvierte, warum sie sich in diesem Alter mit „so was“ beschäftige. „Weil es uns alle betrifft“, ist ihre simple Antwort.

Seitdem hat sie viel gelernt, zum Beispiel über den Wert jedes einzelnen Menschen. „In unserer Gesellschaft ist Leistung so unglaublich wichtig, Leistung wird oft gleichgesetzt mit dem ,Wert‘ des Menschen. Wenn dann der Mensch auf Hilfe angewiesen ist, hat er oft das Gefühl, nutzlos zu sein und anderen zur Last zu fallen.

Als Hospizhelfer sollte ich in der Lage sein, dem sterben Menschen zu vermitteln, dass er als Teil der Gemeinschaft wichtig ist und einen Platz in der Gesellschaft hat.“

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Auch solche psychologische Facetten gehören zur vielseitigen Ausbildung. Die Grundkurse für Menschen, die sich für Hospizarbeit interessieren, sind in Prien seit Jahren gut besucht. Walther weiß aber aus Erfahrung, dass von 20 Teilnehmern in der Regel eine Handvoll bereit ist für den nächsten Schritt, den sogenannten Aufbaukurs. „Wir sehen Menschen, die im Kurs merken, dass sie an ihre Grenzen kommen“, erklärt die Wahl-Prienerin. Vom Pfarrer über den Bestatter bis zum Palliativarzt, in den Kursen sehen die Teilnehmer in neun Doppelstunden das Thema Tod „durch viele unterschiedliche Brillen“.

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Die Hospizgruppe Prien kann ihre Arbeit auf ein Fundament von 200 Mitgliedern aufbauen. Etwa 20 von ihnen sind aktive Sterbebegleiter. Das kann vieles heißen. Walther erzählt, das es mitunter schon reiche, die Hand eines bettlägerigen Patienten zu halten. Anderen singt oder summt sie auch mal etwas vor. Die 48-Jährige erinnert sich an alle, die sie eine Zeitlang begleitet hat, zum Beispiel intensiv an eine einsame Dame im Altenheim, die sich nicht mehr mitteilen konnte, mit der sie sich nur durch Augenkontakte verständigt habe.

„Der Wunsch des Patienten steht an oberster Stelle“, betont Walther, und ergänzt, dass auch die Angehörigen oft Wünsche hätten, und sei es nur eine stundenweise Entlastung durch eine Hospizbegleiterin von der fordernden Pflege.

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Walthers größter Wunsch für ihre ehrenamtliche Arbeit ist es, dass sich die Menschen früh genug melden, „um eine Beziehung aufbauen zu können“. Hilfe zu holen sei leider sehr „schambesetzt“ bedauert die 48-Jährige.

Mit dem stationären Chiemseehospiz mit zehn Plätzen an der Baumannstraße in Bernau kommt auf die Begleiter eine neue Aufgabe zu. Denn die Patienten in Bernau können wählen: wenn sie in ihrer Heimat schon begleitet wurden, kann die vertraute Person dies in der Einrichtung fortführen.

Auf Wunsch wird aber auch ein passender Hospizbegleiter zur Verfügung gestellt, erklärt Stefan Scheck, Vorstand des Chiemseehospiz und zugleich Vorsitzender der Hospizgruppe Prien. Aus den Vereinen in Rosenheim, Prien und Traunstein haben sich Begleiter zur Verfügung gestellt, nur die Berchtesgadener bleiben wegen der langen Wegstrecken hier außen vor. Die Verantwortlichen sind erfahren genug, um einschätzen zu können, welche Begleiterin oder welcher Begleiter geeignet ist, denn die Chemie muss natürlich stimmen.

Das stationäre Chiemseehospiz in Bernau hat inzwischen die ersten Patienten aufgenommen. Wie Pflegedienstleiterin Ruth Wiedemann berichtet, sind bisher drei todkranke Menschen aufgenommen worden. In den nächsten Wochen sollen es immer mehr werden, wenn auch die Mitarbeiterzahl immer weiter wächst.

Ab Januar wird auch ein Sozialpädagoge zum Team stoßen, der dann im Austausch mit dem Hospizvereinen die passenden Sterbebegleiter für Patienten auswählt, wenn dies gewünscht wird.

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