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Jeder kann Leben retten

Organspende auch am Klinikum Traunstein - Und weshalb man keine Angst davor haben muss

Bei einer Besprechung auf der Kinderintensivstation: Professor Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin.
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Bei einer Besprechung auf der Kinderintensivstation: Professor Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin.

Es könnte so gut sein, dieses Gefühl selbst im Tod noch Leben zu retten. Wenn da nicht diese diffusen Ängste werden. Ängste, die Holger Liermann, Oberarzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin, und Prof. Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin nur allzu gut kennen - und im Interview entkräften.

Traunstein – Die Transplantationsbeauftragten im Klinikum Traunstein sind mit dem Bayerischen Organspende-Preis ausgezeichnet worden (wir berichteten). Mit welchen Herausforderungen und besonderen Situationen sind sie bei der Entscheidung für eine Organentnahme und in den Gesprächen mit Angehörigen konfrontiert? Stellung dazu nehmen im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen Holger Liermann, Oberarzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin, und Professor Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin.

Herr Liermann, wann kommt ein Patient überhaupt als Organspender in Betracht?

Holger Liermann: Zum Thema ist ganz allgemein zu sagen, dass Organspender selten sind und eine Organspende aufwendig ist. Nur jemand mit schwersten Hirnschäden kann überhaupt Organspender werden. Die Angst mancher Bürger, bei einem Patienten mit Organspendeausweis würden im Rahmen einer lebenserhaltenden Therapie die Geräte vielleicht früher „abgestellt“, ist völlig unbegründet. Ganz im Gegenteil.

Ein entscheidendes Merkmal ist ganz offensichtlich der Hirntod. Was versteht man darunter?

Liermann: Der Entscheidungsprozess vor einer Organentnahme ist sehr komplex. Die Therapie wird dazu viel länger als sonst fortgeführt, denn man braucht für eine Organspende zunächst den Nachweis des irreversiblen, also unumkehrbaren Hirnfunktionsausfalls (IHA). Früher sagte man dazu: Hirntod.  Die Untersuchungen nehmen meist mehrere Stunden bis zu mehreren Tagen in Anspruch.

Mit dem Nachweis des IHA wird der Tod des Patienten festgestellt. Um die Spendereignung zu prüfen, sind im Anschluss eine Reihe weiterer Untersuchungen notwendig. Die Operation für die Organspende selbst findet dann meist spät am Abend oder sogar nachts statt, wenn alle Untersuchungsergebnisse vorliegen und die passenden Empfänger gefunden sind.

Was hat sich im Bereich der Organspende gesetzlich geändert?

Liermann: Es ist nicht auszuschließen, dass in der Vergangenheit wegen des hohen Aufwands in den Krankenhäusern eine Organspende nicht in Erwägung gezogen oder den Angehörigen angeboten wurde. Seit 2020 sind allerdings alle Krankenhäuser gesetzlich dazu verpflichtet, vor einer Therapiebegrenzung oder -beendigung das Thema der Organspende bei möglichen Spendern anzusprechen.

Welche Erfahrungen haben sie im Umgang mit Angehörigen möglicher Organspender?

Liermann: Für Angehörige ist die Diagnose schwerster Hirnschäden eine sehr große Belastung. Viele fühlen sich in dieser Situation überfordert und unsicher. Es nimmt eine große Bürde von den Angehörigen, wenn der Standpunkt des Patienten mündlich oder schriftlich bekannt ist. Häufig ist es so, dass eine Organspende eher abgelehnt wird, wenn sich der Patient nicht im Vorfeld geäußert hat.

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Ist der Wille des Patienten nicht bekannt, bieten wir in den Gesprächen mit Angehörigen die Organspende als Möglichkeit an. Wir überreden niemanden. Uns ist es wichtig, eine stabile Entscheidung herbeizuführen, hinter der die Angehörigen auch nach Wochen und Monaten noch stehen können. Es ist uns wichtig, zu erklären, wie sehr eine Organspende das Leben der Organempfänger verändert, ja retten kann.

Oberarzt Holger Liermann.

Wie funktioniert die klinikinterne Information und Weiterbildung zum Thema Organspende?

Liermann: In Traunstein sind die Leiter aller Intensivstationen gleichzeitig Transplantationsbeauftragte und können so auf den eigenen Intensivstationen und in den Schockräumen mögliche Organspender erkennen. Organspende ist auch das Thema von Fortbildungen und Besprechungen. Wir halten ebenfalls Vorträge an den Schulen für Krankenpflege, operationstechnische Assistenten und anästhesietechnische Assistenten. Die Dokumente und Leitfäden der Deutschen Stiftung für Organspende sind auf unserem krankenhausinternen Informationssystem verlinkt und werden durch uns auf dem neuesten Stand gehalten.

Herr Professor Wolf, Sie sind Transplantationsbeauftragter für Kinder am Klinikum Traunstein. Ist das nicht ein besonders sensibler und schwieriger Bereich?

Professor Dr. Gerhard Wolf: Bei Kindern müssen die Eltern einwilligen. Tatsächlich hatten wir den sehr tragischen Fall eines Kindes, bei dem durch einen Unfall das Gehirn irreversibel geschädigt war und der Hirntod festgestellt worden ist. In dieser Situation war es so, dass bereits ein Angehöriger der Familie in der Vergangenheit von einer Organspende profitiert hatte. So standen die Eltern dem Thema sehr offen gegenüber. Sie haben in die Organspende eingewilligt und dadurch gleich mehreren anderen Menschen geholfen.

Professor Dr. Gerhard Wolf. Foto Re

Wie stellt sich die Situation allgemein für Sie dar?

Wolf: Eine Organspende kann für ein Kind lebensrettend sein, wenn lebenswichtige Organe so stark durch eine Krankheit beschädigt wurden, dass das Kind nur durch eine Organspende weiterleben kann. Es gibt viel mehr Kinder, die auf eine Spende warten, als es Organspender gibt. Natürlich kommen wir als Transplantationsbeauftragte auch mit der umgekehrten Situation in Berührung: Ein Kind wurde durch einen Unfall so schwer verletzt, dass das Gehirn irreversibel geschädigt, also ausgefallen ist, aber die übrigen Organe durch Beatmung und Intensivmedizin noch funktionieren. Dann sprechen wir mit den Eltern über Hirntoddiagnostik und Organspende. In den letzten Jahren haben bei uns tatsächlich alle betroffenen Eltern in die Organspende eingewilligt. Ich bewundere den Mut und die Entschlossenheit der Eltern, die in dieser für sie furchtbaren Situation entschieden haben, die Organe ihrer Kinder zu spenden und anderen damit zu helfen.

Sie informieren nicht nur klinikintern Ihre Kolleginnen und Kollegen über das Thema Organspende?

Wolf: Ich informiere in unserer Klinik in Fortbildungen über das Thema, habe aber auch schon in den Schulen der Region über Organspende gesprochen, vor allem im Fach Ethik. Das kam sehr gut an in den Klassen. Viele Jugendliche wollen sich zum Glück aktiv mit dem Thema auseinandersetzen. Wir unterrichten regelmäßig den Kinder-Teil in einem Kurs über den irreversiblen Hirnfunktionsausfall – so heißt der Hirntod heute – auf der Jahrestagung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Interview: Sabine Segerer-Utz

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