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Geschäftsaufgabe von Selahattin Aksu

Nach 33 Jahren: Priener „Jeanspalast“ schließt - Die Geschichte hinter dem legendären Laden

Selahattin Aksu mit seiner Frau Sylvia – die beiden sind ein eingespieltes Team, das nun bald deutlich mehr Zeit füreinander haben wird.
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Selahattin Aksu mit seiner Frau Sylvia – die beiden sind ein eingespieltes Team, das nun bald deutlich mehr Zeit füreinander haben wird.
  • Oliver Lang
    VonOliver Lang
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Mit nur 14 Jahren zwangsverheiratet, hat sich Selahattin Aksu zu einem der bekanntesten Priener Gesichter hochgearbeitet. Nun geht er und hinterlässt bei vielen Kunden eine schmerzliche Lücke

Prien – Es gibt sie, diese Gesichter einer Stadt, die man einfach kennt. Doch kennt man auch die Geschichten hinter diesen Gesichtern?

Der gebürtige Türke Selahattin Aksu (65) ist einer dieser Menschen, die in Prien bekannt sind, deren spannende Lebensgeschichte aber die wenigsten kennen.

Jeans, Jeans und noch mal Jeans

Wer in Prien und Umgebung wohnt und sich jemals auf die Suche nach einer Jeans gemacht hat – und zwar physisch und nicht online –, dürfte mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit im Priener Jeanspalast gelandet sein. Aksu ist Inhaber dieses Fachgeschäfts, das er seit nunmehr 33 Jahren betreibt. „Zwischen München und Salzburg gibt es einen Laden wie den unseren nicht noch mal“, zitiert Aksu nicht nur Kunden, sondern auch Vertreter von Jeansmarken. Doch nun ist bald Schluss mit dem „königlichen Jeansverkauf“.

Bekannt ist Selahattin Aksu aber nicht nur aufgrund seines Handels. Vielen dürfte er auch als Gründungsmitglied des Priener Faschingsvereins „Prienarria“ aufgefallen sein oder als Leiter des Priener Gewerbevereins.

Schon als Achtjähriger gearbeitet

An so eine Karriere hätte 1965 – da war Aksu gerade mal acht Jahre alt und arbeitete bereits in der Türkei, um die Familie zu unterstützen – wohl niemand gedacht. Aksu wurde 1957 in der Nähe von Istanbul geboren. 1968 kam er nach Deutschland. Sein Vater war bereits seit fünf Jahren hier und hatte sich in Rosenheim angesiedelt, wo er als Schweißer arbeitete.

„Ich bin bei meinem Vater und dessen neuer Frau aufgewachsen“, berichtet Aksu von seiner Kindheit. „Doch ich habe nur ganz, ganz wenige Erinnerungen an meinen Vater. Er hat immer gearbeitet.“

Mit 14 Jahren zwangsverheiratet

Eine Erinnerung jedoch ist nach wie vor lebendig. „Mein Vater flog für zwei Wochen in die Türkei, da war ich gerade 14 Jahre alt.“ Als er zurückgekommen sei, habe er gesagt: „Du, ich habe jemanden für dich. Du bist jetzt verlobt. Da hast du deinen Ring.“ Als Aksu seinen Vater daraufhin gefragt habe, wer seine Verlobte denn sei, habe er „eine gescheuert“ bekommen und die Antwort, wie er es nur wagen könne, am Urteil seines Vaters zu zweifeln.

Lange hielt die Ehe nicht

Und so wurde Aksu zwangsverheiratet. Doch die Ehe hielt nicht lange. „Wir waren ja noch Kinder, wir wussten gar nicht, was eine Ehe bedeuten soll.“ Die Scheidung kostete Selahattin Aksu viel, viel Geld. Zwei Anwälte habe er in der Türkei bezahlen müssen. Der Vater der Braut habe zudem noch eine Entschädigung für seine Ehre in Höhe von damals 25 000 Deutsche Mark gefordert. Ein Freund bürgte damals für Aksu, der daraufhin einen Kredit aufnahm und nach und nach seine Schulden abzahlte.

„Wollte meine Freiheit erkaufen“

Der frisch Geschiedene arbeitete damals bei der Firma Hamberger Industriewerke aus Stephanskirchen. „Von 7 bis 16.30 Uhr habe ich bei Hamberger gearbeitet. Dann ging es heim zum Umziehen. Um 19 Uhr habe ich dann im Rosenheimer Restaurant Hirsch an der Bar gearbeitet. Dann habe ich mich noch im Hotel umgezogen und in Rosenheim hinter dem Karstadt im Fischlokal die Küche gewaschen.“ Vier bis fünf Jahre lang sei das so gegangen. „Es war ein schweres Leben, aber ich wollte mir meine Freiheit erkaufen,“ fasst Selahattin Aksu seinen Antrieb zusammen.

Von Textil zunächst keine Ahnung

Bei Hamberger ging es stetig aufwärts, er wurde zum Vorarbeiter und besuchte die Arbeitsschule. Schließlich kam Ende der 1980er Jahre der Wunsch auf, selbstständig zu werden.

„Von Textil habe ich damals gar keine Ahnung gehabt“, erzählt der Geschäftsmann, doch es habe ihn interessiert. „Und ich liebe meinen Beruf nach wie vor! In der Früh stehe ich auf, gehe mit Leidenschaft zu Fuß ins Geschäft. Ich mag Leute gern. Ich mag Gespräche, bin einfach offen.“ Diese Ehrlichkeit würden die Leute spüren, so Aksu.

Ein Jahr Zeit für die Entscheidung

Auf die Frage, ob es dem 65-Jährigen bei all dem Herzblut, das er die letzten 33 Jahre in seinen Priener Jeanspalast steckte, nicht schwer fällt, das Geschäft nun aufzugeben, überlegt Aksu etwas und erwidert dann: „Ob Sie es glauben oder nicht. Ich habe mich ein Jahr darauf vorbereitet. Ich bin jeden Tag, sommers wie winters, um 5.30 Uhr aufgestanden, habe vor dem Haus meine Gymnastik gemacht und bin in mich reingegangen. Wissen Sie, die Dinge im Leben, die nicht zu verändern sind, die nehme ich gar nicht an. Aber die Dinge, die ich beeinflussen kann, an denen arbeite ich. Bei einem Espresso habe ich dann nachgedacht. Ist es richtig, oder ist es nicht richtig? Aber die Entscheidung ist richtig.“

„Möchte hier begraben werden“

Sobald ein Nachfolger für den Priener Jeanspalast gefunden ist, kann das Leben nach der Selbstständigkeit losgehen. Dass sich das Geschäft mit den Jeans nach wie vor lohnt, davon ist Aksu überzeugt. „Jeans muss man einfach anprobieren.“

Selahattin Aksu freut sich bereits auf das Mehr an Zeit, das er mit seiner Frau hier verbringen möchte. Seine Verbundenheit mit Prien bringt er so auf den Punkt: „Ich möchte sogar hier begraben werden.“

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