Aktuelles Interview mit Philipp Bernhofer, hauptamtliches Gemeindeoberhaupt von Bernau

"Miteinander Reden ist das A und O"

Voller Tatendrang ist der neue Bürgermeister. "Viele unserer Defizite und ,Baustellen' im Ort sind offensichtlich. Alle gleichzeitig anzupacken ist jedoch unmöglich. Hier geduldig zu sein fällt mir schwer", sagt Philipp Bernhofer.  Foto  re
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Voller Tatendrang ist der neue Bürgermeister. "Viele unserer Defizite und ,Baustellen' im Ort sind offensichtlich. Alle gleichzeitig anzupacken ist jedoch unmöglich. Hier geduldig zu sein fällt mir schwer", sagt Philipp Bernhofer. Foto re

Gleich sechs Kandidaten bewarben sich 2014 in Bernau um die Nachfolge von Klaus Daiber, der das Amt des Bürgermeisters aus Altersgründen niederlegte. Die Entscheidung fiel in einer Stichwahl - und die gewann Philipp Bernhofer.

Mit dem Sieg des Kandidaten der Bernauer Liste endete eine Jahrzehnte lange Ära, in der die CSU immer den Bürgermeister gestellt hatte. Am morgigen 1. Mai ist Philipp Bernhofer auf den Tag genau ein Jahr im Amt.

∗ Was ist der größte Unterschied zwischen dem Bild, das Sie vor Amtsantritt vom Bürgermeisteramt hatten, und der Wirklichkeit ?

Ich bin überrascht von der Bandbreite der Themen. Sie umfasst alles, was unser gesellschaftliches Zusammenleben ausmacht. Bei der Vielzahl an Themen, mit denen ich täglich zu tun habe, bedarf es guter Organisation, um keines aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig eröffnen sich wesentlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, als ich gedacht habe.

∗ Fällt es Ihnen leicht oder manchmal auch schwer, mit Erwartungen und Belastungen des Amtes umzugehen?

Viele unserer Defizite und "Baustellen" im Ort sind offensichtlich. Alle gleichzeitig anzupacken ist jedoch unmöglich. Hier geduldig zu sein fällt mir schwer. Die Erwartungen der Bürger vertrösten zu müssen ist ärgerlich, dabei auf Verständnis zu stoßen erfreulich. Belastend für mich ist, wenn unsachlich und unterstellend über mich oder ein Thema gesprochen wird. Direkt miteinander statt übereinander zu reden ist für mich das A und O.

∗ Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, also dem, was Sie als Bürgermeister gern verwirklichen würden, und dem, was Sie verwirklichen können?

In der Klausur des Gemeinderats im Juli 2014 wurden viele Themen angesprochen und auf eine Prioritätenliste gesetzt. Es gilt diese Themen umzusetzen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es für jeden noch so kleinen Schritt einen Paragrafen gibt oder eine Behörde, die zustimmen muss. Manchmal dauert es sehr lange, bis man entsprechende Antworten bekommt. Natürlich spielt neben diesen Hemmnissen auch noch die finanzielle Lage der Gemeinde eine Rolle. Somit entscheidet eine Vielzahl von Faktoren über das zügige Voranschreiten und Gelingen eines Projekts. Ich bin gespannt, welches Resümee wir am Ende der Legislaturperiode ziehen können.

∗ Sie hatten sich vor der Wahl Ziele gesteckt: Was haben Sie davon bisher umsetzen können oder auf den Weg gebracht?

Hier einige Beispiele.

Viele Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich an den zahlreichen Angeboten zur Bürgerbeteiligung, wie zum Beispiel bei Treffen mit den Gewerbetreibenden, den Leistungsträgern im Chiemseepark Bernau Felden, den Anliegern der Chiemseestraße und in den Arbeitskreisen Rathausplatzgestaltung, behindertengerechtes Bernau und Hundehalter, Jäger, Landwirte.

Ziel Tourismus: Erste Baumaßnahmen im Chiemseepark werden in Kürze durchgeführt. Der Bahnhof erhält Anbindung an die Ringbuslinie und soll Ausgangspunkt für Radurlauber werden. Die Gespräche mit den örtlichen Radverleihern sind hier bereits sehr konkret. Zusätzlich entsteht eine weitere Info-Möglichkeit für Touristen im Rathaus. Die Homepage wird nun extern betreut, die Außendarstellung des Orts durch einen Werbefilm verbessert.

Im Bereich Verkehr finden Gespräche statt, die Geh- und Radwegeverbindung entlang der Priener Straße zu verwirklichen, um die Anbindung des Gewerbegebiets Theodor-Sanne-Straße zu ermöglichen. Zudem werden im Moment Querungsmöglichkeiten der B 305 mit dem staatlichen Straßenbauamt erörtert. Die Tempo-30-Zone rund um den Mitterweg wurde beschlossen, in Schörging ist sie angedacht. Die Verbesserung der Parkplatzsituation in Hittenkirchen ist Gegenstand umfangreicher Gespräche.

