Sprachforscher aus dem Chiemgau: Wer Homeoffice sagt, meint eigentlich Heimbüro

Ist fasziniert von seiner Muttersprache Deutsch und will auch andere dafür begeistern: Professor Dr. Wolfgang Hiller aus Prien, Vorsitzender der Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache (VDS).
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Ist fasziniert von seiner Muttersprache Deutsch und will auch andere dafür begeistern: Professor Dr. Wolfgang Hiller aus Prien, Vorsitzender der Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache (VDS).
  • vonElisabeth Kirchner
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Angesichts mancher englischen Begriffe, die sich auch leicht ins Deutsche übersetzen lassen könnten, kommt Professor Dr. Wolfgang Hiller aus Prien oft das kalte Grausen. Er plädiert für eine neue Wertschätzung der Muttersprache deutsch.

Prien – „Verschandelt die deutsche Sprache nicht! – Heiteres und Nachdenkliches“ sollte der Titel der Veranstaltung heißen, geplant von der südostbayrischen Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache (VDS), dessen Vorsitzender Professor Dr. Wolfgang Hiller aus Prien ist. Der ehemalige Psychologieprofessor an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wollte der deutschen Sprache einen Themen- und Diskussionsabend widmen, der aber nun wegen der Pandemie nicht stattfinden durfte. Die Chiemgau-Zeitung nahm dies zum Anlass, den Vorsitzenden des regionalen Ablegers des VDS dennoch zu Wort kommen zu lassen.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) setzt sich für die Pflege und Bewahrung der Kultursprache Deutsch ein. Viele Begriffe gehen aber scheinbar auf englisch den Deutschen leichter über die Lippen – etwa Team, Meeting oder Statement. Warum ist das so und wie könnte man der Denglisierung Einhalt gebieten?

Prof. Dr. Wolfgang Hiller: Sie haben recht, dass sich viele englische Begriffe bei uns fest eingebürgert haben, so etwas gibt es in jeder Sprache. Begriffe wie Team, Toast, Clown, Flirt oder Hobby sind eine Bereicherung, da sie unseren Wortschatz erweitern. Das ist auch kein Problem. Wir wenden uns aber gegen überflüssige Anglizismen, also Begriffe, die man auf deutsch genauso gut oder sogar präziser ausdrücken kann. So ist das „downloaden“ im Internet einfach ein „herunterladen“, das „Stand-up Paddling“ ein „Stehpaddeln“ und anstelle des hochtrabenden Begriffs „Customer Relationship“ kann man einfach „Kundenbetreuung“ sagen. Lassen Sie mich noch einige ganz aktuelle Beispiele nennen. Seit Wochen hören wir ständig vom „Home Office“. Interessanterweise finden Sie diesen Begriff in den englischsprachigen Ländern fast gar nicht. Dort sagt man „working from home“ oder „working remotely“. Der Begriff „Home Office“ scheint eher eine deutsche Erfindung zu sein. Warum nicht einfach „Heimbüro“? Oder das „Social Distancing“, ein übrigens nicht korrekter Begriff, denn es geht ja um räumliche und nicht um soziale Abgrenzung. Auf deutsch heißt es ganz einfach „Abstandhalten“, das geht gut über die Lippen und ist unmissverständlich.

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Der VDS kritisiert die Auswüchse der geschlechtergerechten Sprache wie beispielsweise die Mitarbeiter*innen, die Lehrenden (statt Lehrer) oder die Bürger_innen. Aber ist es nicht gerechtfertigt, eine Bürgermeisterin oder eine Bundeskanzlerin auch in der femininen Form anzusprechen?

