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Tierquälerei statt Kavaliersdelikt

Nach den Morden in Kusel – Auch im Chiemgau gibt es Wilderer

Tatsächlich schießen Wilderer wegen des lauten Knalls bei großkalibrigen Waffen wie hier im Bild eher mit kleineren Kalibern.
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Tatsächlich schießen Wilderer wegen des lauten Knalls bei großkalibrigen Waffen wie hier im Bild eher mit kleineren Kalibern.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Zwei Polizisten sind tot, mutmaßlich von Wilderern getötet. Der Fall Kusel hat hohe Wellen geschlagen. Auch im Chiemgau und im Rosenheimer Land gibt es Wilderei. Ein Besuch in einem Dorf am äußersten Zipfel des Achentals.

Chiemgau – Viele Polizeidienststellen in den Landkreisen der Region haben in der vergangenen Woche bei einer Schweigeminute ihrer verstorbenen Kollegen in Kusel in Rheinland-Pfalz gedacht. Die Polizisten hatten vermutlich Wilderer auf frischer Tat ertappt. Die genauen Umstände werden noch ermittelt. Solch drastische Folgen sind nicht bekannt – doch auch in der Region wird gewildert.

Wenn auch in geringeren Dimensionen: Allein in der Tatnacht sollen die zwei mutmaßlichen Täter Beute in Höhe von 10 000 Euro geladen haben. Im Kontrast dazu stehen die offiziellen Zahlen des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Jeweils ganze neun Verdachtsfälle zu Wilderei gab es laut Pressestelle im Jahr 2020 in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein. „Die Tendenz bei diesen Delikten ist rückläufig“, so Sprecher Martin Emig.

Liegt es also nahe, dass nur wenige Fälle entdeckt werden? Schließlich waren auch die mutmaßlichen Täter von Kusel vorher nicht aufgefallen. Über die Dunkelziffer kann Polizeisprecher Emig keine Einschätzung geben.

Dabei ist es kein Geheimnis, dass besonders ein Ort in der Region seit Jahrzehnten einen Ruf als Wildererdorf hat. Ein Stück gesetzloser Wilder Westen verbirgt sich im hintersten Winkel des Achentals, nämlich in Schleching. Jakob Stadler, Erster Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Schleching, macht keinen Hehl daraus: „Nein das ist kein Gerücht, das gibt es bei uns tatsächlich noch.“ Dass heute noch gewildert werde, das wisse jeder. Doch eine Art Schlechinger Omertà, ein Gesetz des Schweigens, liegt über dieser Tatsache: „Darüber redet keiner.“ Wobei es schon seit geraumer Zeit relativ ruhig sei, bemerkt Stadler.

Wilderei fällt auf

Auch wenn man sich als Laie fragt, wie in einem riesigen Wald auffallen kann, dass gewildert wird, ist das für Experten gar nicht so rätselhaft. „Es ist zwar oft eine Frage des Zufalls, aber meine Kollegen und ich haben schon Tiere gefunden, wo eindeutig feststellbar war, dass kein Berechtigter den Schuss abgegeben hat“, sagt Paul Höglmüller, Leiter der Bayerischen Staatsforsten in Ruhpolding. Er weiß von Schlechings zweifelhaftem Ruf. Dass es Wilderei im großen, kommerziellen Stil im Chiemgau gebe, glaubt Höglmüller nicht.

„Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein“

Ums Geld gehe es da meist nicht. Für Höglmüller stecken andere Motive dahinter: „Ich glaube, es ist der Versuch von Menschen mit einem schwachen Selbstbewusstsein, sich in Szene zu setzen.“ An Leidenschaft und einen Jagdtrieb, dem man nicht aus könne, als Ursache, habe er seine Zweifel. „Schließlich gibt es genügend legale Möglichkeiten, zu jagen“, findet er.

Dass sich Wilderer als eine Art „Robin Hood“ fühlen, zwar gegen das Gesetz zu handeln, aber auch der richtigen Seite zu stehen, hält Höglmüller für falsch. „Aus Hunger muss schließlich keiner mehr wildern“, sagt er. Die Motive sind das Eine, vielmehr stört ihn aber, dass die Tiere leiden und zum Spielball des Egos der Wilderer werden. Denn es werde wegen des leiseren Knalls mit kleinkalibrigen Waffen geschossen. „Die verlängern den Leidensweg der Tiere“, sagt der Forstbetriebsleiter.

Höglmüller hat selbst mal eine Situation erlebt, bei der er Wilderei vermutete: „Das konnte aber nicht nachgewiesen werden, daher bin ich vorsichtig, was ich sage.“ Nur so viel: Höglmüller musste in diesem Fall ein Tier erlösen. „Ein Tier, das sehr gelitten hat.“

Ein Schlechinger Mythos – Der Fall Hacker

Vor über einhundert Jahren wurde der Wilderer Josef Hacker in Schleching erschossen.

Seit dem Ersten Weltkrieg wurden in Schleching immer mehr Fälle von Wilderei bekannt. Besonders nahmen die Fälle im Dezember 1918 zu, als im Achental ein Grenzschutzbataillon stationiert wurde . Die Nähe zum Wald nutzten die Soldaten – zur Wilderei. Doch auch nach deren Abzug verblieben zahlreiche Militärgewehre in der Bevölkerung, die teils auch zum Wildern verwendet wurden. Am 17. Oktober 1919 ertappte der Waldarbeiter Jakob Bietsch den vermummten Josef Hacker beim Wildern. Bietsch erschoss Hacker, als dieser nicht stehen blieb. Hacker starb sofort. Die Beerdigung Hackers im Schlechinger Friedhof geriet zu einem Volksauflauf, über 3000 Menschen sollen diese besucht haben. Denn Hacker soll aus Not und Hunger gewildert haben.

Jakob Bietsch hatte nach seiner Tat kein schönes Leben mehr. Dass er Hacker umgebracht hatte, wenn auch laut Gericht aus Notwehr, verziehen ihm die Schlechinger nicht. Bietsch zog schlussendlich nach Vorarlberg, auch seine Eltern verkauften ihr Anwesen und zogen weg.

Noch heute wird Hacker in Liedern gehuldigt und am Jahrestag an ihn erinnert. Sozialromantisch klingt das, war aber nicht immer so: Im Jahr 1930 war es in Schleching zu vermehrten Wildereifällen gekommen. Nachdem die Täter erwischt wurden, stellte sich nicht nur eine gute Organisation und ein professioneller Absatz heraus. Tatsächlich handelte es sich eben nicht um Bedürftige, sondern um Söhne der wohlhabenden Familien am Ort. Die Quittung bekamen alle Schlechinger: Sie wurden entwaffnet.

Quelle: Bayerische Staatszeitung/Gemeinde Schleching

Was ist Wilderei?

Im Strafgesetzbuch ist Wilderei unter Paragraf 292 als Straftat definiert. Und zwar nicht erst, wenn Wild erlegt wird. Sondern bereits wer Wild illegal nachstellt, macht sich der Wilderei schuldig. Neben Geldstrafen kann in besonders schweren Fällen eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren verhängt werden.

Barbara Frank ist Anwältin in Ruhpolding und hat sich auf Jagdrecht spezialisiert. „Einer meiner ersten Fälle war ein Fall zu Wilderei“, berichtet Frank. Ein Jagdgast hatte im Nachbarrevier etwas erlegt und schon das gilt als Wilderei. „Da war ich schon etwas erstaunt, als der Richter sagte, dass auch eine Haftstrafe infrage komme“, sagt die Anwältin. Wobei der Mann mit einer Geldstrafe davon gekommen sei.

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