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Die Nacht zum (Wander)tag gemacht

Knapp 61 Kilometerwaren es von Seebruck bis Seebruck; mit kleinem Schlenker über den Westerbuchberg.
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Knapp 61 Kilometerwaren es von Seebruck bis Seebruck; mit kleinem Schlenker über den Westerbuchberg.

Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang (und noch ein bisschen länger) sind sie gewandert. Rund um den Chiemsee, 61 Kilometer weit. Die längste Nacht des Jahres zu Wintersonnwend hatte sich der Frasdorfer Christian Ertl dafür ausgesucht und via Facebook „Mitgeher“ gesucht – mit Erfolg.

Chiemsee – Gerade noch so ist es hell und trocken, als die 13 Wanderer auf der Seebrucker Alzbrücke die ersten Meter zurücklegen. Allen voran Australian Shep herd „Django“, der kräftig an der Leine zieht. Um seine ungebrochene Energie und Lauffreude sollte ihn in den Stunden darauf noch jeder der Zweibeiner beneiden.

Nach einem kurzen Stück auf dem Uferweg in Richtung Chieming werden schon Regenkleidung und Stirnlampen aus den Rucksäcken hervorgekramt. Nieselregen setzt ein, es ist windig, aber es hat Plusgrade. „Das Wetter hätte schlimmer kommen können“, wird Christian Ertl knapp 16 Stunden später sagen.

Der Frasdorfer hatte über die Facebook-Gruppe „Chiemgau – do bini da hoam“ bereits im Sommer nach jemandem gesucht, der mit ihm den Chiemsee umrundet. Allerdings auf zwei Tage verteilt. Achim Conradi, der die Wanderregion Chiemgau drei Jahre zuvor auf Reha in Marquartstein liebengelernt hatte, reiste eigens die knapp 550 Kilometer aus Limburg an.

Der 58-jährige Marathonläufer aus Hessen und der 48-jährige Chiemgauer, der erst zu Jahresbeginn mit dem Wandern begonnen hatte, starteten das Vorhaben als Fremde, um es tags darauf als Freunde geschafft zu haben. Und während sie so im Hochsommer am Chiemsee dahingingen, planten sie bereits, ihre See-Umrundung in einem Rutsch zu wiederholen. Zur Wintersonnwende im Dunklen sollte es sein, so Achims Vorschlag.

Ehrensache, dass er auch diesmal die siebenstündige Zugfahrt auf sich nahm. Da das via sozialer Medien zusammengefundene Wander-Duo im Sommer so gut harmonierte, ging es schon Wochen vorher über „Chiemgau – do bini da hoam“ auf die Suche nach Mitstreitern. Mit großer Resonanz: Einige bekundeten ernstes Interesse, viele steuerten motivierende Kommentare bei, manche überlegten es sich anders, als die Wettervorhersage für die Nacht auf den 23. Dezember feststand.

Willkommen war ein jeder, und sei es auch nur für ein Stück des Weges – entsprechend der eigenen Fitness und Lust. Dass ein Marsch über 61 Kilometer im Winter kein Spaziergang ist, hatte Ertl im Vorfeld klargestellt. Wer antrat, der wusste, dass er selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist und einen „Notfall-Abholer“ in der Hinterhand haben sollte. Stirnlampen, Wechselkleidung, genug Flüssigkeit, Rettungsdecke waren in allen Rucksäcken.

Wander-Zeitplan geht auf

Die ersten knapp vier Stunden bis Feldwies vergehen schneller als erwartet. Das Kennenlernen steht im Vordergrund. Noch reicht die Energie, um ausführlich zu ratschen. Im Wirtshaus „D‘Feldwies“ ist fürs Abendessen reserviert. Christian hatte zuvor einen Zeitplan ausgearbeitet, dabei auch Erholungspausen und nachlassende Ausdauer einkalkuliert. Am Ende sollte dieser Plan fast exakt aufgehen. Der „harte Kern“ traf 20 Minuten vor der prognostizierten Ankunft wieder in Seebruck ein.

Waren die Ersten schon nach acht Kilometern in Chieming ausgestiegen, verabschieden sich einige weitere nach der Pause in Feldwies. Auch Sabine Wallner hatte hier im Vorfeld ihr Auto geparkt. „So eine Winterwanderung mit netten Menschen ist, selbst wenn der Regen es ein bisschen ungemütlich gemacht hat, eines der größten Geschenke, das man sich selbst so kurz vor Weihnachten machen kann“, so die 43-Jährige aus Neubeuern.

Der ersten Pause folgen fünf Stunden, die sich ziehen. Dunkel ist es, manch ein Gelenk fängt an zu mucken, die Phasen des schweigenden Einhergehens werden länger. Zwei Lichtblicke gibt es: Fast die ganze Zeit bleibt es trocken, und die Aussicht, dass am Rimstinger Strandbad einige Helfer mit Verpflegung, Wechselkleidung und ermutigenden Worten warten, gibt Antrieb.