Ziel Energieeinsparung: Es wurden Beschlüsse gefasst, unter anderem das Hallenbad mittels Blockheizkraftwerk zu versorgen.

Ferner fanden Gespräche mit den Vereinen statt mit dem Ziel, die gegenseitige Zusammenarbeit abzustimmen. So konnte die Parkplatzsituation rund um das Feuerwehrhaus in Hittenkirchen geklärt werden, der Bau des Vereinsstadels ist nun möglich. Die Bahn wurde aufgefordert zum Lärm Stellung zu nehmen. Zur Verbesserung der Sicherheit und Infrastruktur sind Maßnahmen angelaufen wie zum Beispiel die Abwasserentsorgung des Eichet zu verbessern. Die Verwaltung wurde neu organisiert und strukturiert. Dem Ziel der Haushaltssanierung wurde Rechnung getragen mit dem Beschluss, zukünftig keine neuen Kredite aufzunehmen. Das Ziel, interkommunale Zusammenarbeit anzustreben, wird durch die geplante gemeinsame Städtebauförderung mit den Gemeinden Aschau, Frasdorf und Prien auf ein Fundament gestellt, das eine weitere Vertiefung verspricht. Initiator war hier die Gemeinde Bernau. Für mich von großer Bedeutung ist, dass das Ansehen der Gemeinde durch viele positive Presseberichte gestärkt werden konnte.

∗ Was war im ersten Jahr Ihr größter Erfolg? Was Ihre größte Enttäuschung?

Zwei große Erfolge: Das Thema Asyl ist in Bernau sehr gut gelöst. Die Arbeit des Vereins erweist sich als unglaublich hilfreich. Bernau hat durch diese Vorgehensweise weiter an Reputation gewonnen. Die extrem verfahrene Situation zwischen Hundehaltern einerseits und Landwirten/Jägern andererseits konnte in mehreren Arbeitskreissitzungen so verbessert werden, dass eine gemeinsame Info-Veranstaltung im Gasthof Kampenwand möglich wurde. Es ist zu hoffen, dass sich diese Entwicklung hin zur gegenseitigen Rücksichtnahmen fortsetzt.

Große Enttäuschungen gab es bisher keine.

∗ Leidet das Privatleben unter den Verpflichtungen des Amtes?

Ich habe gelernt, dass auch die Freizeit ein Termin im Terminkalender ist, und so versuche ich, möglichst viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

∗ Wie und wie oft gelingt es Ihnen, abzuschalten?

Ich probiers mit Lesen und Sport - aber tatsächlich hab' ich noch keine so richtig effektive Methode gefunden.

∗ Sind Klima und Arbeit im Gemeinderat so, wie Sie sich das vorstellen?

Sachlich, kollegial, kritisch, entspannt, verantwortungsbewusst, konstruktiv - kurz: Klima und Arbeit: sehr gut.

∗ Und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Verwaltung?

Mein erster Arbeitstag fiel zusammen mit der Vorstellung des Ergebnisses einer Verwaltungsorganisationsuntersuchung durch eine Gutachterin. Ergebnis der Untersuchung war, dass eine völlige Neuverteilung der Tätigkeitsbereiche und eine Neuorganisation der Amtsbereiche dringend erforderlich seien. Diese Auffassung wurde von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geteilt, und so gingen wir gemeinsam an diese Mammutaufgabe. Eine Geschäftsleiterin wurde von mir ernannt, ein Bauamtsleiter und eine Mitarbeiterin zur Ordnung des Archivs eingestellt. In vielen konstruktiven Absprachen mit allen Beteiligten wurden schließlich die Bereiche neu verteilt, was für manche Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen nun ein mit erheblichem Aufwand verbundenes Einarbeiten in neue Sachgebiete erfordert. Mit Beginn des Jahres 2015 konnte diese Umstrukturierungsmaßnahme abgeschlossen werden. Ab Februar erfolgte nun ein weiterer Schritt - hin zur Digitalisierung der Verwaltung. So wird seit März jedes Dokument eingescannt, ein wichtiger Schritt in Richtung "e-government". Die Einsatzbereitschaft, der Fortbildungswille, die stets vorhandene Kooperations- und Hilfsbereitschaft erlebe ich in freundlicher und umgänglicher Atmosphäre, so dass ich die Zusammenarbeit mit der Verwaltung als sehr gut bezeichnen und mich gleichzeitig bei meiner Verwaltung dafür bedanken möchte.

∗ Wie werten Sie die Resonanz aus der Bevölkerung auf Ihre Arbeit?

Wie soll man das beurteilen? Jedenfalls grüßen mich viele Bernauerinnen und Bernauer freundlich, wenn sie mich unterwegs treffen, und das bestärkt mich in dem, was ich tue. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass mit guter, direkter Kommunikation mit und nicht über eine Person immer eine Lösung oder zumindest Verständnis für eine Position erreicht werden kann.

Interview: Dirk Breitfuß

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