Der nimmermüde Güterjongleur: Seit 20 Jahren bringt Karl Fischer Verkehr auf die Schiene

Um seine Zuhörer zu überzeugen, schlüpft Karl Fischer auch mal in die Rolle des Kochs, der viele logistische Zutaten zu einem perfekt aufeinander abgestimmten Menü vereint.

Seit 40 Jahren versucht Karl Fischer unermüdlich, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Seit genau 20 Jahren steht der 63-Jährige an der Spitze des Logistik-Kompetenz-Zentrums (LKZ) Prien Er hat viel erreicht und dafür Preise bekommen. Aber zufrieden ist er noch lange nicht.

Prien - Das Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ) Prien gilt über die deutschen Grenzen hinaus als Ideenschmiede für kreative logistische Lösungen. Im Steckbrief der GmbH, die zu gleichen Teilen dem Landkreis Rosenheim und dem Markt Prien gehört, stehen schon einige Preise für erfolgreiche realisierte internationale Projekte. Der Erfolg ist fast von Anfang an verknüpft mit dem Namen von Karl Fischer. Seit 20 Jahren ist er Geschäftsführer. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit ihm über das Erfolgsgeheimnis, die Herausforderung des Güterverkehrs im 21. Jahrhundert und den Brennenbasistunnel.

Sie haben im Jahr 2000 die Leitung zweier eigener Unternehmen und 14 Ehrenämter für die Herausforderung als Geschäftsführer des Logistik-Kompetenz-Zentrums (LKZ) aufgegeben. Hat sich dieser radikale Schnitt im Nachhinein gelohnt?

Karl Fischer: Ich habe mein Leben zusammen mit meiner Frau schon immer langfristig geplant. In einem Interview habe ich 1999 mal gesagt, dass ich nicht mehr Transportunternehmer sein möchte, wenn die Fahrer nicht mehr bayerisch sprechen. Das schwierigste an der Entscheidung war, mich von den langjährigen Mitarbeitern zu trennen.

Die langfristige Perspektive habe ich schon immer für besonders reizvoll gehalten.

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Ihr erklärtes Hauptziel war und ist die Verlagerung von Güterverkehr von der Straße auf die Schiene. Wie weit sind sie in ihren 20 Jahren gekommen und wie weit ist der Weg noch, bis sie zufrieden sind?

Fischer: Mit diesem Thema beschäftige ich mich nun schon seit über 40 Jahren. Fakt ist, dass wir als Exportnation internationale Transporte brauchen und damit aber immer mehr die Umwelt belasten. Die einzige Lösung, die CO2-Emissionen der Transporte um bis zu 80 Prozent zu reduzieren, ist die Verlagerung von der Straße auf die Schiene. Das hat in den sensiblen Alpen eine noch größere Bedeutung.

Wir haben zum Beispiel mit dem Bau der Umschlaganlagen in Burghausen und Hof sowie mit vielen Projekten zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Schiene schon viel erreicht. Allerdings haben wir zum Beispiel im bayerischen Inntal nur 22 Prozent der Transporte auf der Schiene. Von Bayern in den Hamburger Hafen sind es dagegen über 70 Prozent. Also kann ich noch nicht zufrieden sein.

Die Stärke des LKZ ist es, dass mit den 16 Firmen im Haus und vielen virtuellen Partnern für viele Problemstellungen Experten da sind, die Hand in Hand arbeiten. Verstehen Sie Ihre Aufgabe auch als Moderator oder Dirigent?

Fischer: Der Schlüssel für die Erfolgsgeschichte des LKZ ist, dass der Kunde innovative Lösungen für komplexe Anforderungen erhält, die er oft vorher so nicht erwartet hat. Das Erfolgsgeheimnis ist, dass wir in so vielen Branchen über so viele Jahre tätig sind und daher einen sehr großen Überblick haben. Dies reicht vom Gesundheitswesen, Rettungsdienst, Bau von Fabriken, ÖPNV, über Elektromobilität, innerbetriebliche Logistik, demografischem Wandel bis hin zu der schon erwähnten Verlagerung von Transporten von der Straße auf die Schiene. Ich bin dabei für die Unternehmen Partner und für meine Mitarbeiter Coach.

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Sie werden nicht müde, im In- und Ausland Überzeugungsarbeit zu leisten, denn manche Ziele sind nur länderübergreifend zu erreichen. Sie können also vergleichen. Wie mutig und innovativ ist die Logistikbranche und Politik in Deutschland?

