Plastikfreies Leben: Eine Familie aus Grassau zieht's durch 

„Der beste Müll entsteht erst gar nicht“, sagt Rosa Varga. Seit 15 Monaten lebt sie mit Mann, Tochter, Hund und Katze plastikfrei, aber glücklich. Einen Verzicht sehen sie in ihrem Lebensstil nicht. „Unser Leben ist deswegen kein anderes“, betont das Paar.

Grassau – Ein paar „Altlasten“ stehen noch herum: Sonnencreme und Putzmittel-Reste in Plastikflaschen. „Ich bin froh, wenn das mal weg ist“, sagt Rosa Varga. Sie mag die Sachen gar nicht mehr hernehmen, aber wegwerfen noch viel weniger. Zum Start ins Jahr 2018 hatten sie und ihr Mann Alex Weisser in Bad, Speis und Kühlschrank alle Plastikverpackungen zusammengesucht und auf die Kochinsel gestellt. Ein ziemlicher Schock war es, was da zusammenkam. Denn bewusst gelebt und eingekauft hatte das Paar schon zuvor.

Monate zuvor hatte Varga einen Artikel über Boyan Slat gelesen, einen jungen Niederländer, der die Ozeane vom Plastikmüll befreien will. Das Thema ließ sie nicht mehr los. Initialzündung war aber ein Weihnachtsgeschenk, das Buch „Leben ohne Müll“. Die 34-Jährige las es in einem Rutsch, wenige Tage später läutete das Ehepaar die plastikfreie Zeit ein.

Anfangszeit von Frustration geprägt

Die Anfangszeit, so Weisser, war geprägt von „Herausforderung und Frustration“. Gut erinnert sich der 49-Jährige, wie er das erste Mal mit seiner Glasbox an der Käsetheke stand. „Ich habe mich so geniert. Erst mal gewartet, bis die anderen Kunden weg sind und dann verschämt meinen Behälter hingehalten, damit der Verkäufer den Käse reinlegen kann“, erzählt er.

Leicht war die erste Zeit nicht, aber Aufhören war keine Option. Von Anfang an stand fest: Das hier ist kein Experiment, sondern ein dauerhafter Lebensstil. In der Plastikfrage war sich das Paar stets einig. Gestritten wird gerne – aber nicht über dieses Thema.

Bald entdeckten die beiden den Rosenheimer „Nimm‘s lose“-Bioladen, wo es alle Produkte plastikfrei zu kaufen gibt, indem der Kunde Gefäße mitbringt, die erst abgewogen und dann befüllt werden. Alle vier bis sechs Wochen geht es dorthin zum Großeinkauf – in Fahrgemeinschaft mit Freunden. „Es hat ja wenig Sinn, Plastik zu sparen und dafür mehr Sprit zu verbrauchen“, so Weisser.

Gut organisiert müssen die Einkäufe sein, den spontanen Lustkauf gibt es nicht mehr. Wenn zwischendurch was ausgeht, gibt es bei „Werners Naturalien“ in Prien auch einiges plastikfrei, und am Westerbuchberg ist die Gärtnerei mit Hofladen von Martin Sichler, die sie sehr schätzen. Was es in den drei Geschäften nicht gibt, braucht die Familie auch nicht.

Einiges vom Inhalt der Speisekammer und aus dem Bad haben Rosa Varga und Alex Weisser zur Veranschaulichung herausgeräumt. Plastikbehälter und -folien gibt es in ihrem Haushalt nicht mehr. detzel

Und was man so gemeinhin braucht, hat sie: Zahnbürsten? Bambus! Duschgel? Seife! Deo, Cremes und Waschmittel? Selbermischen! Zahnpasta? Gibt es in Tablettenform! Klopapier? Die Rollen gibt‘s einzeln.

„Wir sind schon sozialverträglich“

Mehr und mehr Produkte kommen unverpackt auf den Markt. Die jüngste Entdeckung ist etwa Spülmaschinensalz. Nur bei wenigem kommen sie nicht drumherum, die Verpackung mitzukaufen: Klarspüler, Kontaktlinsen, Medikamente und Hundetüten für die Hinterlassenschaften von „Ivan“.

Das Tierfutter für den Hund und Katze „Rosi“ wird im 20-Kilo-Plastiksack gekauft, der danach aber für Transport- und Sammelzwecke weiterverwendet wird.

Dass sie bei solchen Sachen pragmatisch statt dogmatisch sind, ist beiden wichtig. „Wenn wir mal ins Krankenhaus müssen, dann nehmen wir‘s so, wie‘s eben ist“, sagt Varga. Auch Essenseinladungen von Freunden und Familie lehnen sie nicht ab, nur weil diese die Lebensmittel verpackt kaufen. „Wir sind schon sozialverträglich“, schmunzelt die 34-Jährige. Als Öko-Pioniere sehen sie sich nicht. „Wir machen das nicht, um jemanden was zu beweisen, sondern um unseren ökologischen Fußabdruck so klein zu halten wie möglich“, so Weisser.

Tochter Hanna hüpft quietschvergnügt auf dem Trampolin und spielt mit Legosteinen und Bobbycar. Und auch ihre Matschhose – wichtigstes Kleidungsstück im Waldkindergarten – ist aus Plastik. Solche Dinge werden gebraucht gekauft, und wenn Hanna aus dem Alter raus ist wieder verkauft, damit sie lange im Umlauf bleiben. Zum Außenseiter bei Gleichaltrigen soll Hanna wegen des Lebensstils ihrer Eltern nicht werden. Auch ein Osternest hat sie natürlich bekommen: Mit selbstgebackenen Häschen-Keksen statt bunten Schokoeiern. Später einmal darf die Tochter selbst entscheiden, wie sie lebt. Sobald sie in die Schule kommt, da machen sich Mama und Papa nichts vor, wird‘s spannend.

Finanziell kein Vergleich möglich

Ob das Leben teurer geworden ist, kann Varga nicht sagen. Es gibt keinen Vorher-Nachher-Vergleich. Schon früher haben sie regional und bio eingekauft, Fertigprodukte gemieden. Dem Gefühl nach sparen sie sogar etwas, „weil man sich nicht durch schöne Verpackungen verleiten lässt, sondern nur kauft, was wir brauchen“.

Sogar Zeit sparen sie, meint ihr Mann. Zwar koste das Selbermachen, zum Beispiel von Putzmitteln, Zeit, aber dafür fällt das „schnell noch einkaufen müssen“ weg. Der Großeinkauf alle paar Wochen wird als Event für die ganze Familie betrachtet und mit einem Ausflug verbunden.

Kreative Lösungen

Rosa Varga sprüht vor Begeisterung, wenn sie von ihren kreativen Lösungen zur Plastikvermeidung spricht. Asketisch-Strenges sucht man bei ihr vergebens. Sie vermittelt pure Lebensfreude. „Da ist doch nichts dabei“, sagt sie im Gespräch über das plastikfreie Leben immer wieder.

Warum viele „immer nur den Verzicht sehen“, will ihr nicht in den Kopf. Sie empfindet keinen Verzicht. Erst nach einigem Grübeln fällt ihrem Mann etwas ein, was er gerne mal wieder essen würde, aber bisher nur im Plastikbeutel gefunden hat: Mozzarella.

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