Trotz Corona-Pandemie

Jonas Spensberger gibt Prien ein bairisches Wirtshaus zurück: Lokaleröffnung in der Lockdown-Zeit

Die Hendln von Wirt Jonas Spensberger gingen schon in den ersten Tagen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.
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Die Hendln von Wirt Jonas Spensberger gingen schon in den ersten Tagen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Warum eröffnet jemand in Corona-Zeiten während des Lockdowns für die deutsche Gastronomie ein Wirtshaus? „Weil ich ein Verrückter bin“, antwortet Jonas Spensberger. Der 29-Jährige ist der neue Schützenwirt im Priener Eichental.

Prien – „Eröffnet“ hat er freilich erstmal nur den neu gekauften Hendlgrill im Biergarten und die Küche, in der ein Mittzwanziger als Koch das Sagen hat. Schon am dritten Tag, an dem Spensberger seine acht Gerichte von der ersten Speisekarte zum Mitnehmen angeboten hat, hätten die Kunden mittags Schlange gestanden, obwohl er fast keine Werbung gemacht habe, freut sich der Wirt. Der Anfang stimmt ihn zuversichtlich.

Berufswunsch: „Ich eröffne ein Hotel am Chiemsee“

Er macht den Eindruck, als gehe er voll und ganz auf in seiner Rolle. In die Abizeitung in Wasserburg hatte er 2001 als ein Lebensziel formuliert: „Ich eröffne ein Hotel am Chiemsee.“ Das Bayerische Meer sieht er aus dem Eichental zwar nicht, dafür ist der Schützenwirt bei Ortskundigen und „Seeflüchtlingen“, die dem Trubel am Hafen entkommen wollen, sehr angesagt – nicht zuletzt wegen des idyllischen Biergartens unter den mächtigen Kastanien, den Spensberger mit Freiwilligen der Königlich Privilegierten Feuerschützengesellschaft (FSG) schon neu hergerichtet hat. Und sechs Zimmer zu vermieten gibt es auch, also ein bisschen Hotel. Ein paar hat der Wirt schon neu möbliert. Über Geld spricht er nicht. Natürlich hat er für seinen Traum viel davon in die Hand genommen. Obwohl er nicht damit rechnet, dass er von den staatlichen Hilfen, die zu Lockdown-Zeiten angekündigt wurden, als Neuling etwas abbekommt.

FSG als Hausherr trägt finanzielles Risiko mit

Die FSG ist der Hausherr. Ihr gehört der Schützenwirt samt Schießanlage. FSG-Vorsitzender Florian Wunderle ist froh, nach einigen Monaten Betriebsruhe, seit die vorige Pächterin aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hatte, einen engagierten und kreativen Nachfolger gefunden zu haben. Und er lässt Spensberger nicht im Regen stehen, jetzt, wo die angepeilte Eröffnung erstmal nur ein Abhol-Angebot istt. „Wir tragen das finanzielle Risiko mit“, versichert Wunderle, während er lächelnd einen Bierdeckel zwischen den Fingern dreht – auf der einen Seite prangt ein Eichenblatt als Schützenwirt-Logo, auf der anderen leuchtet dem Betrachter das Wappen der FSG entgegen.

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Die Verbindung von Tradition und Moderne, von der Einrichtung bis zur Speisekarte, das ist Spensbergers erklärtes Ziel. „Ich will gegen das Sterben der bairischen Wirtshauskultur antreten“, kündigt er mit entschlossener Stimme an.

Mit einfachen Mitteln hat er die Atmosphäre in der Gaststube schon sichtbar aufgefrischt. Drahtkorblampen verströmen zum Beispiel auch Licht nach oben und durch diesen Effekt wirkt der Raum viel größer.

Der 29-jährige Wirt schmeißt den Laden momentan noch zu zweit mit dem Koch. Bald soll ein Paar als Kellner und Zimmermädchen dazu kommen, Sie alle kennt Spensberger von früheren beruflichen Stationen – auch seine bessere Hälfte Vanessa. Die gelernte Köchin und Kellnerin beendet bald ihr Studium der Ernährungspädagogik in ihrer Heimat Innsbruck. Dann wird sie als Wirtin nach Prien kommen.

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Spensberger hat für seinen Lebenstraum ein hohes Risiko in Kauf genommen. Heimweh hat dabei auch eine Rolle gespielt, verrät er. Nach dem Abi lernte er in der Hotellerie und stieg schon als 24-Jähriger zum Hoteldirektor auf. skizziert er im Gespräch seinen eigenen Werdegang. Seitdem leitete er verschiedene Häuser, darunter ein Fünf-Sterne-Hotel in Leogang.

Jetzt hat er den Anzug gegen die Kochschürze am Hendlgrill getauscht. Der Lockdown entmutigt ihn nicht. „Ich hab mir schon gedacht: Das könnte ein wilder Ritt werden. Aber Du derfst halt ned ois hinschmeiß‘n, wenn´s schwierig werd.“

Jonas Spensberger bedient einen der ersten Gäste, der sich von der Speisekarte des Schützenwirts etwas zum Mitnehmen bestellt hat.

„Hier kann ich so sein, wie ich bin“, sagt der Schützenwirt

Derweil spinnt er seine Visionen weiter von einer Marke, die er mit dem Schützenwirt aufbauen will. Die Vereinsmitglieder der FSG sollen ein Teil sein, Wirtshauskultur mit modernen Farbtupfern die andere. „Hier kann ich so sein, wie ich bin“, sagt der Wirt, grinst übers ganze Gesicht, schaut sich um in der Gaststube und lehnt sich entspannt zurück. Es schaut sehr danach aus, als fühlt sich da einer wohl in seinem bairischen Wirtshaus.

Frust ist rauszuhören, wenn man Florian Wunderle als Vorsitzenden der FSG Prien anspricht, der der Schützenwirt gehört. Wie zeitweise im Frühjahr dürfen momentan nur zwei Schützen gleichzeitig auf die Anlage, die über 17 Schießstände verfügt. Wer trainieren will, muss sich vorab in einer Liste eintragen und reservieren. Die Härte der Corona-Maßnahmen kann Wunderle nicht nachvollziehen. „Wir haben alle unsere Hausaufgaben gemacht“, verweist er auf die Hygienekonzepte. „Ich verstehe nicht, dass alle über einen Kamm geschoren werden.“ Wenigstens habe es trotz der fehlenden Sportmöglichkeiten bei der FSG noch keine Austritte gegeben.

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