Prien: Rauchclub „Gemütlichkeit“ ist fast 100 Jahre alt

Die Begriffe „Rauchen“ und „Gemütlichkeit“ gehörten in der Zeit vor Volksentscheiden einst zusammen. Doch Rauchclubs sind nicht zu verwechseln mit Raucherclubs, wie sie nach dem Rauchverbot entstanden. Wir stellen in der Serie „Mein Brauchtum, mein Sport, mein Verein“, die Institutionen vor.

Prien/Wildenwart . Dicker Zigarren- und Virginiarauch waren in den Wirtshäusern früher der Urbegriff der Stammtisch-Gemütlichkeit.

Übrig bleibt der soziale Gedanke

Lange und kurze Pfeifen waren überall vertreten und nach den Weltkriegen fand auch die Zigarette ihren Weg aus den Schützengräben in die Gesellschaft und wurde bei Männern und Frauen allgegenwärtig. Das gemeinsame Rauchen verband alle Bevölkerungskreise. Es wurden Preisrauchen abgehalten.

Dabei galt es, die einmal angezündete Zigarre oder die glühende Pfeife durch geschicktes Ein- und Ausatmen möglichst lange am Glimmen zu halten. Das Wettrauchen geriet jedoch mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund. Was blieb, war der soziale Gedanke. Das Rauchen war zu keiner Zeit der alleinige Vereinszweck der Rauchclubs in der Region, das Ziel war ein ganz anderes: Die Vereinsmitglieder sollten ein ordentliches Begräbnis erhalten. Sterbekassen waren zur damaligen Zeit auf dem Land für Bauern- und Holzknechte noch nicht bekannt. Für die Familien damals bedeutete Invalidität, Krankheit oder gar Tod des Ernährers oft bitterste Armut, da das staatliche Sozialsystem erst im Aufbau war.

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So fanden sich um die Jahrhundertwende in Wildenwart, Prien und Rimsting ein paar Männer zusammen, um die verbliebenen Angehörigen im Todesfall rasch mit ein paar Mark für die Ausrichtung der Beerdigung unterstützen zu können. Auch der gesellige Teil sollte nicht zu kurz kommen und so stand in den Statuten, der Verein habe „die Pflege des anständigen Vergnügens und der geselligen Unterhaltung zu pflegen“. In einigen Nachbarorten entwickelten sich aus den Krankenunterstützungsvereinen und Rauchclubs der Jahrhundertwende die heutigen Trachtenvereine.

Der Rauchclub Wildenwart ist einer von drei eigenständigen Vereinen – Prien, Rimsting und Wildenwart – die sich im Bezirk Prien zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben und umfasst 127 Mitglieder zwischen Hendenham im Süden und Siggenham im Norden. Der Mitgliederstand ist seit Jahren weitgehend gleich geblieben.

Jeder Einwohner der alten Gemeinde Wildenwart kann heute bis zur Vollendung des 40. Lebensjahres Mitglied im Rauchclub werden, ohne, dass er dazu rauchen müsste. Aktuell ist der komplette Vorstand Nichtraucher.

„Der Rauchclub Wildenwart ist heuer 99 Jahre alt und hat sich im Laufe seiner langen Geschichte bewährt, würde es ihn nicht geben, dann müsste man ihn erfinden“, so der Ortsvorsitzende Hans-Peter Priller.

„Da die staatlichen Leistungen beim Sterbegeld 2004 gestrichen wurden, muss jeder Einzelne Alternativen dazu suchen. Der Rauchclub ist eine davon. Er stellt beim Ableben eines Mitgliedes noch am gleichen Tag 400 Euro Sterbegeld für die Hinterbliebenen zur Verfügung und erweist seinem Mitglied am Grab die letzte Ehre“. reh

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