KUNDGEBUNGEN AM MONTAG

„Nicht instrumentalisieren lassen“

Zum Jahrestag des Mordes an Farimah S. vor dem Lidl-Markt rufen Akteure aus dem mutmaßlich rechten und linken Lager zu einer Kundgebung und einer Gegenveranstaltung auf. Die Polizei ist einsatzbereit. Die Familie des Opfers appelliert an die Priener, beiden Kundgebungen fernzubleiben.

Prien – Ein sogenanntes „Bündnis Chiemgau gegen Gewalt“, dessen Hauptakteure dem rechten Lager zugeordnet werden, ruft zu einer Gedenkveranstaltung ab 18 Uhr vor der Franziska-Hager-Schule auf. In einem Flugblatt, das in den sozialen Medien verbreitet wird, wird Farimah S. stellvertretend für weitere weibliche Opfer von Gewalt genannt. Angeblich haben bereits führende bayerische AfD-Politiker ihre Kommen zu dieser Kundgebung angekündigt.

In Flugblättern, die in Prien jetzt an die Haushalte verteilt wurden, wird zum Protest „Gegen den AfD-Schweigemarsch in Prien am Chiemsee“ und zum Treffpunkt am Montag um 17 Uhr am Rafenauer Weiher, also nur wenige Hundert Meter entfernt, aufgerufen. „Diverse rechte Akteure“ wollten mit einem „Schweigemarsch“ den „Mord an Farimah... antimuslimisch-rassistisch umdeuten und für ihre Hetze instrumentalisieren“, heißt es unter anderem in den Flugblatt.

Zwischen den beiden Treffpunkten der Kundgebungsteilnehmer liegt der Tatort, wo ein Landsmann am frühen Abend des 29. April 2017 auf Farimah S. vor den Augen von deren beiden jüngeren Kindern eingestochen hatte. Die Afghanin war kurz darauf ihren schweren Stichverletzungen erlegen. Der 30-jährige Täter war im Februar dieses Jahres vom Schwurgericht in Traunstein zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Die Hinterbliebenen distanzieren sich von den beiden Kundgebungen. Farimahs Mann, ihre vier Kinder und ihr Bruder leben in der Marktgemeinde. „Sie wollen sich nicht instrumentalisieren lassen“, sagte Zweiter Bürgermeister Hans-Jürgen Schuster der Chiemgau-Zeitung. Er steht in regelmäßigem Kontakt mit den Hinterbliebenen. Diese wünschen sich Schuster zufolge, dass die Priener an keiner der beiden Veranstaltungen teilnehmen.

Die Familie wird im engen Kreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Ermordeten gedenken.

Auch der „runde Tisch Asyl“, an den Vertreter aus Kommunalpolitik, von sozialen Institutionen und den großen Kirchengemeinden sowie haupt- und ehrenamtliche Integrationshelfer sitzen, hat sich nach einer Sitzung dieser Tage in einer Erklärung an die Chiemgau-Zeitung distanziert: „Maßgebliche Bedeutung hat für uns hier der unbedingte Wunsch der hinterbliebenen Familie nach absoluter Ruhe. Dies zu respektieren ist für uns und sollte für jeden selbstverständlich sein!

Unabhängig von jeglicher politischen Ausrichtung werden und möchten wir in keinem Fall und unter keinen Umständen die Instrumentalisierung des Todes von Farimah unterstützen.

Als Personen, die wir uns für die Geflüchteten engagieren und uns um eine gelingende Integration bemühen, sind wir betroffen von dieser Tat und werden auf unsere Weise der Verstorbenen gedenken und die Familie begleiten. Oberstes Ziel unserer Arbeit ist der Erhalt des sozialen Friedens in unserer Gemeinde. Alles dieses Ziel Gefährdende oder in Frage Stellende können und wollen wir nicht befürworten oder begleiten!“, heißt es in der Erklärung.

Im Marktgemeinderat am Mittwochabend waren die bevorstehenden Veranstaltungen kein Thema, sie wurden von niemandem erwähnt.

Das Landratsamt Rosenheim als Genehmigungsbehörde solcher Veranstaltungen und die Polizei sind nach Informationen der Chiemgau-Zeitung schon seit längerer Zeit im Bilde über die geplanten Veranstaltungen. Gründe, diese nicht zu genehmigen, gibt es offenbar nicht.

Ein Sprecher der Behörde betonte gestern Nachmittag, dass es entgegen einiger Verlautbarungen im Internet keine Märsche geben werde.

Das Landratsamt hatte zu diesem Zeitpunkt gerade die Genehmigungen für eine Veranstaltung „In Gedenken an Farimah“ und eine „Gegen jede Instrumentalisierung durch Rechts – für einen antirassistischen Feminismus“ genehmigt – so die offiziellen Formulierungen auf den Bescheiden.

Die Polizei bereitet sich darauf vor, für einen geordneten Ablauf zu sorgen.

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