Gulaschsuppe, Kaffee, Schorle, Energieriegel und Obst stehen schon bereit, als um 2.30 Uhr an der Prien-Brücke die Lichter der noch verbliebenen sechs Stirnlampen auftauchen. Die Kiosk-Betreiber hatten für die zweite lange Pause wettergeschützte Sitzplätze, Windlichter und Sanitäranlagen zur Verfügung gestellt.

Franz schafft den See in sieben Stunden

In Rimsting ist nach 40 Kilometern für Jochen Nistler die Wanderung zu Ende. Der Vachendorfer hat die Tour zum Training für den Vasalauf über 90 Kilometer Langlaufen, an dem er Anfang März in Schweden teilnimmt, genutzt. „Ich bin leicht erkältet und habe Probleme mit der Hüfte, da muss ich es nicht überreizen“, beschloss der 51-Jährige. „Riesig Spaß gemacht“ habe es, erklärt er, „auch weil in dieser tollen Gruppe Stärkere und Schwächere gleich wichtig sind“.

Mit „Stärkere“ meint er vor allem Franz Meiser und seinen „Django“. Der ausgebildete DLRG-Suchhund ist so fit wie folgsam. Und sein Herrchen ist als Ultra-Marathonläufer an noch längere Distanzen gewohnt, und das über mehrere Tage hintereinander. Der Rosenheimer hat schon öfter zu Fuß den Chiemsee umrundet. Sieben Stunden braucht er, wenn er alleine ist. Eine sportliche Herausforderung ist es diesmal für den 47-Jährigen nicht; er geht aus Geselligkeit mit.

„Es ist superschön. Ich habe nette Leute kennengelernt, und es herrschte eine familiäre Stimmung“, so Franz. Gebremst fühlte er sich durch die anderen nicht. „Die haben meinen Respekt, denn für jemand, der kein Extremsportler ist, ist das ein großes Vorhaben“, so der Rosenheimer.

Dass er ab Rimsting Gas gibt und die letzten 20 Kilometer zweieinhalb Stunden schneller als die anderen bewältigt, macht er Django zuliebe. Das Tier brauchte Schlaf. Den holt er am nächsten Tag überreichlich nach, während sein Herrchen schon wieder eine längere Laufeinheit absolviert.

Nur noch vier sind es, die kurz nach 8 Uhr bei gleichmäßigem Regen, aber nicht mehr ganz gleichmäßigen Schrittes auf den Seebrucker „Hafenwirt“ zusteuern. Am dortigen Frühstückstisch wollen nicht alle Augen länger offen bleiben.

Vor allem Achim setzt die Müdigkeit zu. „Muskulär ist das für mich kein Problem“, weiß er aus der Erfahrung seiner bislang zehn Marathons. Aber er ist wegen der Anreise aus Limburg seit dem Vortag um 5 Uhr auf den Beinen. Jederzeit, so erklärt er, würde er zu einer weiteren Chiemsee-Umrundung kommen. Zumal er das nächtliche Erlebnis gerne bei klarem Himmel mit Sternen und Vollmond genossen hätte.

Auch für Matthias Gerold ist es nicht die erste Wanderung um den Chiemsee. An einem heißen Augusttag hatte der Bernauer den See schon mal mit seiner Frau in Angriff genommen. Damals musste er die letzten zehn Kilometer alleine bewältigen. Diesmal genießt er die gemeinsame Zielankunft umso mehr. Schmerz- und blasenfrei schafft es der 47-Jährige; auch dank der einsamen Nachtwanderungen in den Wochen zuvor.

Zum Schluss raus habe er „jeden Kilometer gespürt“, sagt Mirko Skuginna. Der 36-Jährige kämpft gegen Knieschmerzen und Müdigkeit. Und dennoch: Wenn sein Nachbar Christian Ertl mit der nächsten „Schnapsidee“ ankommt, ist der Frasdorfer bereit.

Das kann schon früher der Fall sein, als ihm lieb ist. „Ich habe zwar zwei Blasen und die letzten 15 Kilometer meine Oberschenkel gescheit gespürt, aber irgendwas musst ja haben“, bilanziert Christian. Dass er die Tour – von Achim angestiftet – organisiert hat, bereut er kein bisschen. Am meisten freut ihn, dass „alle so aufeinander geschaut und geachtet haben“, vor allem am Schluss, als das Gehen zäh war.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Mit einem Muskelkater geplagt war keiner von ihnen. Ultra-Marathonläufer Franz weiß auch warum: „Beim Gehen übersäuert der Muskel nicht. Er wird ja nicht schnell und heftig beansprucht, sondern langsam und gleichmäßig belastet.“

Und so waren Heilig Abend alle Chiemsee-Umrunder wieder fit, ausgeschlafen und hungrig auf Gans, Braten, Punsch und Platzerl – nach der durchwanderten Nacht überreichlich und ohne Reue. Schließlich war jede Weihnachtskalorie redlich verdient.

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