Nach dem Lockdown wieder Führungen im Grabenstätter Moos: Dem Seeadler auf der Spur

Chiemsee-Gebietsbetreuer Dirk Alfermann (links) führte nun erstmals wieder eine Gruppe Naturfreunde ins Grabenstätter Moos, wo sie unter anderem Vogelstimmen lauschten.
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Chiemsee-Gebietsbetreuer Dirk Alfermann (links) führte nun erstmals wieder eine Gruppe Naturfreunde ins Grabenstätter Moos, wo sie unter anderem Vogelstimmen lauschten.
  • vonMarkus Müller
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Die bunte Vogelwelt im Grabenstätter Moos und in der Hirschauer Bucht darf nach der Zwangspause wieder erkundet werden. Diese Gelegenheit nutzten viele Naturfreunde und begaben sich mit Chiemsee-Gebietbetreuer Dirk Alfermann auf die Spuren von Seeadler, Wiesenbrütern und heimischen Singvögeln.

Grabenstätt– Nach der Corona-Zwangspause waren die Entzugserscheinungen offenbar groß, denn die Teilnehmer konnten es am Parkplatz in der Hirschauer Bucht kaum erwarten, mit dem Gebietsbetreuer Chiemsee Dirk Alfermann die Vogelwelt im Grabenstätter Moos zu inspizieren. „Wir freuen uns, dass wieder etwas Normalität Einzug hält“, meinte die Vorsitzende des ausrichtenden Verkehrsvereins Grabenstätt, Bärbel Schuster, um sogleich an die geltenden Corona-Abstands- und Hygieneregeln zu erinnern.

Besuch vom Wachtelkönig

Bevor man den Vögeln im Grabenstätter Moos lauschte, hatte der Diplom-Biologe Alfermann kurz das Naturschutzgebiet „Mündung der Tiroler Achen“ vorgestellt. Dieses umfasse rund 1250 Hektar und in der etwa 500 Hektar großen Kernzone gelte ein absolutes Betretungsverbot, so Alfermann, der einer von drei Gebietsbetreuern im Chiemgau ist – neben Patrick Guderitz (Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und Seeoner Seen) und Kathrin Schwarz (Achental). Bayernweit gibt es 56 Gebiete, in denen rund 70 Gebietsbetreuer für den Naturschutz werben und ihr Umweltwissen vermitteln.

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Vernommen wurden im Grabenstätter Moos die Rufe und Gesänge von Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Amsel, Singdrossel, Goldammer, Fitis, Buntspecht und Buchfink. Am Himmel entdeckte man zwei größere Raubvögel, die Alfermann nach einem Blick durch seinen Feldstecher als Baumfalke und Rohrweihe identifizierte.

Erst kürzlich habe er in der Nähe einen Wachtelkönig gehört, verriet er: „Auch selten gewordene Kiebitze und Wachteln lassen sich gerne auf den Streuwiesen nieder.“ Beim Braunkehlchen habe es bereits einen Bestandsrückgang von 80 bis 90 Prozent gegeben. Noch etwas häufiger seien die Schwarzkehlchen.

Die Nester des Haubentauchers

In Augenschein genommen wurden am Runstgraben auch die Ein- und Ausstiegstellen der unter Naturschutz stehenden Biber, „die zum Leidwesen der Landwirte und des Wasser- und Bodenverbandes Grabenstätter Moos die Uferböschungen beschädigen.“ Vom Beobachtungssturm in der Hirschauer Bucht entdeckte die Gruppe zum Abschluss unter anderem noch Haubentaucher-Nester und eine Kolbentenfamilie. „Hier sonnt sich auch öfter eine nordamerikanische Schildkröte“, so Alfermann. „Und mit etwas Glück kann man hier auch einen Seeadler erspähen.“

In 70 bis 100 Jahren keine Wasservögel mehr

Er hoffe sehr, dass sich der Seeadler im Gebiet dauerhaft etablieren könne. „Ein Bruterfolg ist bisher leider ausgeblieben“, bedauert er. Wie bereits im Vorjahr habe sich in der Grabenstätter Ortsmitte wieder ein Storchenpaar niedergelassen, verriet eine Teilnehmerin. Alfermann verblüffte noch mit der Aussage, dass man in der Hirschauer Bucht in 70 bis 100 Jahren wohl kaum mehr Wasservögel beobachten könne, da diese bis dahin verlandet sein werde.

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„Durch den enormen Eintrag von Schwebstoffen, Sand und Kies über die Tiroler Ache“ verliere der nach der letzten Eiszeit vor zirka 10 000 Jahren entstandene Chiemsee jedes Jahr über einen Hektar, also 1000 Quadratmeter, seiner rund 80 Quadratkilometer großen Fläche. „Man vermutet, dass er in 7000 bis 8000 Jahren ganz verschwunden sein wird“, so Alfermann.

Dass das einstige Fischerdorf Grabenstätt mittlerweile rund zwei Kilometer vom nächstgelegenen Chiemseeufer, der Hirschauer Bucht, entfernt sei, liege neben dem natürlichen Verlandungsprozess auch an der Anfang des 20. Jahrhunderts vorgenommenen Tieferlegung des Seewasserspiegels durch das Abtragen der Alzsohle in Seebruck.

Bis Ende Juni ist noch Brutzeit

Infolgedessen entstanden im heutigen Grabenstätter Moos landwirtschaftliche Flächen und ökologisch sehr wertvolle Streuwiesen, auf denen seltene Wiesenbrüter zuhause sind, schilderte Alferann den Teilnehmern. „Zu den Wiesenbrütern zählen auch der Große Brachvogel und der Wiesenpieper.“ Um brütende Vögel nicht zu stören, bitten Gemeinden und Naturschutzbehörde Spaziergänger, bis Ende Juni die Wege nicht zu verlassen und Hunde an die Leine zu nehmen.

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