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Restauratorennachwuchs am Werk

Plastikvorhänge vorm Depot des Holzknechtmuseums Ruhpolding: Das steckt dahinter

Durch eine Sicherheitsschleuse wurde der Depot-raum mit gesundheitsschädlichem Schimmelbefall von den übrigen Räumen getrennt. Von links: Die Dipl.-Biologin Bettina Beaury vor dem Mikroskop mit den beiden Studentinnen Alena von Quast und Luisa Lehmann.
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Durch eine Sicherheitsschleuse wurde der Depot-raum mit gesundheitsschädlichem Schimmelbefall von den übrigen Räumen getrennt. Von links: Die Dipl.-Biologin Bettina Beaury vor dem Mikroskop mit den beiden Studentinnen Alena von Quast und Luisa Lehmann.
  • Axel Effner
    VonAxel Effner
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Eine ungewohnte Szenerie tat sich vor Kurzem bei einem Besuch in den Kellerräumen des Holzknechtmuseums in Ruhpolding auf: Vor dem Depot für Kleinteile waren wie bei einer Schutzschleuse Plastikvorhänge aufgehängt. Aus gutem Grund, denn es besteht Handlungsbedarf.

Ruhpolding – Zwei mit Vollschutzanzügen inklusive Hand- und Überschuhe, Hauben, Brillen und Atemschutzmasken ausgerüstete junge Frauen reichten vorsichtig kleine Sammlungsgegenstände heraus. Der zum Teil darauf sichtbare weiße Belag wurde direkt im Anschluss per Abklatschprobe von einer weiteren Mitarbeiterin unter dem Mikroskop begutachtet. Der Befund: Es handelt sich eindeutig um Schimmelbefall. Beim nächsten Schritt wurde das Sammlungsstück professionell fotografiert.

Was war hier los? Wie sich im Gespräch der Chiemgau-Zeitung mit Museumsdirektorin Dr. Ingeborg Schmid herausstellte, waren hier gerade Studentinnen und Mitarbeiter des Goering Instituts aus München dabei, Sammlungsstücke zu untersuchen.

Wassereinbrüche im Kellerdepot

Der Verdacht: Durch frühere Wassereinbrüche in dem rund 20 Quadratmeter großen Kellerdepot könnten im Archiv aufbewahrte Sammlungsstücke aus Leder, Holz oder Metall mit gesundheitsschädlichem Schimmel kontaminiert sein. Dieser wurde bei einer Begehung im letzten Jahr in Form eines weißlichen Belags festgestellt. Möglicherweise könnte es sich dabei aber auch um Ausblühungen einer früheren Behandlung mit gesundheitsgefährdenden Holzschutzmitteln handeln.

Um dem Verdacht professionell auf den Grund gehen zu können, kam Schmid auf eine unkonventionelle Idee: Durch bereits bestehende Kontakte zum Verein Goering Institut, einer staatlich anerkannten Fachakademie für Restauratorenausbildung, organisierte sie einen Workshop für Studenten und Dozenten im Holzknechtmuseum. In den vier Tagen, so die Idee, könnte der Restauratorennachwuchs zusammen mit Werkstoffexperten im Praxiseinsatz das Museum bei einer Bestandsaufnahme über die Herkunft des auffälligen Belags auf den Sammlungsstücken unterstützen. Im Anschluss sollten auch Bearbeitungsmöglichkeiten zur Dekontaminierung erprobt werden.

Auch Sicherheitsschleuse aufgebaut

Gesagt, getan. Mithilfe einer kräftigen Finanzspritze der Kreissparkasse Traunstein-Trostberg wurden Unterbringung und Verpflegung der Workshopklasse mit sechs Studentinnen und fünf Dozentinnen und Dozenten organisiert. Diese bauten im Keller sechs Stationen vom Depot über die Sicherheitsschleuse, mikroskopische Untersuchung, Fotodokumentation, Fundbestimmung sowie Dekontamination inklusive Reinigung und Konservierung auf. „Das hat den Vorteil, dass unsere Studentinnen hier im realen Praxiseinsatz unter erhöhten Sicherheitsbedingungen ihr Wissen für den späteren Berufseinsatz umsetzen können“, erklärte Bernhard Kügler. Er ist Diplom-Restaurator und Leiter des Goering Instituts.

