Priener Hausarzt testet täglich: Corona-Abstriche sind schon Praxis-Alltag

Dr. Otto Steiner und seine Assistentin Christine Schmelz erwarten die Patienten, die sich testen lassen wollen. Berger
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Dr. Otto Steiner und seine Assistentin Christine Schmelz erwarten die Patienten, die sich testen lassen wollen. Berger
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Bis zu 20 Patienten testet Dr. Otto Steiner täglich auf Corona. Der Priener Allgemeinmediziner ist einer der wenigen, die diesen Service anbieten. Er trifft dabei viele verunsicherte und ängstliche Patienten.

Prien – Jeden Vormittag um 10.30 Uhr streift Dr. Otto Steiner einen grünen Ganzkörper-Schutzanzug über und tritt ans Fenster. An einem seiner Behandlungszimmer ragt ein armdickes Stück Wasserrohr durch eine runde Öffnung im Glas nach draußen. Dort, auf einer kleinen Grünfläche hinter dem Priener Rathaus, treten dann nacheinander 10 bis 20 Patienten ans Fenster und reißen den Mund auf. Steiner entnimmt ihnen Abstriche.

Die Zahl der Corona-Tests hat zuletzt stark zugenommen, berichtet der Mediziner. Viele seien verunsichert, nicht wenige, besonders ältere Patienten hätten Angst. Auch seine Assistentin Christine Schmelz und ihre vier Kolleginnen müssen am Telefon ständig versuchen, Anrufer zu beruhigen und sie aufklären. Corona kommt immer näher und die Nervosität nimmt Tag für Tag zu.

Termin ausmachen bei Erkältungssymptomen

Waren es vor Wochen noch überwiegend Urlaubsheimkehrer, kommen nun hauptsächlich Prienerinnen und Priener aller Altersgruppen mit Erkältungssymptomen, erzählt Steiner. Sie sollen vorher unbedingt anrufen, appelliert er. Wenn sie vor der Tür stehen, geht eine seiner Helferinen nach draußen, das Risiko soll minimiert werden.

Der 72-Jährige macht keinen Unterschied, ob die Testpersonen zu den 1700 Patienten aus seiner Kartei gehören oder nicht. Steiner ist der vielleicht bekannteste Allgemeinmediziner in Prien, er praktiziert hier seit 40 Jahren, seit Mitte der 1980er Jahre im damals neuen Rathauskomplex. Jahrzehntelang war er zusätzlich als Notarzt im Einsatz, auch für die örtliche Feuerwehr.

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Sich zur Ruhe zu setzen ist für den 72-Jährigen keine Option. Woche für Woche fährt er nach der Sprechstunde ins Caritas-Altenheim in Trautersdorf und in andere Senioreneinrichtungen Priens und in Nachbarorten. „Ich kann doch meine Patienten nicht im Stich lassen“, begründet er die Überstunden. So einfach ist das. Auf sein Arbeitspensum in Corona-Zeiten angesprochen, muss er kurz überlegen. „Von 8 bis 8“ trifft es meistens, Zwölf-Stunden-Tage sidn die Regel, nicht die Ausnahme. „Ohne den Rückhalt der Familie könnte ich das so nicht machen“, weiß Steiner und nennt fast im gleichen Atemzug sein Praxisteam, dass auch im heißen Sommer trotz Schutzanzügen nie sein Engagement verloren habe.

Eine Prienerin lässt sich an der improvisierten Schleuse aus der Praxis nach draußen testen.

Umso mehr treffen ihn Zwischenfälle für vor ein paar Tagen am Telefon: Ein Priener wollte ein Attest, damit er keine Masken tragen muss. Als Steiner mit ihm diskutieren wollte, weil der Mann wohl kein Asthma oder ähnlich schwerwiegende Symptome hatte, habe der wütend aufgelegt. Tage später kam ein anonymer Brief. „Sie sind für mich kein Doktor und auch kein Herr mehr“, straft der Absender den Mediziner ab, weil der ihm nicht ohne Ðiagnose ein Blanko-Attest ausstellen wollte.

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Aber solche extremen Reaktionen sind die Ausnahme. Die allermeisten Patienten sind verständnisvoll und geduldig. Auch heute stehen sie mit Abstand und Masken um 10.30 Uhr auf dem Rathausplatz. Brigitte Lindenmayer aus Prien braucht einen negativen Text, damit sie ihre Mutter besuchen darf, weil ins Krankenhaus muss. Flora von Paucker und Maximilian Kling brauchen auch negative Tests, die sie bei den privaten Schulen vorlegen müssen ,die sie in München und er in Rosenheim besucht, erzählt das junge Paar der Chiemgau-Zeitung. Ein älteres Paar aus der Marktgemeinde, auch sie frei von verdächtigen Symptomen, will auf Nummer sicher gehen. Die Eheleute, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, erzählen von ihrem erwachsenen Sohn, der positiv getestet wurde und zu dem sie zehn Tage zuvor direkten Kontakt hatten.

Sieben Patienten durch Corona verloren

Wie viele Menschen er seit dem Frühjahr getestet hat, weiß Steiner nicht genau. Aber eine andere Zahl hat sich ihm ins Bewusstsein gebrannt. Als er erzählt, dass bisher sieben seiner Patienten an oder mit Covid-19 gestorben sind, wird seien Stimme immer leiser und er senkt den Blick. Anteilnahme ist für den 72-Jährigen alles andere als eine Floskel, er leidet mit.

Rücksicht und Respekt vor Älteren fordert er von der jüngeren Generation. „Diese Menschen haben unser Leben, wie wir es heute führen, so ermöglicht.“ Für Partys in diesen Zeiten hat Steiner keinerlei Verständnis.

Der erfahrene Priener Mediziner ist überzeugt, dass die disziplinierte Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln (Abstand halten – Hygienemaßnahmen beachten – Alltagsmaske tragen“ das beste Mittel ist, die weitere Ausbreitung der Pandemie zu stoppen.

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