Chance auf Normalität

Neues Internat in Gstadt: Eine Schutzburg für schwer traumatisierte Kinder

Das ehemalige Schulhaus des Klosters Frauenwörth im Ortsteil Mitterndorf in Gstadt: Hier soll ein Internat entstehen, Träger ist die Stiftung „Ein Platz für Kinder“ aus München und Hamburg.Thümmler, Stiftung, Abtei
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Das ehemalige Schulhaus des Klosters Frauenwörth im Ortsteil Mitterndorf in Gstadt: Hier soll ein Internat entstehen, Träger ist die Stiftung „Ein Platz für Kinder“ aus München und Hamburg.Thümmler, Stiftung, Abtei
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Im alten Kloster-Schulhaus in Mitterndorf in der Gemeinde Gstadt zieht ein therapeutisches Internat für Kinder ein. Diese haben in ihrem jungen Leben schon schwere Schicksale erlitten und sollen am Chiemsee die Chance auf Normalität erhalten.

Gstadt– Im idyllischen, kleinen Ortsteil Mitterndorf in Gstadt ist Neues am Entstehen: Im seit knapp 25 Jahren leer stehenden, ehemaligen Schulgebäude des Klosters Frauenwörth plant die in München und Hamburg ansässige Stiftung „Ein Platz für Kinder“ ein Internat – das „Therapeutische Internat Mattisburg Sternstunden am Chiemsee“, so der volle Name der künftigen Einrichtung. Es soll schwer traumatisierten Kindern von fünf bis zehn Jahren eine Heimat bieten und ihnen helfen, die Schulreife zu erlangen. Deutschlandweit gilt das ambitionierte Projekt als einzigartig.

Erstmals in eigener Trägerschaft

„Die Schicksale dieser Kinder sind verstörend, sie sind Opfer von Vernachlässigung, sexueller, physischer oder psychischer Gewalt, geworden. In unseren Häusern fangen wir diese Kinder auf“, schildert Stiftungsgründerin und Stifterin Johanna Ruoff unserer Zeitung. Die Mattisburg – so Mancher mag sich jetzt an die Lindgren-Geschichte von Ronja Räubertochter erinnern und die väterliche Räuberburg – steht dabei für einen Ort des Schutzes und der Zuflucht. Auf Initiative der Stiftung gibt es in Deutschland bisher drei solcher „Burgen“ unter fremder Trägerschaft. Das Internat in Gstadt will die Stiftung nun erstmals in eigener Trägerschaft führen.

Johanna Ruoff, Stiftungsgründerin

Freude bei den Benediktinerinnen

In den durchschnittlich zwei Jahren, die die Kinder laut Johanna Ruoff dort verbringen werden, stabilisieren sie Traumapädagogen und Therapeuten und bereiten sie auf ein Leben nach der Einrichtung vor. „Doch reguläre Schulbesuche sind nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich“, weiß die Stifterin.

Freude darüber, dass wieder Leben in den ehemaligen Gutshof einkehrt, herrscht auch in der Benediktinerinnen-Abtei auf der Fraueninsel. Die Stiftung erwerbe das Gebäude und gehe mit dem Kloster einen Erbpachtvertrag ein, heißt es. Johanna Mayer, Äbtissin der Benediktinerinnen-Abtei Frauenwörth, erzählt, wie sie im vergangenen Jahr alle Mitglieder des Konvents zusammenrief, um gemeinsam über das Vorhaben abzustimmen: „Wir haben das Projekt einstimmig angenommen.“ Die Frauen der Abtei seien „sehr glücklich, dass sich alles so gefügt hat und hoffen, dass in Zukunft viel Segen auf dem Haus, den Kindern, den Therapeuten, den Lehrern und allen Begleitpersonen liegen wird.“

Einst Mädchenschule und Wohnheim

Seit dem frühen 19. Jahrhundert, im Zuge der Säkularisierung, wurde im Klostergut unterrichtet, auf Wunsch des damaligen Bayern-Königs Ludwig I vor allem Mädchen. So beherbergte das Gut ab 1838 eine Industrieschule, nach Ende des Ersten Weltkrieges eine Hauswirtschaftsschule. Später war es ein Mädchenwohnheim der Berufsschule. Auch Gstadts Erster Bürgermeister Bernhard Hainz freut sich mit den Benediktinerinnen und der Stiftung, dass im ehemaligen Mitterndorfer Schülerheim nun eine „besondere Einrichtung für schwer traumatisierte Kinder geschaffen wird.“

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„Chance auf ein glückliches Leben“

Stifterin Ruoff ist es gelungen, für ihr ehrgeiziges Projekt – die Kosten für den Hauskauf liegen bei 4,5 bis 5 Millionen Euro – Landtagspräsidentin Ilse Aigner als Unterstützerin zu gewinnen. Aigner ist Schirmherrin des therapeutischen Internats Mattisburg und sagt: „Jedes Kind verdient die Chance auf ein glückliches Leben.“ Auch Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner gehört zu den Unterstützern.

Wie der künftige Internatsname verrät, steckt dahinter die Kooperation mit dem Verein Sternstunden. Laut Geschäftsführer Thomas Jansing fördere der Verein das Projekt, das er als „bundesweiten Leuchtturm“ bezeichnet. Mit Spannung erwartet wird das Internat auch von Rosenheims Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer.

Die Bauvoranfragen wurden bereits bei den Ämtern eingereicht; Ruoff rechnet mit dem Beginn des umfangreichen Umbaus des Gebäudes im Herbst 2021.

Not gesehen, Stiftung gegründet

Johanna Ruoff gründete „Ein Platz für Kinder“ 2005. Anstoß war die Tsunami-Katastrophe von 2004, die über 200 000 Menschenleben abrupt beendete. Ruoff, bis dahin PR-Managerin, war nur wenige hundert Kilometer vom Unglücksort entfernt, und wollte helfen. Benachteiligte Kinder sind ihr Herzensthema.

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