Hochkonzentriert waren die sechs jungen Frauen bei der Arbeit. „Hier untersuchen wir genau, um was es sich bei dem zum Teil großflächigen weißen Belag genau handelt“, sagte die Diplom-Biologin Bettina Beaury vor ihrem Mikroskop. Zum Glück bestätigte sich zumindest der Verdacht nicht, dass auch gefährliche Holzschutzmittel eingesetzt wurden. „Früher wurde damit recht bedenkenlos umgegangen“, so Beaury.

An weiteren Stationen erfasste eine Studentin die Gegenstände im Computer, bevor die befallenen Objekte zunächst mit einem Industriesauger mit Spezialfilter abgesaugt wurden. Im Anschluss erfolgte die Reini-gung und Desinfizierung mit hochprozentigem Ethanol. Zum Schluss wurden die Stücke mit mikrokristallinem Wachs konserviert.

108 Objekte konnten so vor tiefgreifenderen Schäden bewahrt werden. Dazu zählten etwa alte, auf Holzrahmen geklebte Landkarten, Futterale und Taschen aus Leder, eiserne Pfannen und Arbeitsgeräte oder ein Holzkästchen mit alten Messinstrumenten.

Einblick ins spätere Berufsumfeld

„Es ist sehr lehrreich und faszinierend, bei dieser Exkursion bereits einen sehr praxisnahen Einblick in das spätere Berufsumfeld zu bekommen“, kommentierte die Studentin Lisa Brendel die Arbeiten.

Einen Eindruck vom Vorgehen der Wissenschaftler verschafften sich bei einem Kurzbesuch auch Richard Kecht, Zweiter Vorsitzender des Vinzenzi-Holzknechtvereins Ruhpolding, und Paul Höglmüller, Erster Vorsitzender des Fördervereins Holzknechtmuseum Ruhpolding. „Der engagierte Einsatz der Studentinnen und Experten hat uns tatsächlich einen ganz wesentlichen Schritt weitergebracht“, resümierte Museumsleiterin Dr. Ingeborg Schmid zum Abschluss der Restauratoren-Exkursion.

Offenbar mehrere Depots gefährdet

Bereits vor längerer Zeit gab es einen Wassereinbruch in einigen Kellerräumen im Verwaltungstrakt des Holzknechtmuseums in Ruhpolding. Dabei standen die Sammlungsbestände mehrere Tage 30 Zentimeter unter Wasser. Trotz einer erfolgten Trockenlegung und Sanierung der Räume bildete sich aufgrund des offen-sichtlich noch vorhandenen Feuchteeintrags, Staubpartikeln und fehlender Luftzirkulation ein deutlich sichtbarer Schimmelbelag auf zahlreichen Sammlungsobjekten im Kleinteiledepot und dem dazugehörigen Vorraum.

Gründliche Reinigung empfohlen

Nach einer ersten Sichtung und Reinigung von 108 Objekten empfehlen die Restaurierungs-Experten des Münchner Goering Instituts in einem Gutachten die gründliche Reinigung aller restlichen Objekte sowie der Räume, die Anschaffung eines Luftreinigers mit UV-Strahlung, eines Spezialstaubsaugers zur Staubentfernung sowie von Datenloggern zur Bestimmung des passenden Raumklimas.

Entsprechende Maßnahmen sollten aufgrund eines „schimmelfreundlichen Klimas“ auch für das große Depot im Keller des Hauptgebäudes in Betracht gezogen werden, empfiehlt Diplom-Restaurator Bernhard Kügler, der Direktor des Goering Instituts in München, in seinem Empfehlungsschreiben nach Abschluss der Exkursion. Aufgrund des aktuellen Raumklimas und der drohenden Ausbreitung des gesundheitsgefährdenden Schimmels halte er entsprechende Arbeiten für „zwingend erforderlich“.

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