NEUER KESSEL EINGEBAUT

Nach drei Jahren kommt Lok „Laura“ aus Thüringen zurück nach Prien

Dampflok Laura bei der Abfahrt im Hafen in Stock. So wie auf diesem Archivbild soll die historische Lok ab Mai 2021 wieder durch Prien rollen.
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Dampflok Laura bei der Abfahrt im Hafen in Stock. So wie auf diesem Archivbild soll die historische Lok ab Mai 2021 wieder durch Prien rollen.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Wenn die Chiemseebahn laut pfeifend durch Prien zuckelt und Rauch der Dampflok in den Himmel steigt, zücken Touristen ihre Smartphones. „Laura“, wie die Dampflok heißt, ist Priens beliebtestes Fotomodell. Aber seit über drei Jahren ist Laura nicht da.

Prien – Nach dem Fraueninsler Christkindlmarkt im Dezember 2017 machte sich die denkmalgeschützte Lok „Laura“ auf die Reise nach Meiningen im Süden Thüringens gemacht. Dort, in der letzten deutschen Dampflokfabrik, sollte eigentlich „nur“ der 3,5 Meter lange Kessel repariert werden, denn er hatte Rost angesetzt.

Waschlukenpilze und Stahlfeuerbüchse

Aber es kam anders und dauerte deshalb viel länger. Begriffe wie Waschlukenpilze (schwammerlförmige Abdichtungen für kleine Öffnungen am Unterbau) oder Stahlfeuerbüchse lassen erahnen, dass es um sehr spezielle Arbeiten ging. Das Alter der Lok, die überwiegend noch aus Originalteilen aus den späten 19. Jahrhundert besteht, nannte Maximilian Roesler dieser Tage als größte Herausforderung, Laura wieder flott zu bekommen.

Dem Fertigungstechniker der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH aus Meiningen war im Winter 2017/18 bald klar, dass der alte Kessel irreparabel war. Er wurde von hunderten Nieten zusammengehalten – eine Technik, die sogar bei den Dampflok-Experten in Thüringen seit Jahrzehnten niemand mehr angewandt hat.

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In langwierigen Absprachen mit Eigentümer, einem unabhängigen Kesselsachverständigen und dem Denkmalschutz schmiedete die Konstruktionsabteilung in Meiningen maßstabsgetreue Pläne für einen neuen Kessel aus Stahl. Immerhin gelang es in den Verhandlungen, die Maßnahme als Umbau zu deklarieren. Wäre der Kessel vom TÜV als Neubau definiert worden, hätte dies ein noch langwierigeres Genehmigungsverfahren nach sich gezogen.

„Wir mussten die Bleche anders gestalten und deshalb neu konstruieren“, erklärt Roesler die Folgen des Wechsels von der Nieten- zur Schweißtechnik. Viele Einzelteile mussten die Meininger dann als Unikate anfertigen lassen, um sie nach Lieferung in ihren Hallen zusammenzuschweißen.

Offenbar mit Erfolg: Der neue Kessel, in dessen Innern im Betrieb Temperaturen bis zu 900 Grad Celsius herrschen, hat in den ersten Wochen dieses Jahres seine Belastungsproben mit bis zu 13 Bar Druck bestanden, meldet Roesler.

Der neue Kessel besteht seine Bewährungsprobe beim ersten Probelauf.

Jetzt steht Michael Feßler von der Chiemsee-Schifffahrt, dem Betreiber der 1,9 Kilometer langen Priener Bahnlinie, in Kontakt mit der Harzer Schmalspurbahn, um Corona-konforme Testfahrten zu organisieren, denn ein längere Schmalspuranlage haben sie selbst in Meiningen nicht.

Bis dahin wird die Farbe getrocknet sein, die sie in Meiningen als letzten Arbeitsgang gerade erst lackiert haben. Das typische Original-Grün haben die Fachleute bestens zusammengemischt und an den Rändern schwarze Streifen lackiert, wie sie auf alten Fotos der Lok zu erkennen waren.

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Als der neue Kessel eingebaut war, haben die Spezialisten in Thüringen auch noch den Rest der Dampflok instand gesetzt. Unter anderem seien das Fahr- und das Triebwerk zerlegt worden, rostige Stelle am Rahmen wurden geflickt, die Zylinder in Schuss gebracht, die Achslager überarbeitet und einiges mehr, listet der Techniker auf.

Vertreterin Lisa dampft nicht

Jetzt ist alles wieder zu einem funktionierenden Fotomodell zusammengefügt und Feßler ist guter Dinge, dass Laura pünktlich zum geplanten Saisonstart am 1. Mai wieder ihren Fahrbetrieb zwischen Bahnhof und Hafen aufnehmen kann.

In den letzten drei Jahren war Lisa in die Bresche gesprungen, die Diesellok, die halt nicht dampft. Wie die beiden Lokomotiven zu ihren weiblichen Vornamen gekommen sind, weiß übrigens auch bei der Chiemsee-Schifffahrt heute niemand mehr.

Wieviel die aufwendigen Reparaturen des Priener Wahrzeichens, das die Einheimischen liebevoll Bockerl nennen, gekostet hat, möchte Feßler nicht in der Zeitung lesen. Er spricht nur von einem „sechsstelligen Betrag“.

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Dafür können in normalen Jahren dann wieder bis zu 90 000 Passagiere das echte Dampflok-Feeling in Prien genießen und finden mit etwas Glück sogar einen Sitzplatz im Erste-Klasse-Waggon aus der Zeit von Ludwig II.

Frisch lackiert nach Bildern aus den 19. Jahrhundert steht Laura in der Halle in der Dampflokfabrik.

Hintergrund: Jungfernfahrt am 9. Juli 1887

Nach nur 70 Tagen Bauzeit wurde am 9. Juli 1887 die 1,9 Kilometer lange Strecke der Chiemseeebahn zwischen Bahnhof und Hafen fertiggestellt. Den Bau der Schmalspurbahn beantragt hatten Ludwig Feßler und Georg Krauss, Haupteigentümer der Lokomotivfabrik Krauss & Comp. in München. Sie reagierten auf das damalige Verkehrschaos in Prien. Grund war der Ansturm auf das Schloss Herrenchiemsee, das nach dem Tod von König Ludwig II. zur Besichtigung freigegeben worden war.

In den ersten Monaten brachten Pferdekutschen die Schaulustigen vom Bahnhof zum Seeufer. Auf der schlechten Wegstrecke soll es damals zu folgenschweren Unfällen gekommen sein.

Der Startpunkt der Strecke im Ort war bis zum Winter 1908/´09 westlich der Bahnlinie München-Salzburg. An der Stelle der heutigen Bahnunterführung kreuzten sich seinerzeit die Schienen.

Warum Dampflok Laura diesen Namen trägt, ist nicht überliefert. Wie die Waggons besteht sie überwiegend noch aus den Originalteilen aus den 1880er Jahren.

Seit Laura im Dezember 2017 zum Einbau eines neuen Kessels nach Thüringen gebracht wurde, hat ihre Schwester, Diesellok Lisa, den Fahrbetrieb allein übernommen.

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