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Immer mehr suchen Hilfe

Priener Beraterinnen schlagen wegen Corona Alarm: „Familien stehen massiv unter Druck“

Die Beraterinnen Renate Braun (links), Andreas Dirscherl (Zweite von rechts) und Eva Götz-Huber (rechts) werden beim SkF in der Schulstraße 8 unterstützt von Bürokraft Alexandra Hohentanner.
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Die Beraterinnen Renate Braun (links), Andreas Dirscherl (Zweite von rechts) und Eva Götz-Huber (rechts) werden beim SkF in der Schulstraße 8 unterstützt von Bürokraft Alexandra Hohentanner.
  • Dirk Breitfuß
    VonDirk Breitfuß
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„Den Leuten geht der Atem aus. Viele kommen auf dem Zahnfleisch daher.“ Bei Eva Götz-Huber suchen immer mehr Familien Hilfe. Sie ist eine der drei Diplom-Sozialpädagoginnen in der Priener Beratungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Südostbayern.

Prien – Die sozialen Kontakte brechen für viele Familien immer mehr weg, Kinder treffen keine Freunde mehr, Eltern müssen sich im Homeoffice verkriechen, das Vereinsleben liegt brach.

Beraterin Renate Braun erzählt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung von einem vierjährigen Buben, der mit ihr „Streit“ spielen wollte, weil er sonst niemanden mehr hat, an dem er sich reiben kann.

Warteliste bei neuen Anfragen

Götz-Huber, die bisher die Familienpatenschaften des SkF Südostbayern koordiniert und zusätzlich im Büro in Rosenheim beraten hat, ist Anfang März nach Prien gewechselt, weil Braun offiziell in den Ruhestand gegangen ist. Aber dienstags bietet diese noch Abendsprechstunden an, denn der Bedarf ist groß und steigt. 50 Klienten betreut Braun zurzeit, für Neuanfragen gibt es bei ihr eine Warteliste.

„Ich glaube, dass wir uns in ein paar Jahren fragen werden, was wir getan haben“, fürchtet Götz-Huber angesichts der noch nicht absehbaren Langzeitfolgen der sozialen Isolation gerade für Kinder und Heranwachsende. „Das sind die wichtigsten Jahre, das ist nicht mehr geradezubiegen“, warnt sie. Ihre Kollegin Andrea Dirscherl spricht aus ihren Beobachtungen von Beratungsgesprächen von „implodierenden“ Heranwachenden.

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Gerade viele Alleinerziehende suchen mit ihrem Nachwuchs beim SkF Rat und Hilfe, wenn sie aus eigener Kraft nicht mehr über die Runden kommen. Die drei Beraterinnen treffen immer mehr Frauen, die „massive“ Probleme“ wegen der extremen Doppelbelastung von Beruf und Familie haben. Stellvertretend berichtet Dirscherl von einer motivierten jungen Frau, die schon längst eine Ausbildung anfangen wollte, aber nicht kann, weil die Kinder angesichts geschlossener Kindergärten und Schulen zuhause sind.

„Die staatlichen Hilfen werden nicht ausgeschöpft“, weiß die Beraterin auch zu berichten, weil ihre Klientinnen oft von den extrem hohen bürokratischen Hürden schlichtweg überfordert seien. Mitunter füllt ein „Fall“ schnell einen ganzen Aktenordner. Manche Antragsangelegenheiten seien so komplex, dass sogar mancher Akademiker kapituliere und Hilfe beim SkF suche, verraten die Beraterinnen.

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Bei den „brutalen Durststrecken“, die manche gerade durchlaufen, reiche es mitunter schon, einfach da zu sein und zuzuhören, erzählt Götz-Huber. Dabei ist auch die Beratung an sich in Corona-Zeiten viel schwieriger als sonst. Bei niedrigem Inzidenzwert dürfen Einzelpersonen ins Büro in der Schulstraße 8 kommen. Steigen die Werte, müssen die Beraterinnen auf telefonischen Austausch umstellen. Manches lässt sich so nicht lösen, bedauert Braun und nennt beispielhaft die Klientin mit der Tüte voller Unterlagen, die sich am Telefon eben nicht zusammen durchgehen lässt.

Sogar die Vier-Augen-Gespräche gestalten sich schwieriger. Dirscherl nennt das Beispiel einer Nigerianerin, die schlecht Englisch sprach und hinter ihrer FFP2-Maske umso schwerer zu verstehen war. Zudem können die Pädagoginnen in solchen Situationen keine Mimik deuten, weil sie sie gar nicht sehen.

Zahl der Anfragen deutlich gestiegen

Der gestiegene Hilfebedarf durch die Corona-Pandemie und die Auswirkungen der Krise lässt sich auch aus der SkF-Statistik herauslesen. 2020 gab es in Prien 1053 sogenannte Beratungskontakte, etwa 100 mehr als im Jahr davor. In 884 Beratungsstunden konnte knapp 500 Personen geholfen werden.

Die SkF-Beratungsstelle für Schwangerschafts- und Familienfragen in der Schulstraße 8 ist montags bis donnerstags von 8 bis 12 Uhr sowie montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Telefonisch erreichbar ist sie unter 0 80 51/10 20. Termine für Beratungsgespräche gibt es nach telefonischer Vereinbarung.

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Neben Hilfe bei der Beantragung von Kinder-, Elternoder Betreuungsgeld bietet der SkF unter anderem Unterstützung im Umgang mit Behörden, Vermittlung finanzieller und sozialer Hilfen, Beratung bei rechtlichen Fragestellungen, psychosoziale Entlastungsgespräche, Begleitung nach Fehl-/Frühgeburt oder Schwangerschaftsabbruch und unterstützt bei der Wohnungssuche. Auch eine Kinderwunschberatung gehört zum Angebot.

Die Priener Beraterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Südostbayern haben sich inhaltlich zu 100 Prozent hinter eine Stellungnahme des SkF-Gesamtvereins mit Sitz in Paderborn zu jüngsten Entwicklungen im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche gestellt.

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In der Erklärung heißt es unter anderem: „Das Kölner Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum belegt ein verstörendes System der Tabuisierung von Sexualität, des Missbrauchs von Macht und der gezielten Vertuschung. Nicht zuletzt zeigt sich ein erschreckendes Fehlen von Empathie und der Bereitschaft, Verantwortung für die Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu übernehmen. Leider muss davon ausgegangen werden, dass das für andere Bistümer ebenfalls gilt.

Zehn Jahre des Ausweichens und der Ablenkung sind unerträglich. Jetzt muss endlich eine konsequente Gewaltenkontrolle, eine lebensbejahende und lebensnahe Sexualmoral, Entklerikalisierung und Geschlechtergerechtigkeit in unserer Kirche umgesetzt werden.

Entschieden wehren wir uns daher gegen das Verbot aus Rom zur Segnung homosexueller Paare. Jetzt ist es Zeit für Ungehorsam. Wir fordern alle Seelsorger eindringlich auf, niemandem den Segen zu verweigern. Es muss endlich Schluss sein mit Verletzungen. Wertschätzung muss erfahrbar werden.“

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