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Von Münster nach Reit im Winkl

Schicksale im Zweiten Weltkrieg: Als die Bomber der Alliierten die deutschen Städte in Schutt und Asche legten, verfrachteten die Nationalsozialisten Kinder auf das Land. Im Rahmen der "Kinderlandverschickung" kamen auch Mädchen aus Münster nach Reit im Winkl. Der Aufenthalt hat die damaligen Mädchen geprägt. Auch heute noch treffen sie sich immer wieder in Reit im Winkl (kleines Bild).  Fotos ost
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Schicksale im Zweiten Weltkrieg: Als die Bomber der Alliierten die deutschen Städte in Schutt und Asche legten, verfrachteten die Nationalsozialisten Kinder auf das Land. Im Rahmen der "Kinderlandverschickung" kamen auch Mädchen aus Münster nach Reit im Winkl. Der Aufenthalt hat die damaligen Mädchen geprägt. Auch heute noch treffen sie sich immer wieder in Reit im Winkl (kleines Bild). Fotos ost

In recht gemütlicher Runde sitzen sie beim Frühstück zusammen, zehn ältere Damen im Reit im Winkler Hotel "Edelweiß". Sie haben sich viel zu erzählen, sie lachen viel in diesen Morgenstunden. Etwa eine Woche verbringen sie in dem Bergort, wie so häufig in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Allesamt stammen sie aus Münster in Westfalen. Ein Leben lang kennen sie sich schon. Als Mädchen hat sie eine Zeit zusammengeschweißt, die so lange her ist, dass sie heute fast unwirklich erscheint.

Reit im Winkl - Vor genau 70 Jahren kamen die zu jenem Zeitpunkt zehn- bis 13-jährigen Mädchen zum ersten Mal in das 700 Kilometer entfernte und etwa 2000 Einwohner zählende Bergdorf, im Jahre 1943 also, als die Welt eine ganz andere war. Freiwillig kamen die jungen Schülerinnen allerdings nicht: Nachdem die Ausmaße der Zerstörung durch alliierte Bombenflieger in deutschen Städten, so eben auch in Münster, immer verheerender wurden, wurden im gesamten Deutschen Reich etwa zwei Millionen Kinder, vornehmlich Mädchen aus den Städten evakuiert und auf das Land verfrachtet: "Erweiterte Kinderlandverschickung" (KLV) hieß dieses Programm der Nationalsozialisten.

700 Mädchen kamen so in den Jahren 1943 bis 1945 nach Reit im Winkl. Genau 32 waren dies im Hotel "Edelweiß". Bis heute trifft sich ein Teil dieser jetzt über 80-jährigen Damen, um, wie sie sagen, "ihre zweite Heimat zu besuchen", aber auch um diese Zeit lebendig zu halten.

Bis zum Zeitpunkt der Verschickung im August 1943 hatte man in Münster exakt 46 Bombenangriffe und 563-mal Fliegeralarm registriert. Die Mädchen standen am Bahnsteig, mit dem Köfferchen in der Hand, in dem nur sein durfte, was die Nazis vorschrieben. Sie mussten sich von ihren Familien verabschieden und fuhren einer ungewissen Zukunft entgegen, einem unbekannten Ort auf unbestimmte Dauer.

"Als wir nach langer Fahrt endlich in Reit im Winkl angekommen waren, war für viele das große Heimweh am allerschlimmsten", erzählt Lilo Mannefeldt, eine der "Edelweißerinnen", wie sie sich nennen. "Ich habe meiner Mutter schon bald geschrieben, ich würde mich am liebsten vom Wilden Kaiser herabstürzen", und setzt mit einem Lächeln hinzu: "Aber ich habe ja gar nicht gewusst, wie ich da hinauf kommen könnte".

