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Kirche und Kunst im Einklang

Mit Ecken und Kanten: Luther-Skulpturen in der Christuskirche Prien

Sie sind zufrieden mit dem Aufstellort für die große Luther-Figur (von links): Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth und der Holzbildhauer Marco Bruckner. Berger
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Sie sind zufrieden mit dem Aufstellort für die große Luther-Figur (von links): Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth und der Holzbildhauer Marco Bruckner. Berger
  • Ulrich Nathen-Berger
    VonUlrich Nathen-Berger
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Der 26-jährige Holzkünstler Marco Bruckner ist von den starken Wesenszügen des Reformators Martin Luther so inspiriert, dass er zur Motorsäge griff. Was herauskam, ist in Prien zu sehen.

Prien – „Das ist doch ein geeigneter Platz“ – Künstler und Pfarrer sind sich schnell einig, wo die schwere hölzerne Skulptur aufgestellt werden soll: Im Zentrum des gepflasterten Stein-Labyrinths auf dem Platz vor der Kirche. „Hier wird sie entsprechende Beachtung finden“, sind sich Marco Bruckner und Karl-Friedrich Wackerbarth sicher. Nicht zum ersten Mal bietet die Evangelische Christuskirche Prien das Thema „Kirche und Kunst“ an.

Drei Werke aus mehrteiligem Projekt

Nach der erfolgreichen Lichtinstallation des Marquartsteiner Künstlers Christian Hiemenz rund um Lichtmess präsentiert aktuell der freischaffende Kunstdrechsler und Holzbildhauer Bruckner in und vor der Kirche drei Werke aus seinem 15-teiligen Luther-Projekt.

„2017 – im 500. Jubiläumsjahr der Reformation – habe ich mich intensiv mit Martin Luther beschäftigt“, erklärt der 26-Jährige im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Er sei zwar kein religiöser Mensch, nicht in Richtung Christentum, habe aber seinen eigenen Glauben. Ihm gehe es um Spiritualität, um den Sinn des Lebens.

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„Ich glaube daran, dass jeder Mensch auf der Welt eine Botschaft in sich trägt. Jede einzelne menschliche Existenz hat einen Grund, hier zu sein.“ Wie Martin Luther. Der Mönch sei kein einfacher Mensch gewesen, „weder angepasst noch bequem, aber charakterstark“. Diese starken Wesenszüge des Reformators hätten ihn dazu inspiriert, sie im Werkstoff Holz mit der Motorsäge herauszuarbeiten. Um die Botschaft Luthers weiterzugeben.

Das Ergebnis zeigt Wirkung vor der Christuskirche, schon kurz nach der Aufstellung der großen Stehle: Einige Spaziergänger bleiben stehen auf ihrem Weg zum Herrnberg, kommen näher und zeigen sich überrascht von dem Kunstwerk. Interpretationen sind zu hören, auch der Name Luther fällt – obwohl keine beschreibende Texttafel für Aufklärung sorgt.

Kunst und Kirche beschreiben eine Wirklichkeit hinter dem Sichtbaren

Wenig später steht auch Pfarrer Wackerbarth vor der fast mannshohen Skulptur und sinniert. „Was soll ich dazu sagen? Außer, dass ich sie spannend finde. Denn eigentlich bin ich ein Kunstbanause“, sagt er unserer Zeitung schmunzelnd. In den folgenden fünf Minuten klingt das dann aber völlig anders.

Grundsätzlich gebe es nach seiner Ansicht Gemeinsamkeiten von Kirche und Kunst, stellt der Seelsorger fest. „Beide Seiten versuchen, eine Wirklichkeit zu beschreiben, die sich dem kognitiven Denken und optischen Sehen entzieht.“ Es gehe doch jeweils darum, „das Mehr herauszufinden, was sich hinter dem Offensichtlichen noch verbirgt“, so der 61-Jährige. Das versucht er jetzt bei der Betrachtung der abstrahierten Holzfigur. „Was mich berührt ist der kantige Schädel, der deutlich macht, welche Ecken und Kanten Luther hatte. Er hat sich nicht in die Knie zwingen lassen von irgendwelchen Vorgaben, sich sein freies Denken und seine Selbstständigkeit nicht nehmen lassen.“

Kerben verdeutlichen die Spuren des Lebens

Interessiert betrachtet Rainer Paul die Bruckner-Stehle in der Christuskirche.

Die tiefen Einkerbungen interpretiert der Pfarrer als Spuren des Lebens. „Sie zeigen die Verletzlichkeit, das Leid, das uns widerfährt bei Auseinandersetzungen. Gegensätzlich dazu versöhnen die Abrundungen dann allerdings auch wieder, weil das Leben – nicht alle – verstörende Grate immer wieder abschleift.“

Auf der Rückseite der Skulptur fällt ihm eine Art Rucksack auf. „Wir alle tragen einen imaginären Rucksack durchs Leben, der gefüllt ist mit gesellschaftlichen Prägungen. Bei der Stehle sehe ich eher die katholischen Traditionen, die Luther hinter sich lassen will, die ihm aber im Nacken sitzen und er so schnell nicht los wird.“

Ecken und Kanten im Leben bewahren

Ein kleines Viereck auf der Vorderseite „ist wohl die Bibel, die er vor sich her trägt, aber auch nicht einfach ablegen kann“, meint Wackerbarth, „so wie wir unsere Prägungen auch nicht einfach ablegen können“. Sein Fazit: „Allein mit Ecken und Kanten kommt man nicht durchs Leben, aber man kann und sollte sie sich bewahren.“

Das Fazit: Pfarrer Wackerbarth ein Kunstbanause? Sicherlich nicht – er hat doch soeben belegt, dass er Kunst durchaus interpretieren kann, oder? „Offenbar schon – ich bin selbst überrascht, dass ich diese Figuren tatsächlich verstehe“, stellt er lachend fest. Und gibt zu: „Die Skulpturen haben mich definitiv angesprochen, sehr überrascht und tief berührt.“

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