Müll-Mahnmal im Rat durchgefallen

Das Drahtgeflecht mit Müll ist vielen Prienern ein Dorn im Auge. Künstlerisch stehen die menschlichen Hinterlassenschaften, die nicht verrotten, im Gegensatz zum Stamm einer alten Eiche, der sich langsam auf natürlichem Weg zersetzt. Eine hauchdünne Mehrheit hat am Mittwochabend entschieden, dass diese Naturinstallation vom bisherigen Platz im idyllischen Eichental verschwinden soll. re
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Das Drahtgeflecht mit Müll ist vielen Prienern ein Dorn im Auge. Künstlerisch stehen die menschlichen Hinterlassenschaften, die nicht verrotten, im Gegensatz zum Stamm einer alten Eiche, der sich langsam auf natürlichem Weg zersetzt. Eine hauchdünne Mehrheit hat am Mittwochabend entschieden, dass diese Naturinstallation vom bisherigen Platz im idyllischen Eichental verschwinden soll. re

Mit dem knappsten aller möglichen Abstimmungsergebnisse, nämlich 13:12 Stimmen, hat der Marktgemeinderat am Mittwochabend entschieden: Das Müll-Mahnmal muss wieder aus dem Eichental verschwinden. Die „Naturinstallation“ hatte seit ihrer Enthüllung nicht nur im Kommunalparlament kontroverse Diskussionen entfacht.

Prien – Künstler Carsten Lewerentz hatte im beliebten Naherholungsgebiet einem natürlich verrottenden Stamm einer alten Eiche eine Aufschichtung künstlicher menschlicher Hinterlassenschaften in einem mehr als mannshohen und bald zehn Meter breiten Drahtgeflecht gegenübergestellt und seine Intention auf einer Infotafel erläutert. Lewerentz handelte im Auftrag der Marktgemeinde, die für das Kunstprojekt sogar Mittel aus dem EU-Förderprogramm „Leader“ abzweigen konnte. Geboren worden war die Idee, als eine jahrhundertealte Eiche am Herrnberg gefällt werden musste, weil sie morsch war. Dieses natürliche Monument wollte man nicht gänzlich zerstören. So landete der Stamm vor einer Gabionenwand im Eichental.

Schon die Entstehungsphase der Naturinstallation lief nicht glatt. Unter der Einbindung der Bevölkerung, die damals in der Beschlussvorlage stand, hatten sich einige Räte etwas anderes vorgestellt und fühlten sich dann „über der Tisch gezogen“, als das Gabionen-Drahtgeflecht zwischen Kneippbecken und Fitnessparcours enthüllt und der Müllberg sichtbar wurde. Die Betrachter optisch damit zu konfrontieren, was der Mensch im Laufe eines Lebens ansammelt und dann der Umwelt hinterlässt, war des Künstlers Absicht.

Meinungen kontrovers wie am ersten Tag

Das erschloss sich dem Marktgemeinderat auch, aber warum eine solche Botschaft ausgerechnet im idyllischen Eichental so unübersehbar verbreitet werden muss, konnte ein Teil der Kommunalpolitiker nicht nachvollziehen. Das Echo aus der Bevölkerung, das an die Räte herangetragen wurde, war ebenso gespalten wie deren Meinungsbild. Schließlich wurde es Konsens, ein Jahr abzuwarten und dann nochmal grundsätzlich über die Naturinstallation im Kurpark Eichental zu diskutieren.

Nun war der Tag gekommen, aber die Meinungen waren mindestens so kontrovers wie am ersten Tag. Mehr als die Hälfte der 24 Marktgemeinderäte meldete sich in der Diskussion am Mittwochabend im Logistik-Kompetenz-Zentrum zu Wort, so viele wie sonst fast bei keinem anderen Thema. Eine Zusammenfassung ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Michael Anner, CSU: „Es wird nicht schöner, es muss weg und woanders hin. Die Bürger gehen nicht mehr ins Eichental, weil sie sich ärgern.“

Angela Kind, Grüne, zietierte Künstler Lewerentz. Das Kunstwerk soll stehenbleiben, „so lange es Prien aushält“. Ein Stimmungsbild der Teilnehmer bei einer von ihr geführten Wanderung habe sie auch nicht schlauer gemacht. Die einen fanden es „schiach“, die anderen sahen in den Priener Gegnern „Hinterwäldler“.

