Prien: „Der Angeklagte ist nicht schuldig“

Jedes Detail ist wichtig: Die Richterin (Anna Sophia Schöttler) beäugt den Zeugen Oberstleutnant Lauterbach (Lena Arnold) kritisch.
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Jedes Detail ist wichtig: Die Richterin (Anna Sophia Schöttler) beäugt den Zeugen Oberstleutnant Lauterbach (Lena Arnold) kritisch.

Bereits in der Ankündigung hatten die Zuschauer lesen können, dass sie an diesem Abend zu Schöffen werden würden: Mit dem Stück „Terror – Ihr Urteil“ von Ferdinand von Schirach führte die 12b der Freien Waldorfschule Chiemgau keine leichte Kost auf.

Prien Wer sich einlassen wollte, bekam Argumente um Leben, Tod, Menschenwürde und Abwägung eindringlich vorgeführt – und durfte für das Urteil und damit für das Ende des Stücks sein Votum abgeben. Ein Passagierflugzeug wird von einem Terroristen gekapert, dieser zwingt den Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz Arena in München zu nehmen. In der Aussage vor der kühl agierenden Richterin berichtet der diensthabende Oberstleutnant nach Vorschrift gehandelt und zwei Maschinen der Luftwaffe zur Überwachung an die Seite des entführten Airbus geschickt zu haben.

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Warnschüsse hätten keine Gegenreaktion hervorgerufen, das Flugzeug blieb auf Kurs. Der Bundesverteidigungsminister verbot den Abschuss des Flugzeugs, einer der Kampfpiloten setzte sich über diesen Befehl hinweg und schoss die Maschine ab.

Die moralische Zerrissenheit des Zeugen wird bei seiner detaillierten Schilderung förmlich spürbar. Seine Stimmung beginnt jedoch in Schüchternheit umzuschlagen, als die zuerst vorsichtige dann aber forsche Staatsanwältin beginnt nachzufragen: Warum habe eigentlich niemand daran gedacht, das Stadion räumen zu lassen? War es richtig, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Abschuss verbot, sehr kontrovers diskutiert worden sei? Nach versuchten Ausflüchten musste der Leutnant zugeben: Ja, das Urteil des Verfassungsgerichts wurde in der Truppe für falsch eingeschätzt.

Menschenleben zu bewerten

Die Vernehmung des Angeklagten zeichnet dieses Bild noch deutlicher: Ja, er würde wieder so handeln. Er würde 164 Menschenleben opfern, um 70 000 Leben zu retten. Zuerst als zurückhaltende Person dargestellt, wurde er in seiner Überzeugung klar und selbstbewusst, die Frage der Abwägung von Menschenleben wurde deutlich ausgespielt.

Die anschließenden Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft sprachen jeweils mehrere Personen mit großer Intensität. Im Anschluss konnten die Zuschauer urteilen.

An diesem Abend und auch bei allen drei weiteren Vorstellungen stimmte das Publikum mehrheitlich für „Nicht schuldig“. Die Inhalte und Argumente des Stücks lieferten bestimmt einigen Zuschauern auch nach dem Ende noch genügend Diskussionsstoff.

Unter der von der 12b eigens für den Vorverkauf und die Vorführung gestaltete und programmierte Website www.theater-12.com sind viele Hintergrundinformationen zu finden. syb

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