Die Mutter jedenfalls erkannte, wie ernst es um ihre Tochter bestellt war und bemühte sich, nach Reit im Winkl nachzureisen. "Ich musste dann auf die Gemeinde, um eine Zuzugsgenehmigung zu erbitten, aber der Bürgermeister erklärte, ohne Arbeitsnachweis ginge das nicht." Also klapperte die damals zwölfjährige Lilo die einzelnen Häuser in Reit im Winkl ab, um irgendeine Stelle für die Mama zu erbetteln. Dies gelang schließlich, die Mutter wurde Köchin im "Edelweiß" und dieses damit "das am besten geführte KLV-Lager im Ort", wie sich die Damen rückblickend sicher sind.

Was aber hatten die 700 Mädchen in Reit im Winkl vom August 1943 bis zum Zeitpunkt der Rückführung, also Mitte 1945 zu tun? "Wir hatten freilich Schulunterricht und mit der damals 34- jährigen Studienrätin Elisabeth Kussmann eine hervorragende Lehrerin, die sich auch der durchaus zahlreichen Nöte der Mädchen annahm", erzählen die Damen, "diese Lehrerin hat uns für das ganze Leben geprägt." Ein Chor wurde gegründet, Märchen-Aufführungen an Weihnachten einstudiert, "wir wollten dem Ort auch etwas zurückgeben".

Die Mädchen der Kinderlandverschickung waren in ihren Lagern aber weitgehend für die eigene Versorgung zuständig, sie hatten sich um Lebensmittel und um Brennholz zu kümmern. Immer wieder standen aber auch "kriegswichtige Einsätze" auf dem Programm, insbesondere in den Schulferien, Aufforstarbeiten etwa, Hopfenzupfen in der Hallertau oder Steinesammeln auf den Almwiesen.

Die KLV-Mädchen, so erinnern sie sich, erreichten kaum Nachrichten über das Schicksal der eigenen Nation, nur einmal sei ein Gauleiter aus Münster erschienen, um nach dem Rechten zu sehen, wobei die Mädchen beim Appell in der Dorfmitte stramm zu stehen hatten. Ach ja, die Disziplin sei damals stets besonders wichtig gewesen, darauf hätten die Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel (BDM), die das Lager zu führen hatten und kaum älter waren als die Insassinnen, stets besonders geachtet. Die Forderung "Kante auf Kante" klinge heute noch in ihren Ohren und lässt leicht die akkurate Ordnung in den Kleiderschränken erahnen.

Im Oktober 1944 verschlechterte sich die Situation, "wir erhielten plötzlich keine Kartoffeln mehr", damals die wichtigste Nahrungsgrundlage. Dramatisch wurde es für die Mädchen aber Ende April 1945: Nach einem Befehl des örtlichen Kommandos musste das Hotel "Edelweiß" binnen acht Stunden geräumt werden, die Schutzstaffel (SS) wollte hier ihre Zentrale einrichten, um den von den Nationalsozialisten letzten Rückzugsposten, die sogenannte Alpenfestung, zu organisieren. "Wir wurden dann überall hin verstreut", so erzählen die Damen heute, einige kamen auf die Fraueninsel, es war alles chaotisch."

Irgendwie schafften es die meisten der Mädchen aus dem "Edelweiß" wieder zurück nach Münster - wo sie der nächste Schock erwartete: 90 Prozent der Innenstadt waren durch die Fliegerangriffe zerstört worden, die restlichen Wohnungen waren "von irgendwelchen Menschen" besetzt worden. Kein Wohnraum für die Zurückkehrenden also.

Damals, im August 1943, waren sie schweren Herzens von Münster aus ins südliche Oberbayern aufgebrochen, an einen unbestimmten Ort für eine unbestimmte Dauer. Und die Reit im Winkler hatten sie recht zurückhaltend aufgenommen in diesen schweren Zeiten. Aber sie hatten sich arrangiert, die Münsteraner Mädchen untereinander und auch zusammen mit den nicht ganz freiwilligen Gastgebern. "Aber als wir unsere Geburtsstadt wiedersahen, bekamen wir eine Sehnsucht nach Reit im Winkl, Heimweh nach unserer zweiten Heimat", sagt Ruth-Esther Mikus. "Wir kommen bis heute immer noch sehr gerne hierher, vielleicht können wir das ja noch einmal wiederholen."

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