Schüler segelt durch die Welt, dann macht das Coronavirus die Rückreise nach Prien zum Abenteuer

Schwindelfrei muss man schon sein hoch oben im Ausguck. Privat
  • vonElisabeth Kirchner
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Valentin Bodler tauschte das Klassenzimmer gegen ein Segelschiff auf hoher See: Ein halbes Jahr schipperte der 17-jährige Priener Schüler als Projektteilnehmer um den halben Globus. Die Reise für insgesamt 34 Jugendliche entwickelte sich abenteuerlicher, als anfangs geplant.

Prien – Wie massiv sich die Welt in den sechs Monaten seiner Reise verändern sollte, konnte Valentin Bodler am 19. Oktober 2019 nicht ahnen: An dem Tag stach in Kiel das Segelschulschiff „Thor Heyerdahl“ in See, an Bord 34 Schüler als Teilnehmer des Projekts „Klassenzimmer unter Segeln“ (KUS), unter ihnen der 17-jährige Priener.

Bis Anfang März lief die Reise der Jugendlichen aus ganz Deutschland weitgehend wie geplant, doch dann wirkte sich die weltweite Corona-Pandemie auch auf sie aus. Von den Azoren ging es zurück nach Kiel und von dort sofort direkt zurück an den Chiemsee. Bis zum Abbruch hatten die segelnden Schüler nicht nur viele Seemeilen auf den Spuren der Spuren von Entdeckern wie Kolumbus oder dem Namensgeber des Schiffes, dem Forschungsreisenden Thor Heyerdahl, zurückgelegt, sondern auch normalen Schulunterricht an Bord.

Von seinen Erlebnissen und Eindrücken erzählt der Priener, der die zehnte Klasse des Landschulheims Marquartstein besucht, im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Wie kann man sich den Alltag an Bord vorstellen? Schule und Segeln gleichzeitig – das scheint doch recht schwierig zu sein?

Valentin Bodler: Jeden Tag passierte was Neues, aber im Großen und Ganzen ähneln sich die Abläufe. Zweimal am Tag hatte man Wache, das heißt, wir mussten das Schiff steuern, den Ausguck besetzen, Sicherheitsronde oder bei Maschinenbetrieb auch Maschinenronde gehen und oder als Wache 3 oder 4 die Leute in der Früh wecken. Unterricht hatten wir in zwei Gruppen an abwechselnden Wochentagen, nur sonntags war frei. Wer unterrichtsfrei war, hatte trotzdem immer was zu tun, sei es, um beispielsweise Fächer zu lernen, die an Bord nicht unterrichtet werden, oder um den Lernstoff zu wiederholen. Der Unterricht fand an Deck statt, außer es herrschte schlechtes Wetter oder die Wellen waren zu hoch. Das war manchmal schon lustig, denn während man so da saß und fleißig mitschrieb, konnte es schon mal passieren, dass durch eine der seitlichen Schlagklappen Wasser rein kam und die Füße naß wurden. In jedem der neun Fächer Mathe, Physik, Deutsch, Geschichte, Englisch, Spanisch, Bio und Chemie haben wir an Bord einen Test geschrieben. Zu diesen Fächern kamen dann noch die Wahlpflichtfächer Astronavigation, Meeresbiologie, Spanisch Konversation und Workshops Musik, global Learning, kreatives Schreiben, Zen-Meditation, Theater, Medizin und Basteln. Und natürlich hatten wir auch abwechselnd Backschaft und mussten Essen für bis zu 50 Leute machen.

An Bord der Thor Heyerdahl.

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Wie verlief denn die Route? Und wann kam der vorzeitige Abbruch?

