Munterer Erfahrungsaustausch in Traunstein beim zweiten Linkshänder-Treffen

Leidvolle, aber auch lustige Erfahrungsberichte gab‘s zu hören: Initiatorin Michaela Mayer (Dritte von links) zeigte sich mit der Resonanz des zweiten Linkshänder-Treffens im Studio16-Biergarten in Traunstein hochzufrieden.
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Leidvolle, aber auch lustige Erfahrungsberichte gab‘s zu hören: Initiatorin Michaela Mayer (Dritte von links) zeigte sich mit der Resonanz des zweiten Linkshänder-Treffens im Studio16-Biergarten in Traunstein hochzufrieden.

Vom linkischen Umgang mit der rechten Hand: Anlässlich des Welt-Linkshänder-Tags 2020 fand im Studio 16-Biergarten in Traunstein das zweite Chiemgauer Linkshänder-Treffen statt.

Von Kirsten Benekam

Traunstein – Umerzogen, aus der Not heraus kreativ geworden oder überfordert: Linkshänder haben es schwer. Das wurde erneut deutlich beim zweiten Linkshänder-Traffen im Studio 16 in Traunstein.

Die Tatsache, dass Redewendungen wie „Das mach ich doch mit links“, „Zwei linke Hände haben“, „Jemanden linken“ oder „linkischer Umgang“ in unserem Sprachgebrauch durchaus häufig Verwendung finden belegt, dass die tägliche Herausforderung eines Linkshänders auf weit mehr als nur das Schreiben zu reduzieren ist. Linkshänder sind also „irgendwie anders“.

Kaum zu glauben aber wahr: Versuche der „Umerziehung“, ob bewusst oder unbewusst, sind bis heute üblich, weiß Michaela Mayer aus Traunwalchen zu berichten. Als Linkshänderin ist sie mit der Thematik bestens vertraut.

Gravierende Alltagshürden zu bewältigen

Und aus ihrem beruflichen Alltag, sie betreibt in Traunreut eine Praxis für Lern- und Konzentrationstraining und ist Legasthenie-Trainerin, zieht sie täglich aufs Neue die Erfahrung, dass Linkshänder, entgegen der oft fehlgeleiteten Meinung, doch gravierende Alltagshürden zu bewältigen haben. Sprüche wie „ist doch egal, ob Rechts- oder Linkshänder“ will sie also abschaffen und stattdessen die alltäglichen Herausforderungen dieser gesellschaftlichen Minderheit ins kollektive Bewusstsein rücken.

Netzwerk aus kompetenten Ansprechpartnern

Deshalb veranstaltete Mayer im letzten Jahr zusammen mit Verena Fuchs aus Traunstein das 1. Linkshänder-Treffen im Chiemgau: Eine Initiative, mit der vor Ort ein regionales Netzwerk aus kompetenten Ansprechpartnern geschaffen werden soll und die auf verschiedensten Ebenen Sichtweisen und Alltagssituationen von Linksdominanz und Linkshändigkeit fokussieren.

Anlässlich des Welt-Linkshänder-Tags 2020 fand nun im Biergarten des Studio 16 in Traunstein das zweite Treffen statt. Die Initiatoren freuten sich über regen Zulauf: Gekommen waren „links dominante Menschen“ aller Altersklassen, angefangen von einer Mutter mit ihrem Grundschulkind, bis zu einer 88-jährigen Gymnasiallehrerin. Entsprechend vielfältig waren die Aha-Erlebnisse der Anwesenden: Da gingen vier Generationen miteinander in regen Austausch.

In unserer Welt dominiert die Rechtshändigkeit

Dass in unserer Welt Rechtshändigkeit dominiert (Schätzungen zufolge sind nur etwa zehn bis 25 Prozent der Weltbevölkerung Linkshänder), sich folglich Linkshänder in einer Rechtshänder-Welt einrichten müssen, daran hat sich wohl bis heute nichts geändert. Das liegt in der Natur der Sache: Die Betroffenen bleiben, damals wie heute, eine Minderheit.

Was sich aber seither getan hat, ob im schulischen, beruflichen oder auch alltäglichen Leben, das ist doch, bis auf wenige Negativ-Beispiele erfreulich. Vom Dosenöffner bis zum Korkenzieher, von der Computertastatur bis zum Bumerang: Es gibt kaum einen Alltagsgegenstand, der nicht auch auf links gedreht ist.

Ernüchternde Anekdoten erzählt

Trotzdem wusste die Initiatorin des Linkshänder-Vereins aus München, Agnes Maria Forsthofer, die zu diesem Anlass aus der Landeshauptstadt angereist war, so manch ernüchternde Anekdote zu erzählen. Forsthofer hat mehr als 25 Jahre lang auf der Auer-Dult das legendäre „Linkshänder-Standl“ betrieben und weiß, wovon sie spricht: Die Herstellung von Artikeln für Linkshänder, ob Schreibmaterial, Computer-Maus, Scheren oder anderes seinen, wie sie immer wieder zu hören bekam, „Nischenprodukte“ und deshalb in der Herstellung unwirtschaftlich.

Links-Händer sind von Haus aus benachteiligt

Der links-händische Käufer müsse dafür zudem noch tief in die Tasche greifen. „Dabei sind diese Menschen von Haus aus benachteiligt, ja oft sogar diskriminiert“, so Forsthofer.

Michaela Mayer brachte noch einen weiteren „sensiblen“ Aspekt ein: So seien Linkshänder nicht selten von Lese- und Rechtschreibschwächen betroffen. Weil Gestik der Ursprung von Sprache ist, gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich evolutionär die Zentren für Sprache und Händigkeit auf ein und derselben Seite des Gehirns befinden – aus kürzeren Wegen resultieren schnellere Reaktionszeiten.

Das Umdenken „schwächt, irritiert und verlangsamt“ und wie sehr das wiederum belasten kann, wurde aus der Erzählung der 88-Jährigen klar: Beim erzwungenen Umerziehen habe sie als Grundschulkind Magengeschwüre entwickelt.

Anpassung und Akzeptanz ist notwendig

Die Mutter des anwesenden Schulkindes berichtete schmunzelnd von der Reaktion ihres rechtshändigen Ehemannes: Er habe schon im Kleinkindalter versucht, Jakob „heimlich“ auf rechts zu polen. Andere berichteten von mangelnder Selbstsicherheit, Sprach- und Konzentrationsstörungen oder motorischen Defiziten, die ihr Leben als Linkshänder mit sich brachten.

Bei allen leidvollen, aber auch lustigen Erfahrungsberichten des zweiten Linkshänder-Treffens stand aber eines im Vordergrund: Austausch tut gut. „Anpassung“ und „Akzeptanz“ ist notwendig. Aufklärung der Linkshänder-Problematik ist besonders in Bezug auf folgende Schülergenerationen unerlässlich.

Interessierte können über die Facebook Gruppe „Chiemgauer Linkshänder Initiative“ oder Email mayer-micha@t-online.de Kontakt aufnehmen.

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