Video vom Sturm und den Schäden

Aufräumen nach dem Unwetter am Chiemsee: „Das Ganze war einfach schrecklich“

  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
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  • Martin Tofern
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Ein Unwetter fegte über den Chiemgau – und das Ausmaß der Schäden ist wenige Tage danach langsam abzusehen: Umgestürzte Bäume, eingedrückte Hausdächer, beschädigte Autos. Die Aufräumarbeiten sind im Gange. Ein Video vom Sturm erinnert eher an einen Hurrikan in der Karibik als an den Hafen von Prien.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Massive Schäden an der Priener Friedhofsmauer
  • Mehrere wertvolle Obstbäume entwurzelt
  • Umgeknickte Bäume: Massive Schäden in Wäldern
  • Viele Gebäude beschädigt
Prien/Chiemsee – Auf dem Friedhof in Prien hat der Sturm eine Spur der Verwüstung hinterlassen. „Die Blechabdeckung der Friedhofsmauer hat es auf 100 Metern heruntergerissen“, sagt Richard Zettl, Leiter des Bauhofs in Prien. Viele Bäume seien auf Grabsteine gestürzt.

Wie viele Gräber beschädigt oder gar zerstört wurden, lasse sich noch nicht sagen. „Auf einigen Grabsteinen liegen Äste und Zweige, da müssen wir erst nachschauen, ob die beschädigt worden sind. Insgesamt sechs Bauhofarbeiter sind zusammen mit Mitarbeitern einer Forstfirma damit beschäftigt, auf dem Friedhof aufzuräumen. Sie arbeiten mit einem Spezialkran, der die Bäume aufhebt und anschließend auch zerkleinert. Insgesamt hat der Bauhof alle 14 Mitarbeiter im Einsatz, die in ganz Prien unterwegs sind.

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Viele Obstbäume umgerissen

Schlimm erwischt hat es am Sonntagabend Hans Wallner, Bauer vom „Moar z’Bruck“. Von seinen 20 alten Obstbäumen auf seinem landwirtschaftlichen Anwesen oberhalb des Brucker Kreisels stehen nur noch zwei, auch mehrere Hofbäume rund ums Haus hat der Sturm niedergemacht. Dachziegel und Bretter der Holzverkleidung landeten auf Wallners Auto und zerschlugen die Heckscheibe, Tore einer Garage und des Pferdestalls wurden aus den Gebäudemauern herausgerissen und Fensterscheiben gingen zu Bruch.

Schlimm erwischt hat es Bauer Hans Wallner vom Moar z‘Bruck: Von den 20 alten Obstbäumen stehen nur noch zwei; Haus, Auto, Garage und Pferdestall sind beschädigt, und rund 200 Fichten und Tannen oberhalb des Hofes wurden Opfer des Sturms.

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„Und weiter oben, am Fuße des Höhenbergs in Richtung Westen haben Starkwindböen ganze Arbeit geleistet“, berichtete Wallner der Chiemgau-Zeitung auf Anfrage. „Rund 200 Fichten und Tannen wurden umgeworfen oder zum Teil in der Mitte des Stamms wie Streichhölzer abgeknickt.“ Den entstandenen Gesamtschaden kann der Landwirt und Rosserer nur schätzen: „Mindestens 50 000 Euro.“

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Auto eingekeilt von Baumstämmen

Freien Seeblick gibt’s nach dem Sturm jetzt für Manuela Ganter, die mit ihrer Familie 200 Meter weiter zum Wallner-Hof oberhalb der Rimstinger Straße wohnt. Als der Sturm aufzog, saß sie auf der Terrasse bei Bastelarbeiten für den Geburtstag ihrer Tochter.

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Ihr fiel auf, dass die Kampenwand nicht mehr zu sehen war, „ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Wetter aufzieht“, so die 50-Jährige am Redaktionstelefon. Dann sei alles ganz schnell gegangen: Plötzlich gab’s einen Hagelschauer, „mein Sohn hat mich abrupt ins Wohnzimmer zurückgezogen, keine Sekunde zu spät“, so Manuela Ganter. „Dann flog uns alles, was auf der Terrasse stand, um die Ohren.“

Schäden am historischen Handwerkerviertel

Als sich das Wetter beruhigt hatte, sei sie mit ihrer 18-jährigen Tochter zur Rimstinger Straße runter, auf der umgestürzte Bäume lagen. Dort fiel ihnen ein Auto auf, eingekeilt von Baumstämmen, „am Steuer eine etwa 50-jährige Urlauberin, die war völlig fertig“, so Ganter. „Wir haben sie getröstet.“ Großes Glück hatte auch ein nachfolgender Auto-Fahrer, wie er den Frauen geschildert hat. „Er habe die umstürzenden Bäume gesehen, noch stoppen und den Rückwärtsgang einlegen können, dann habe es vor ihm auch schon gekracht“, so die Prienerin. Beiden sei aber nichts passiert.

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Ausgetobt hat sich der Sturm unter anderem auch im historischen Handwerkerviertel Am Gries. Stefanie Böck, die mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern in dem Priener Ortsteil wohnt, wollte gerade auf der Terrasse den Sonnenschirm einfahren, als es schon losging mit dem Sturm.

Auf dem Friedhof in Prien müssen viele umgestürzte Bäume beseitigt werden.

„Erst flogen Äste durch unseren Garten, von Westen her kam eine milchig weiße Wand auf unser Haus zu. Dann bin ich ins Haus geflüchtet.“ Eine halbe Minute später gab’s einen Rumms, „und unsere große Buche lag auf der Terrasse“, so die 42-Jährige. Beim Umfallen habe der einen halben Meter dicke Stamm eine Dachecke erwischt und abgerissen.

„Den Garten gibt‘s nicht mehr“

„Auch unser Gartenhaus ist sozusagen platt“. Vom Nachbargrundstück seien drei Bäume in den Garten gefallen, „den gibt’s eigentlich nicht mehr“. Den Gesamtschaden schätzt Böck auf rund 50 000 Euro. Für die Kinder sei das Erlebnis schrecklich gewesen. Hilfe gab es aus der Nachbarschaft, nicht nur mit Zuspruch, sondern auch in Form von Abend- und Mittagessenservice.

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Auch im Landkreis Traunstein hat das Unwetter seine Spuren hinterlassen. „Schwerpunkte waren die Gemeinden Fridolfing, Waging und Kirchanschöring“, erklärte Josef Gschwendner, Geschäftsleiter der Integrierten Leitstelle Traunstein. Viele Straßen und Keller waren überschwemmt.

Dach in Chieming komplett aufgerissen

Auf Facebook hat sich Regine Grimm-Käuffer aus Chieming für den Einsatz der Feuerwehr und der Nachbarn bedankt. „Bei unserem Haus hat der Sturm das Blechdach abgedeckt, ein Teil davon liegt auf der Wiese“, erzählt die Gesundheitstrainerin. Außerdem habe es den Dachstuhl regelrecht verschoben. „Das Dach war komplett offen, aber die Feuerwehr Chieming hat gleich ganze Arbeit geleistet“, erzählt Grimm-Käuffer.

Die Feuerwehrleute bogen den Rest vom Blechdach wieder zurecht und deckten das Loch im Dach mit einer Plane ab. „Das war der Wahnsinn! Ich bin immer noch platt, wie die Hand in Hand gearbeitet haben“, freut sich die Chiemingerin.

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