Eine Frage der Zeit?

Nach zweitem Bombenfund: Stadt Traunstein schließt weiteren Alarm nicht aus

OB Dr. Christian Hümmer nimmt die Tatsache, dass erneut eine Bombe gefunden wurde, sehr ernst.
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OB Dr. Christian Hümmer nimmt die Tatsache, dass erneut eine Bombe gefunden wurde, sehr ernst.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Traunsteins Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer ließ das Konzept des Bauträgers Greenrock kurzfristig prüfen. Zu groß ist die Sorge bei der Stadt, es könnten weitere Blindgänger gefunden werden. Experten schließen das auch nicht aus.

Traunstein/Garmisch-Partenkirchen – Bürger, Stadtverwaltung und alle an den Evakuierungsmaßnahmen Beteiligten seien „genervt“, dass am Dienstag auf derselben Baustelle in der Chiemseeatraße 25 eine weitere Weltkriegsbombe gefunden wurde. Traunsteins Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer gab mit diesem Wortlaut noch am späten Dienstagabend eine Mitteilung heraus. Wenige Stunden zuvor war jene Bombe erfolgreich entschärft worden. Bereits am 11. September gab es einen ersten Fund, 1100 Menschen mussten kurzfristig ihre Wohnungen verlassen, die Bombe wurde umgehend entschärft.

Vorerkundung war Auflage der Stadt

Die Stadt Traunstein will, so Hümmer am Dienstagabend, dass das von Spezialisten ausgearbeitete Untersuchungskonzept auf den Prüfstand gestellt wird. „Wir gehen nicht zur Tagesordnung über“, ließ der OB wissen. Gestern am späten Nachmittag dann die Nachricht: Das Konzept des Bauträgers GreenRock habe an sämtliche gesetzliche Vorgaben vorschriftsmäßig eingehalten. „Zusätzlich habe ich angeordnet, dass die noch nicht geräumte Restfläche noch einmal zusätzlich sondiert wird“, gibt Hümmer bekannt.

Vor Baubeginn hatte die begleitende Spezialfirma Buchwieser Geotechnik aus Garmisch-Partenkirchen das Gelände bereits ausgiebig sondiert, wie man auf Nachfrage der Chiemgau Zeitung dort erklärt. Sämtliche Abbruch- und Aushubarbeiten sind von dem staatliche zugelassenem Kampfmittelspezialisten betreut worden. Das Unternehmen weist eine lange Referenzliste vor, auf der sich auch die Stadt Rosenheim befindet.

Freistaat holt 230 Tonnen Kampfmittel aus dem Boden

Bei Buchwieser erklärt man unserer Zeitung, worin die große Herausforderung beim Sondieren besteht, und warum es durchaus vorkommen kann, dass weitere Blindgänger auf einem bereits untersuchten Areal gefunden werden können: Es werde immer abschnittsweise vorgegangen nach dem Prinzip Sondierung–Fund– Entschärfung, und wieder von vorn. So könne es möglich sein, dass in Traunstein in Zukunft erneut Fliegerbomben gefunden werden.

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Die 135-Kilo-Bombe, die vom Sprengkommando Tauber aus München entschärft und weggebracht wurde.

Fakt ist: Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wurden 2019 rund 230 Tonnen Kampfmittel im Freistaat beseitigt – über 100 Tonnen mehr als im Vorjahr. Die Dunkelziffer noch vorhandener Sprengkörper im Boden liege bei rund zehn Prozent.

Erschwerte Sondierungen

Keinesfalls würden mehrere Bomben gleichzeitig entschärft – zu groß sei die Explosionsgefahr, sollte ein Zünder noch intakt sein, erklärt man bei Buchwieser. „Wir werten Luftbilder aus und bestimmen vor Ort, was im Boden liegt“, wird das Prozedere geschildert. „Orten wir zum Beispiel Stahl, ist deswegen noch lange nicht klar, ob es sich um eine Fliegerbombe handelt. Es könnten auch Leitungen sein oder Müll-Altlasten.“ Wie es auch auf der eilig einberufenen Pressekonferenz am Dienstagmittag bereits hieß, seien in Deutschland Bombentrichter in der Vergangenheit immer wieder mit Schutt und Deponiematerial befüllt worden. Dies erschwere mittlerweile die Sondierungen.

Ein Fund war zu erwarten gewesen

„Wenn wir einen Verdacht haben, wird das Gelände genau untersucht und beräumt. Bei einem Bombenfund steht die ganze Baustelle sofort still. Polizei und Sprengkommando werden sofort informiert. Die Entschärfung muss unverzüglich in die Wege geleitet werden“, so die Spezialisten aus Garmisch weiter.

Nix ging mehr auf der Baustelle in der Chiemseestraße 25 am Dienstag, als hier zum zweiten Mal ein Blindgänger entdeckt wurde. Auf dem Gelände plant der Bauträger GreenRock 153 Eigentumswohnungen. Kretzmer/Lamminger/Stadt Traunstein

In Bayern gibt es keine gesetzliche Pflicht für Bauträger, einen Baugrund nach Kampfmitteln abzusuchen – allerdings gibt es Richtlinien, die dies nahelegen. Und ein gesetzlich vorgegebenes Verfahren, wie im Verdachtsfall vorzugehen ist: „Erkunden der möglichen Belastung durch Sprengkörper, Abschätzen der Gefahr, Konzepterstellung für die Räumung und anschließend die Räumung“, so die Stadt Traunstein. Im Fall von GreenRock, der auf dem Areal 153 Eigentumswohnungen bauen will, hatte die Stadt im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens eine Kampfmittel-Vorerkundung gefordert.

80 Prozent der Fläche untersucht

Es galt als wahrscheinlich, dass dort Blindgänger auftauchen. Denn unweit der Chiemseestraße verlaufen die Bahngleise der Strecke München-Traunstein, die wie der Bahnhof selbst in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs von Alliierten bombardiert wurden.

Gestern gab nun die Stadtverwaltung bekannt, dass sie jedes Bauvorhaben, welches auf einem möglicherweise gefährdeten Grundstück geplant ist, „ausschließlich mit umfangreichen Auflagen genehmigen und eine Kampfmittelvorerkundung fordern“ werde.

Bisher seien 80 Prozent der Fläche untersucht. Nachdem schon zwei Blindgänger gefunden worden seien, ginge die weitere Erkundung nun langsamer und vorsichtiger vonstatten. „Um jede Gefahr ausschließen zu können, wird das noch nicht untersuchte Gebiet noch gründlicher untersucht.“ Wann die Erkundung des Grundstücks abgeschlossen ist, sei unklar. Der Bauträger war trotz mehrmaliger Versuche bislang nicht zu einer persönlichen Stellungnahme bereit.

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