Hiller: Zunächst: „Lehrer“ und „Lehrende“ sind nicht bedeutungsgleich. Der Lehrende befindet sich gerade in Aktion, er ist also gerade am Unterrichten, während der Lehrer auch mal ins Kino gehen kann und dabei trotzdem noch ein Lehrer bleibt. Ein Arbeiter ist etwas anderes als ein Arbeitender, und ein Trinker etwas anderes als ein Trinkender. Was die femininen Endungen angeht, so benutzt man in der direkten Ansprache natürlich die weibliche Form. Ich spreche eine Verkäuferin an, eine Studentin, eine Architektin, eine Ministerin und so weiter. In der Mehrzahl sind mit dem sogenannten generischen Maskulinum immer Personen beiderlei Geschlechts gemeint. Wenn ich „der Wähler“ sage, sind damit sowohl Frauen als auch Männer gemeint. Es ist ein Grundirrtum, das grammatische Geschlecht mit dem biologischen Geschlecht gleichzusetzen. Das sieht man schon daran, dass das grammatische Geschlecht drei Formen hat, nämlich „der“, „die“ und „das“, das biologische Geschlecht aber nur zwei (die Wissenschaft hat hier noch andere Erkenntnisse, weshalb mittlerweile auch vom „dritten Geschlecht“ gesprochen wird, Anm. d. Red.). Bei Aussagen wie „der Wähler hat entschieden“ interessiert es auch überhaupt nicht, ob diese nun männlich oder weiblich waren, sondern es sollen der Vorgang und das Ergebnis einer demokratischen Wahl beschrieben werden.

Aber geht es dabei nicht auch darum, sprachlich eine Gleichberechtigung herzustellen? Wir erinnern uns an die Petition des VDS aus dem Jahr 2017, der sich gegen den „Gender-Unfug“ richtete und der schnell viele Unterstützer fand.

Hiller: Gleichberechtigung ergibt sich nicht aus Sprachverrenkungen. In der Gesellschaft sind wir gleichberechtigt, wenn jeder die Möglichkeit erhält, seine Persönlichkeit frei und konstruktiv zu entwickeln, also seine Talente, Vorlieben und Fähigkeiten. Dazu gehören natürlich optimale Bildungschancen und gleiche Bezahlung für gleiche Leistungen. Dazu bedarf es keiner neuen Sprache. Umfragen haben in letzter Zeit gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung die propagierte Gendersprache ablehnen. Deswegen hat die Petition auch einen so enormen Zulauf gehabt.

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Welche Rückmeldungen erfahren Sie außerhalb Ihres beruflichen Umfelds, wenn Sie sich für das „Reinheitsgebot“ der deutschen Sprache einsetzen?

Hiller: Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen spüren, dass unsere Sprache heute einem enormen Druck ausgesetzt ist. Man versteht vieles nicht mehr auf Anhieb, vor allem im Bereich der Computertechnologie oder auch in den Firmen und Betrieben, wo auf einmal mit Begriffen wie „Corporate Identity“, „Assets“, „Compliance“ oder „Roll-out“ hantiert wird. Wenn damit auch noch unschöne Maßnahmen verschleiert werden sollen, entsteht schnell Unmut. Wir nehmen unsere Muttersprache leider allzu sehr als selbstverständlich wahr.

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Wenn man sich also mehr Gedanken um die Muttersprache machen sollte, welches sind Ihre dazu?

Hiller: Es fasziniert mich immer wieder, wie mühevoll es einerseits ist, in der Fremdsprache auf ein einigermaßen brauchbares Niveau zu kommen, und mit welcher Leichtigkeit man sich dagegen in der eigenen Muttersprache bewegen kann mit all ihren subtilen Nuancen und Eigenheiten. Das erreichen auch unter günstigen Bedingungen nur wenige in einer Fremdsprache. Für jeden Menschen ist die Muttersprache ein großes Geschenk!

Sich fortwährend mit der eigenen Sprache zu befassen, so faszinierend Sie sie auch finden mögen, gehen einem da nicht irgendwann die Ideen aus?

Hiller: Im Gegenteil. Ihr Reichtum wird einem wieder bewusst, wenn man im Ausland ist oder eine neue Sprache lernt. Ich selbst lerne derzeit eine neue Sprache, zur Abwechslung mal Russisch. Interview: Elisabeth Kirchner

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