Bodler: Los ging es in Kiel und dann der Route entlang über Falmouth (England), La Coruña, Safi, Teneriffa, Cap Verde, Grenada, Panama, Kuba bis nach Bermuda und von dort dann über die Azoren über Falmouth und die Niederlande – wo wir nicht von Bord durften – wieder zurück nach Kiel. Wir wussten über die Telefonate mit daheim von Corona und haben auch die Nachrichten, mit denen uns das Büro aus Deutschland auf dem neusten Stand hielt, verfolgt, aber wir waren wir ja nicht direkt damit konfrontiert. Soweit ich weiß, wollte keiner von uns die Reise vorzeitig abbrechen oder eher nach Hause fliegen. Meine Eltern haben mich in Kiel trotz des Tourismusverbots in Schleswig-Holstein unter strengen Sicherheitsauflagen abholen dürfen. (Die Angehörigen mussten Schutzmasken tragen und strikt Abstand halten, die Schüler durften nur einzeln von Bord gehen. Anm. der Red.)

Dennoch war es für dich sicherlich ein großartiges Abenteuer. Was war dein schönstes Erlebnis auf der Reise?

Bodler: Das schönste Erlebnis gibt es nicht, aber der Sturm - acht Windstärken und bis zu sieben Meter hohe Wellen – auf dem Nordatlantik ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der ganze Panama-Aufenthalt war super. Da waren wir beispielsweise drei Tage in einem Camp im Regenwald, in Boquete hatten wir eine Woche Spanischunterricht und waren bei Gastfamilien untergebracht und zum Abschluss lebten wir noch drei Tage bei den Naso-Indianern. Kuba war auch sehr spannend, da empfand ich den größten Unterschied bei System, Kultur und Leben zu meinem gewohnten Leben zu Hause. Die Fahrradtour quer durch Kuba war für mich eine ganz neue Art, das Land zu erkunden und kennenzulernen. Aber insgesamt ist es schon schwierig, all die Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten, da es in so kurzer Zeit so viele waren.

Valentin präsentiert selbst gebackenen Fladen

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Hattest du denn kein Heimweh?

Bodler: Doch schon, manchmal, aber nur wenig.

Wie war der Zusammenhalt unter den Mitseglern und Mitschülern?

Bodler: So eine lange Schiffsfahrt schweißt zusammen. Und wenn man mal mit jemanden ein Problem hatte, dann musste man das klären, weil wir ja auf engem Raum Tag und Nacht zusammen waren. Aber zurück mit der Thor Heyerdahl in Kiel war es dann schon komisch. Denn eigentlich gibt es eine große Feier beim Heimkommen. Auch das geplante Nachtreffen wurde leider wegen der Corona-Pandemie gecancelt. Aber wir als Gruppe sind trotzdem noch regelmäßig in Kontakt, manche Sachen verstehen eben nur wir als Insider.

Wie ist es, wieder daheim zu sein und wieder in die bayrische Schule zurückzukehren?

Bodler: Anders, da alleine schon die Zeit anders läuft als an Bord, und Corona macht es nicht leichter, aber man gewöhnt sich dran.

Das Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“

Das Klassenzimmer unter Segeln (KUS) ist ein Projekt der Universität Erlangen-Nürnberg, wobei die „Thor Heyerdahl“, ein Dreimast-Toppsegelschoner, als Schulschiff dient. Seit 1983 segelt sie als schwimmende Jugendbildungsstätte. KUS ist mehr als Unterricht. Es ist ein Lebens-, Erfahrungs- und Lernraum, in dem die Jugendlichen ihre Persönlichkeit entwickeln und entfalten können. Das Curriculum von KUS beinhaltet die Bereiche Schiffsbetrieb, mehrwöchige Landaufenthalte in fremden Ländern, Unterricht, Projekte und Praktika. Zu allen Bereichen im Projekt erhalten die Jugendlichen ein Feedback, das sowohl ihre fachliche Leistung, aber auch ihre soziale und persönliche Entwicklung beinhaltet. Aus den Fragebögen, die die KUS-Segler beantworten, entwickeln die Wissenschaftler der Uni neue Unterrichtsformen. Über die Homepage der „Schwimmenden Klassenzimmers“ kann man sich bewerben, nach einem Probe-Segeltörn rund um Pfingsten werden 34 Schülerinnen und Schüler ausgewählt, wobei Geld oder Segelerfahrung keine Rolle spielen.

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