„Du musst für die Sache brennen“: Extremkletterer Thomas Huber spricht über seine Passion

Thomas Huber bei eisiger Kälte an einer Felswand im Himalya. re
  • Silvia Mischi
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Thomas Huber ist ein Teil der Extremkletterer „Huberbuam“. Der gebürtige Chiemgauer aus Palling kommt am Donnerstag, 26. Februar nach Gstadt. Vorab sprach er mit unserer Zeitung über die Schönheit der Region, den Reiz der heimischen Berge, seine Familie, seine Ziele und gescheiterte Missionen.

Gstadt – Er gehört zu den besten Bergsteigern der Welt. Zusammen mit seinem Bruder Alexander kennt man sie als die „Huberbuam“. Thomas Huber, der Ältere der Beiden, bezwingt weltweit die höchsten Berge und sucht die herausfordernsten Wände-Touren. Pakistan und Patagonien sind dabei nur zwei der Ziele.

Herr Huber, Auch wenn nicht jede Erstbesteigung, Rekordstrecke oder ungewöhnliche Route geklappt hat – das Wort Scheitern gibt es für Sie eigentlich nicht...

Huber: Genau. Scheitern gehört zum Leben dazu. Gerade bei meiner Art des Bergsteigens ist es sehr vom Wetter und meinem Team abhängig. Wenn die Bedingungen die Tour nicht zulassen, kann man einfach nichts machen. Wichtig ist nur eines: Aufgaben ist nie eine Option – weder am Berg noch im Leben. Ich analysiere aber das Scheitern und ziehe daraus meine Erfahrungen. Mein persönlicher Punkt des Scheiterns ist der Latok 1, die Nordwand des Siebentausenders. Ihn konnte ich bis dato nicht besteigen.

Geduld oder Können, was ist bei Ihren extremen Touren wichtiger?

Huber:Beides ist gleichbedeutend. Ohne das Können würde ich nicht auf diesem Level auf den Bergen und in den Wänden unterwegs und zu der jeweiligen Herausforderung gekommen sein. Man braucht die Fähigkeiten, um seine Ziele zu erreichen. Allerdings ist ohne Geduld ein Scheitern vorprogrammiert. Geduld ist gerade am Berg der Schlüssel zum Erfolg.

Das teils lange Warten auf den richtigen Moment, dass das Wetter passt und man in die Wand gehen kann, das kann doch zermürbend sein. Was sind hier Ihre Tricks?

Huber: Keine Tricks. Schafkopfen und Bücher lesen helfen. Es gibt Bergsteiger, die haben dann Wespen im Hintern. Aber das bringt nichts. Du musst dich entspannen und im richtigen Moment bereit sein und einfach losmarschieren. Ich sehe das Warten als Ausbruch aus dem Alltag und finde das Nichtstun als erfüllend. Ich schreibe Tagebuch, hinterfrage mich selbst und erfreue mich an der Schönheit der Natur.

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Das Nichtstun genießen, das ist eine Eigenschaft, die in der Gesellschaft verloren geht. Wie stehen Sie dazu?

Huber: Die Gesellschaft hat uns verändert. Wir sind mittlerweile darauf getrimmt, dass Zeit Geld ist. Wir meinen, immer abrufbereit sein zu müssen und dass wir immer gefordert sind. Deshalb sind meine Vorträge zugleich Lebenstipps. Der Berg steht im Alltag ja sowieso oft als Metapher für Hürden...

Wie meinen Sie das?

Huber:Man muss für eine Sache brennen. Sonst wären beispielsweise Grenzgänge wie meine gar nicht möglich. Nur das treibt einen an, sich perfekt vorzubereiten, an sich zu arbeiten und so dann die Wand oder die jeweilige Hürde zu bezwingen.

Sie unternehmen sowohl mit Team als auch mit ihrem Bruder die Kletter-Grenzgänge. Warum ist die Seilschaft mit dem zweiten Teil der Huberbuam am besten?

Huber:Auf Alexander kann ich mich zu 100 Prozent verlassen. Wenn wir streiten, hilft uns eine gute Streitkultur, und wir finden auch immer einen Kompromiss. Und ich weiß, dass ich mich stets – Streit hin oder her – auf ihn verlassen kann. In einem Team, kann man sich im Vorfeld noch so gut verstehen, kann es sein, dass man durch die Crew am Berg scheitert. Denn dort oben kann niemand etwas kaschieren. Da ist jeder wahrhaftig und nur er selbst.

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Mit Ihrem Bruder und einem weiteren Freund steht heuer etwas Besonders an oder?

Huber: Ja, wir planen im April eine Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Wie die Route aber aussehen wird, wird noch nicht verraten.

Es müssen also nicht immer die Berge in fremden Ländern sein?

Huber: Ganz und gar nicht. Wir sind in der Region im Berchtesgadener Land und im Chiemgau reich beschenkt. Bei uns ist für jeden Wanderer und jedes Bergsteigerlevel etwas geboten. Eines ist dabei nur wichtig, dass man immer mit Respekt in die Berge geht. Denn Unachtsamkeit führt zu Unfällen. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Meinen Unfall habe ich 2016 am Brendelberg im Berchtesgadener Land, einem vergleichsweise leichten Berg gehabt und nicht auf einem meiner Grenzgänge.

Die Liebe zu den Bergen geben Sie auch – wie Ihr Vater an Sie, in Ihrer Familie weiter. Wie gehen Ihre Kinder mit Ihren Reisen um?

Huber:Ich habe habe drei Kinder und gehe mit denen in die Berge. Ich bin fest verwurzelt in meiner Heimat. Wir leben in einer paradiesischen Schönheit. Meine Familie gibt mir Kraft. Sie vertrauen darauf, dass ich mich am Berg immer für das Leben entscheide. Abschiedsszenen am Flughafen gibt es bei uns aber nicht. Wir verabschieden uns zuhause. Meine Tochter hat mir einen kleinen Stein, auf dem Mut geschrieben stand, zu einer Tour mitgegeben. Dieser hat eine wichtige Bedeutung für mich. Zudem sind die Bilder meiner Kinder Glücksbringer für mich.

Vertrauen, sich für das Leben zu entscheiden? Wie meinen Sie das?

Huber: Ich habe viele traurige Momente schon in den Bergen gehabt. Ich habe Freunde dort verloren. Auch davon erzähle ich in meinem Vortrag. Denn jeder muss für sich die Verantwortung tragen, Man muss in sein Können vertrauen, aber nicht blind auf den Berg und das Wetter.

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Steinzeit in Gstadt:Extremkletterer Thomas Huber kommt am Donnerstag, 26. Februar ins Steghouse in Gstadt. Er steht den Besuchern Rede und Antwort. Außerdem schildert er anschaulich bei seinem Vortrag mit Multivisionsshow unter dem Titel „ Steinzeit“ das Auf und Ab, Erfolg und Scheitern, Leidenschaft, Mut und Zweifel seiner Touren. Vieles ist davon auf den Alltag jedes Menschen übertragbar. Beginn: 19 Uhr.

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