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CARITAS-SCHULDNERBERATUNG

„Plötzlich läuft irgendetwas schief“

Wenn Menschen vierle Schulden haben, haben sie auch viel Papierkram, der erledigt werden muss. Caritas-Schuldnerberaterin Sandra Schergen hilft auch dabei, egal ob Anträge, Vollmachten oder privater Haushaltsplan.  db
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Wenn Menschen vierle Schulden haben, haben sie auch viel Papierkram, der erledigt werden muss. Caritas-Schuldnerberaterin Sandra Schergen hilft auch dabei, egal ob Anträge, Vollmachten oder privater Haushaltsplan. db

Die Zahl der Privatpersonen, denen die Schulden über den Kopf wachsen, steigt. An zwei Tagen in der Woche bietet die Caritas in Prien persönliche Beratung für solche Menschen an. „Etwa zehn Prozent der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze“, verweist Regina Seipel vom Caritas-Zentrum Prien auf Statistiken.

Prien – Konkrete Zahlen für Prien liegen ihr zwar nicht vor. Aber Seipel glaubt, dass der Anteil armer Menschen in der vermeintlich reichen Marktgemeinde ähnlich hoch ist. „Viele Senioren leben mit kleiner Rente und Grundsicherung“, berichtet Seipel im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Sie weiß, wovon sie spricht, betreibt die Caritas in der „Alten Post“ am Bahnhof doch auch die Chiemseer Tafel. Bei der wöchentlichen Ausgabe von Lebensmittelpaketen, deren Inhalt gespendet wurde, zum symbolischen Preis von einem Euro an Bedürftige in Prien und der Außenstelle Bad Endorf sind Seipel zufolge zurzeit 405 Kunden registriert. Darunter seien 111 Kinder und Jugendliche. Die Aufnahme in die Kartei erfolgt erst, wenn die Caritas die Einkommensverhältnisse geprüft und die Bedürftigkeit festgestellt hat.

„Die meisten kommen erst, wenn es fast schon zu spät ist“ Regina Seipel, Caritas

Die Hemmschwelle, in finanziell schwierigen Zeiten fremde Hilfe zu suchen, ist unverändert groß, den meisten ist es schlichtweg peinlich. „Die meisten kommen erst, wenn es fast schon zu spät ist“, hat Seipel erfahren. Caritas-Schuldnerberaterin Sandra Schergen bestätigt das. Jeden Mittwoch bietet die Fachfrau nach Terminvereinbarung in der Alten Post“ individuelle Einzelberatung an, jeden Donnerstag ihr Kollege Robert Eiter. Schergen weiß sehr gut, dass der Glaube, wer hoch verschuldet sei, sei selber schuld, nur ein Vorurteil ist. Sie und ihre vier Teilzeit-Kollegen in der Schuldnerberatung der Caritas wissen, dass die finanzielle Zuspitzung oft überraschend kommt. „Die meisten, die bei uns sitzen, gehen Schulden ein im Vertrauen, sie zurückzahlen zu können. Aber dann läuft plötzlich irgendetwas schief.“

Häufig sind eine Trennung der Auslöser. Plötzlich müssen zwei Haushalte finanziert werden statt einem, gemeinsame Kredite sind zu bedienen, Unterhaltszahlungen kommen hinzu und einiges mehr. „Wenn ich zum Beispiel sehe, dass da noch zig Versicherungen laufen, dann lege ich den Finger drauf“, nennt Schergen eine Möglichkeit, wo der Hebel angesetzt werden kann.

Ein anderer klassischer Grund für finanzielle Probleme ist nach Schergens Erfahrung das private Umfeld: „Schulden werden immer noch vererbt.“ Politischen Fensterreden von Chancengleichheit bei der Bildung widerspricht sie aus Erfahrung. Wer aus armen familiären Verhältnissen kommt habe kaum eine Chance.

Und wer es ohnehin schon schwer hat, dem wird es nicht leichter gemacht. Alleinerziehende zum Beispiel, von denen es in Prien wegen der vielen Stellen in Kranken- und Altenpflege, Hotellerie und Gastronomie viele gibt, sind bei Vermietern nicht die Wunschkandidaten. Sie müssen notgedrungen oft ins Umland ausweichen – was wiederum neue Probleme mit sich bringt. Der Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Kindergarten oder zur Schuldnerberatung ist ohne Auto zeitraubend und kompliziert.

Telefonsprechstunde eigens für junge Leute

Immer öfter sind es inzwischen auch junge Menschen, die in Schuldenfallen tappen. Die Caritas hat darauf reagiert und bietet jetzt eine wöchentliche Telefonsprechstunde an, donnerstags ab 14.30 Uhr unter 0 80 31/ 20 37 30.

Die Versuchungen und Verlockungen im Internet treiben die Entwicklung mit immer mehr jungen Menschen in Geldschwierigkeiten voran. „Das läuft immer mehr aus dem Ruder“ beobachtet auch Seipel, dass Online-Bestellungen, -spiele und andere Angebote im Netz schnell dazu führen können, dass der Schuldenberg zu hoch wird, um ihn selbst und ohne Hilfe noch abtragen zu können. Nicht selten hilft am Ende nur noch der Schritt in die Privatinsolvenz.

Auch ohne diesen letzten Ausweg ist der Versuch, die Schulden in den Griff zu kriegen, unter anderem auch ein Papierkrieg. Vollstreckungsbescheid, Pfändungsbeschluss oder Inkassobriefe: Sie richtig zu lesen und richtig zu reagieren, gehört zum Alltag der Schuldnerberater. Bei aller möglichen Unterstützung steht und fällt alles aber mit dem Willen des Betroffenen, da wieder rauszukommen. „Die Bereitschaft ist entscheidend, die Ratenzahlung zum Beispiel muss der Betreffende selbst im Griff haben“, sagt Schergen. Sie und ihre Kollegen helfen nur dabei, diese Belastung in einem Haushalts plan realistisch mit einzukalkulieren.

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