Viele Jugendliche

Priener Familienberaterin über den 2. Corona-Lockdown: Zahl der Hilfesuchenden gestiegen

Renate Braun hat fast 40 Jahre Erfahrung in der Familienberatung. Durch Corona sind andere Sorgen in den Vordergrund getreten, weiß sie aus vielen Gesprächen.
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Renate Braun hat fast 40 Jahre Erfahrung in der Familienberatung. Durch Corona sind andere Sorgen in den Vordergrund getreten, weiß sie aus vielen Gesprächen.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Die Beratungsdienste für Familien schlagen Alarm: Ob Sozialdienst katholischer Frauen in Prien oder Caritas in Traunstein – die Fachleute weisen auf ein Problem hin, dessen Auswirkungen vielleicht noch gar nicht absehbar sind: Die Corona-Krise belastet zunehmend junge Menschen.

Prien– „Die Kinder sind die größten Verlierer der Corona-Pandemie“, sagt Renate Braun. Sie ist Familienberaterin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Prien. Überdurchschnittlich viele alleinerziehende Frauen suchen die Hilfe bei den Spezialistinnen in der Schulstraße 8. Waren es im Frühsommer beim ersten Shutdown noch die Folgen der Kurzarbeit, die es zu lindern galt, kommen in den letzten Wochen immer öfter Menschen aus Handel, Gastronomie und Hotellerie, weil sie die Kündigung bekommen hätten, berichtet Braun im Gespräch mit den OVB Heimatzeitungen.

Alleinerziehende Frauen treffe die Arbeitslosigkeit jetzt oft, wenn die Betreuung ihrer kleinen Kinder nachmittags nicht sichergestellt ist und sie deshalb nur vormittags arbeiten können. „Sie sind zu unflexibel“, weiß die Beraterin. Es treffe meist Frauen, die vorher angesichts ihrer Lebenssituationen ohnehin schon Druck gehabt hätten.

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Viele haben Angst vor der Zukunft

Die Zahl der Hilfesuchenden sei gestiegen – um wieviel, könne sie noch nicht sagen. Für Statistik fehlte in den vergangenen Wochen beim SkF Prien die Zeit. „Es herrscht allgemein eine große Verunsicherung, viele haben Angst vor der Zukunft und vor der Krankheit“, fasst Braun wesentliche Inhalte aus den Gesprächen zusammen.

Die Beratung selbst ist für die erfahrene Fachfrau auch schwieriger geworden. Zeitweise konnten Beratungstermine nur telefonisch angeboten werden, aber auch bei persönlichen Gesprächen „mussten wir uns umgewöhnen. Trauer, Tränen oder Wut sind hinter Masken nur ganz schwer zu erkennen“.

Wie die Beraterinnen im Corona-Lockdown arbeiten

Die SkF-Beraterinnen Braun, Andrea Dirscherl und Eva Götz-Huber wissen in den meisten Fällen, wo finanzielle Unterstützung beantragt werden kann, und sei es auch nur einmalig. Ein PC für 300 Euro sei für manche sogenannte Ein-Eltern-Familie oft schon eine Riesenerleichterung.

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Braun hat beobachtet, dass an vielen Stellen die Hilfsbereitschaft in der Corona-Pandemie größer sei als sonst, sie weiß aber auch, dass kurz vor Jahresende viele Fördertöpfe schon leer sind. Und sie kennt die bürokratischen Fallstricke, die verhindern, dass Hilfe zu 100 Prozent dort ankommt, wo sie wirklich gebraucht wird. Braun nennt als Beispiel den Kinderbonus, den die Politik zur Unterstützung beschlossen hatte.

Er sollte in zwei Raten ausbezahlt werden: 200 Euro im September, 100 im Oktober. Bei Alleinerziehenden sei oft nur die Hälfte angekommen, denn unterhaltspflichtige Väter konnten die Hälfte des Geldes einbehalten. Die Hoffnung, dass sie dafür ihrem Nachwuchs Schulsachen, Kleidung oder ein Weihnachtsgeschenk kaufen, habe sich in vielen Fällen nicht erfüllt, weiß Braun, die Väter hätten das Geld einfach behalten. „Die Kinder werden abgehängt“, ärgert sich Braun einmal mehr, dass die Kleinsten die Leidtragenden sind.

Kinder leiden unter Schulausfall

Aus vielen Gesprächen weiß sie, dass die Mädchen und Buben bei allem Bemühen der Schulen und aller Lehrer auch darunter leiden, dass Präsenzunterricht ausgefallen ist und während des zweiten Shutdowns jetzt auch wieder ausfällt. „Die Schulen sind ja auch ein soziales Gefüge“, gibt sie für die Auswirkungen über das reine Lernen hinaus zu bedenken und erzählt von einer Zweitklässlerin, die ihrer Einschätzung nach bisher höchstens den Lernstoff eines Schuljahres vermittelt bekommen habe. Welche Folgen solche Defizite später haben werden, kann heute niemand einschätzen.

Für Braun ist Corona ein Stück weit ein Rückfall in frühere Zeiten, spielt sie auf längst überwunden geglaubte Rollenmuster an. „Für Frauen ist das ein Rückschlag in frühere Zeiten“, ist sie überzeugt. Denn: Wenn die Betreuung der Kinder nicht geregelt sei, „sind es die Frauen, die zurückstecken“.

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Psychische Belastung im Lockdown

Gerade deren psychische Belastung während der Corona-Pandemie und des erneuten Shutdowns dürfte nicht übersehen werden., mahnt die Fachfrau. Sie har in ihren Beratungsgesprächen in den vergangenen Monaten mehr denn je festgestellt, dass es vielen allein schon „gut tut, mal über ihre Sorgen und Probleme reden zu können“.

Der Sozialdienst katholischer Frauen mit Sitz in Prien betreibt sechs Beratungsstellen in der Region. Schwerpunkt des Angebots ist die Beratung in Schwangerschaftsfragen und für Familien. In Prien ist die SkF-Geschäftsstelle in der Schulstraße 8 unter Telefon 0 80 51/10 20 erreichbar. Der SkF vermittelt unter anderem auch schnelle Hilfe in finanziellen und sozialen Notsituationen.

Jugendliche brauchen oft Hilfe

Die Beobachtungen der Priener SkF-Familienberaterinnen bestätigt Dr. Alexander Lohmeier. Der Diplompädagoge und Familienmediator leitet die Erziehungsberatungsstelle der Caritas im Landkreis Traunstein. Die Themen der Beratungsgespräche seien in den vergangenen Corona-Monaten „psychiatrisch härter geworden“. Bisher sahen sich die Berater der Caritas in Traunstein öfter mit allgemeinen familiären Themen konfrontiert.

Überdurchschnittlich hoch ist der Hilfebedarf Lohmeier zufolge derzeit bei Jugendlichen und „hochstrittigen“ Familien. Wegen des erneuten Shutdowns kann die Caritas in Traunstein, wie schon von März bis Mai, ihre Beratung jetzt nur noch telefonisch, per Mail oder online anbieten, nicht mehr persönlich – obwohl der Bedarf steigt: „Die Leute rennen uns die Türe ein“, so der Pädagoge.

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