Dr. Meinolf Schöberl (FWP) schloss sich weitgehend Anners Argumentation an. Der Baumstamm könne „ruhig weiter verrotten“, aber für die Müllwand sei das Eichental der falsche Standort.

Rosi Hell (CSU) zitierte Bürgeraussagen von „Saustall“ über schiach“ bis „schrecklich“ und brachte auch die Einfahrt zum Wertstoffhof als thematisch passenden Standort ins Spiel.

Hans Herzinger (ÜWG) konnte sich mit diesem Platz auch anfreunden und fand nach dem jüngsten Spaziergang im Eichental: „Es ist noch schiacher geworden.“

Für Martin Aufenanger (FWP) war es ein ganz wichtiger Aspekt, dass Kunst grundsätzlich nicht gefallen, müsse. Die Intention sah er erfüllt, weil er oft Leute gesehen habe, die diskutiert hätten.

Tobias Ihm (BfP) „geht es letztlich darum, etwas zu bewirken“ und das sieht er erfüllt: „Es führt uns vor Augen, dass Müll nicht vergänglich ist“. Und weiter: „Es muss weh tun.“

Thomas Ganter (SPD) kündigte das Votum seiner dreiköpfigen Fraktion für die Beibehaltung an und sein Fraktionskollege Alfred Schelhas schilderte seinen Lernprozess. Er sei bei der Enthüllung zusammengezuckt, aber nun der Meinung, dass Prien das aushalten müsse.

Von einer „Verschandelung“ sprach Anton Schlosser (CSU-Fraktion, parteilos). „Wenn man dieses Ding braucht, um zu verstehen, dass wir eine Wegwerfgesellschaft sind, geht einer blind durchs Leben.“

Für Gaby Rau, Grüne, würde das Kunstwerk gut vor dem Wertstoffhof passen, um Müllentsorgern das Abfallproblem vor Augen zu führen. Parallel schlug sie eine „Verrottungstabelle“ auf einer Tafel vor. Wer wisse schon, dass zum Beispiel ein Papiertaschentuch 15 Jahre brauche, um zu verrotten?

Werner Waap (BfP) bot sich an, sich um ein Experiment mit einer der Priener Schulen rund um das Kunstwerk zu kümmern, damit es nicht nur unberührt in der Landschaft steht. Sein Fraktionskollege Christoph Bach schloss sich der „Das muss Prien aushalten“-Abteilung an. Die Tennisplätze seien im Eichental wesentlich störender, befand er.

Bürgermeister Jürgen Seifert gesellte sich zur Reihe derer, die die Naturinstallation an Ort und Stelle belassen wollten, und relativierte die Plädoyers für eine Verlegung an den Wertstoffhof. Jegliche Veränderung könne ohne Zustimmung des Künstlers nicht erfolgen.

Blieb nur die Entweder-oder-Abstimmung für den Standort Eichental: komplett abbauen oder so belassen, wie es ist. Mit 13:12 fiel die knappe Entscheidung für den Abbau, vor allem durch Stimmen aus CSU und ÜWG.

Beschluss betrifft nur Standort im Eichental

Seifert will nun zunächst den Künstler über die Entscheidung informieren, sagte er gestern auf Nachfrage der Chiemgau-Zeitung.

Der Markt Prien hat das Kunstwerk zwar gekauft, ein Stolperstein könnte aber im Urheberrecht des Künstlers liegen. Der Beschluss jedenfalls war nicht als komplettes Aus für das Kunstwerk für ganz Prien formuliert. Die knappe Mehrheit votierte nur gegen den jetzigen Standort im Eichental.

Marktgemeinderat

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