Fischer: Logistik ist die drittgrößte Branche in Europa. Wenn wir Logistik erfolgreich durchführen wollen, dann brauchen wir zu allererst Standardisierung. Dann können wir automatisieren, vernetzen und zum Schluss auch digitalisieren. Dies schafft die dringend notwendige Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich.

Manche Projekte gehen über Jahre. Welches war das bisher schwerste (und warum) und auf welches sind Sie persönlich besonders stolz?

Fischer: Für die LKZ Prien GmbH gilt ja das Motto: „Professionelles Projektmanagement mit hoher fachlicher Tiefe im Bereich Logistik und dies oft an der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen und privaten Bereich.“ Genau zu dieser Kernaussage kam im Jahre 2015 eine Anfrage aus meiner Heimatgemeinde Bad Endorf: Entflechtung der Gesundheitswelt Chiemgau (GWC). Dort waren trotz Anstrengung aller Beteiligten über 40 Jahre aus verschiedenen nachvollziehbaren Gründen Verflechtungen entstanden, die aus Sicht der Beteiligten nicht mehr beherrschbar waren.

Die Anfrage traf genau unsere Kernkompetenz: Generalinventur mit mehreren hunderten Verträgen, Gesamtkoordination zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Strukturen und Umsetzung unserer Lösungsvorschläge in allen Gremien inklusive Bürgerbeteiligung.

Dies wurde mit einem kompetenten Team innerhalb von 18 Monaten umgesetzt. In meiner Gemeinde mit 8000 Einwohnern sind hier 1100 Arbeitsplätze betroffen. Ich danke meinem Team und bin darauf stolz, dass wir das geschafft haben.

Welches Projekt hätten Sie in Ihrer Heimat, dem Chiemgau, noch gern angepackt und woran ist dieser Wunsch gescheitert?

Fischer: Ich glaube, dass für unsere Heimat drei Dinge aus Sicht der Logistik noch wichtig sind: Zum ersten meine ich, dass wir die Kernkompetenzen Tourismus, Logistik und Gesundheitswirtschaft noch intensiver vernetzen und verbessern sollten. Dazu gehört auch Rettungsdienst und Katastrophenschutz.

Zum zweiten meine ich, dass wir die Warenlieferungen und hier vor allem die Paketlieferungen auch zum Schutz der Umwelt besser bündeln sollten und zum dritten müssen wir den ÖPNV und die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene weiter verbessern. Ich glaube, dass ich hier noch etwas Überzeugungsarbeit leisten muss.

Die Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel ist ein kontroverses Thema in der Region. Wie sieht für Sie die optimale Lösung aus?

Fischer: Wichtig in dieser Frage ist, dass wir für uns und für unsere Kinder entscheiden, welche Zukunft wir haben wollen. Die Transporte über die Alpen haben sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Durch unseren Warenaustausch mit Asien und unserem Konsumverhalten sind die Containertranporte noch oben draufgekommen. Wie schon erwähnt, können wir durch die Verlagerung von der Straße auf die Schiene 80 Prozent CO2 reduzieren. Die Lösung ist daher ganz einfach: Wir nehmen die heutigen 2,5 Millionen Lastkraftwagen über den Brenner und entscheiden uns, wie viele wir davon auf die Schiene verlagern wollen. 240 000 Lastkraftwagen – also 20 Trassen auf der Schiene – können wir mit der bestehenden Infrastruktur noch verlagern, wenn wir die dazu notwendigen Terminals bauen. Also wenn wir mehr als 10 Prozent verlagern wollen, Schweiz und Hamburg haben wie schon erwähnt 70 Prozent, dann wissen wir genau, wie viel Trassen wir brauchen. Zudem wollen wir ja auch noch den Personenverkehr auf der Schiene steigern.

Sehen Sie Chancen, die Akzeptanz in der Bevölkerung für dieses Jahrhundertprojekt zu verbessern?

Fischer: Ich glaube, dass die betroffenen Bürger fundierte und neutrale Informationen brauchen. Diese Themen sind sehr komplex. Ich glaube aber auch, dass in einer Demokratie diese Informationen zur Verfügung gestellt werden müssen. Wir sind internationale Verpflichtungen eingegangen. Unsere Nachbarn haben im Vertrauen darauf viel investiert und somit müssen wir eine gemeinsame Lösung finden. Interview: Dirk Breitfuß

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