Bahn setzt Familienbetrieb in Prien vor die Tür – neuer Mieter soll bundesweite Kette sein

Peter (links) und Michael Ganter vor dem Zeitschriftenregal in ihrer Priener Bahnhofsbuchhandlung. Diese große Auswahl wird es in der Marktgemeinde in ein paar Wochen nicht mehr geben.
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Peter (links) und Michael Ganter vor dem Zeitschriftenregal in ihrer Priener Bahnhofsbuchhandlung. Diese große Auswahl wird es in der Marktgemeinde in ein paar Wochen nicht mehr geben.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Die Priener Bahnhofsbuchhandlung mit Kiosk muss wenige Monate vor dem 50. Firmenjubiläum schließen. Die Bahn hat den Betreibern keinen neuen Mietvertrag gegeben. Die Brüder Michael und Peter Ganter wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Prien – Am 1. Januar 1971 haben Marie-Luise und Peter Ganter einen Kiosk am Bahnhof übernommen. Daraus entstand später die Priener Bahnhofsbuchhandlung. Den 50. Geburtstag am 1. Januar 2021 wird das Familienunternehmen wohl nicht mehr erleben. Die Bahn hat den Mietvertrag nicht erneuert.

Schwerer Schlag

Für die Brüder Peter und Michael Ganter ist das ein schwerer Schlag. die beiden ausgebildeten Kaufleute haben den Betrieb vor 20 Jahren offiziell von den Eltern übernommen und seitdem enorm expandiert –nicht zuletzt auf Bitte der Bahn, wie sie im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erzählen.

15 Mitarbeiter betroffen

Die beiden ersten Filialen in Bad Endorf und Freilassing, die die Ganter-Brüder gründeten, sind von der Schließung zum Ende August ebenso betroffen wie die Zentrale in Prien. 15 Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft, als die Redaktion mit den Inhabern sprach hatten diese noch keinen gekündigt.

Hilfe von der Gemeinde?

In Prien haben die Ganter-Brüder einen offiziellen Antrag bei der Gemeinde gestellt und hoffen auf Hilfe, um eine Übergangslösung für ihr Geschäft zu finden, zum Beispiel in Containern irgendwo in Bahnhofsnähe. Andreas Hell, Geschäftsleiter der Marktgemeinde, bestätigt auf Anfrage den Eingang des Antrags. Dieser sei aber noch nicht im zuständigen Gremium beraten worden. Dies passiert zwangsläufig ohnehin in nichtöffentlicher Sitzung, weil es um Grundstücksfragen geht, die nie öffentlich beraten werden dürfen.

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Das sagt die Bahn

Die Bahn äußert sich auf schriftliche Anfrage nicht zu den Gründen für das Ende des langjährigen Mietverhältnisses im denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu Vermietungsangelegenheiten an unseren Bahnhöfen grundsätzlich nicht öffentlich äußern.“

Peter und Michael Ganter tun das. 120 000 Euro plus eine Umsatzbeteiligung haben sie nach eigenen Angaben im Jahr bezahlt und waren bereit, mehr zu zahlen, um ihre Läden zu retten. Sie mutmaßen, dass eine Strategieänderung irgendwo im Firmengeflecht der Bahn dafür verantwortlich ist, dass sie keinen neuen Mietvertrag bekommen. Der alte läuft nach zehn Jahren Ende August aus. Alles deutet darauf hin, dass als Nachfolger eine Filiale eines sogenannten „Foodvenience“-Konzerns nach Prien kommt, der schon an vielen deutschen Bahnhöfen fertige Snacks und andere Produkte zum Mitnehmen anbietet – auch Backwaren.

Fragezeichen hinter Müller-Filiale

Das wiederum treibt Luitpold Müller die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Geschäftsführer der Priener Familien-Bäckerei will zunächst die Entwicklung beobachten und die Situation zum Jahresende neu bewerten, wie er im Gespräch mit der Redaktion ankündigt. Müller betreibt im Bahnhofsgebäude eine seiner Filialen.

Er hatte den Mietvertrag schon zum 31. Juli gekündigt aus Ärger, weil sich die Bahn nach dem heftigen Umsatzeinbußen wegen der Corona-Pandemie „nicht bewegt“ habe bei Anfragen wegen eines Mietnachlasses. Nach der Kündigung habe sich die Bahn dann doch bewegt und so sein der Kompromiss entstanden, der nun vorerst bis zum Jahresende greift. Müller macht aber kein Hehl daraus, dass das Ausbleiben von Schülern und Berufspendlern sowie Touristen über viele Wochen für seine Filiale sehr schmerzhaft war. „Da können Sie auch 50-Euro-Scheine zerreißen“, umschreibt er es sehr bildhaft. Nach den Lockerungen entwickle sich die Situation jetzt „von katastrophal zu akzeptabel“. Aber: „Food-Convenience wäre für uns der Super-Gau“.

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Das offenbare Umdenken der Bahn bezüglich der Bestückung ihrer Bahnhöfe ist für Peter und Michael Ganter noch vor einem anderen Hintergrund besonders bitter. Sie hatten nach eigener Schilderung auf Bitten der Bahn in jüngerer Zeit expandiert und seit 2012 in Berchtesgaden, Garmisch, Weilheim und Freising weitere Filialen eröffnet. 750 000 Euro hätten sie dafür investiert in die Einrichtung der Läden. In Prien, Bad Endorf und Freilassing müssen sie ihre Regale nun abbauen und die Räume frisch geweißelt übergeben. So steht es im Mietvertrag.

„Das ist wie wenn ein Ehepaar seine goldene Hochzeit vorbereitet und plötzlich stirbt einer.“ Mit diesem drastischen Vergleich hat Dr. Herbert Reuther die Schließung der Bahnhofsbuchhandlung Prien kurz vor dem 50. Geburtstag kommentiert. Der Vorsitzende des Gewerbevereins PrienPartner nennt die Bahnhofsbuchhandlung einen „wertvollen Bestandteil“ des örtlichen Einzelhandels.Es treibe ihn um, wenn ein Familienbetrieb durch einen großen Filialisten ersetzt werden, denn „wenn es dem schlecht geht, dann haut er wieder ab“.

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