Der „Bürger-Moor-ster“: Stefan Kattari führt Besucher durch die Kendlmühlfilzn

Auf dem Moorerlebnisweg erklärt Stefan Kattari bei seinen Führungen die Besonderheiten des Naturschutzgebiets. Geyer
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Auf dem Moorerlebnisweg erklärt Stefan Kattari bei seinen Führungen die Besonderheiten des Naturschutzgebiets. Geyer
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    vonHeidi Geyer
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Schon seit seiner Schulzeit hält Stefan Kattari Vorträge und führt Besucher durch das Grassauer Moor. Inzwischen ist er Bürgermeister der Marktgemeinde. Warum es ihn immer noch in die Filzn zieht.

Grassau – Von Sumpf ist oft die Rede, wenn es um Kommunalpolitik geht. Den Grassauer Bürgermeister Stefan Kattari (SPD) zieht es dorthin. Wenn auch aus anderen Gründen: Er führt Besuchergruppen durch die sumpfigen Moorlandschaften der Kendlmühlfilzn.

Elf Besucher haben sich an einem strahlend schönen Herbsttag am Klaushäusl eingefunden. Auf dem Moorerlebnisweg weiht der Bürgermeister, der studierter Biologe ist, seine Gäste in die Geheimnisse des Hochmoores ein. Das wächst nämlich – jedes Jahr einen Millimeter pro Jahr. „Seit ich auf der Welt bin, sind es knapp vier Zentimeter gewesen“, sagt der 38-Jährige.

Wofür man Torf eigentlich brauche und was das genau sei, fragt Kattari in die Runde. An den Rückmeldungen zeigt sich, dass Torf in der Geschichte ganz unterschiedlich genutzt wurde: früher als Heizstoff, dann als Blumenerde.

Fleischfressende Pflanzen und Blumenerde

Der Biologe Kattari ist kein Fan des Torfabbaus: „Nachhaltige Torfnutzung halte ich für schwer umzusetzen.“ Denn es dauere nicht nur sehr lange, bis der Torf nachwächst, sondern er speichere sehr viel Kohlenstoffdioxid, das nicht frei werden sollte.

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Auffällig viele Fragen stellt Kattari seinen Gästen. Denn er möchte nicht nur dozieren und unterhalten, sondern einen Denkanstoß geben, sagt er. Einem Besucher ist das ein bisschen zu viel und er fragt scherzhaft, ob Kattari hauptberuflich Lehrer sei. Denn dass er tatsächlich Bürgermeister ist, das wissen seine Besucher nicht. Selbst wenn die Anzugweste mal unter der Outdoorjacke hervorlugt.

Kattari zeigt, wie viel Wasser das Moos speichert.

Was ist eigentlich Torf?

Auf viele vermeintliche Kleinigkeiten weist Kattari hin und es geht nicht nur um Biologie, sondern auch um historische und gesellschaftliche Ursachen. Warum man Torf verheizt hätte, obwohl man doch Wälder voller Holz rundum hatte? Weil das Holz als Baustoff wesentlich wichtiger gewesen sund der Wald meist nicht Eigentum der Bauern gewesen sei. Wie die Landschaft des Chiemgaus ohne die Landwirtschaft aussähe? „Hier wäre eigentlich Wald und keine Wiesen“, sagt Kattari.

Schon als Schüler hat der 38-Jährige seine ersten Vorträge gehalten, nachdem er seine Facharbeit in der Oberstufe über Orchideen geschrieben hatte. In der Gemeindezeitung sei er dann auf eine Ausschreibung gestoßen und seine Karriere als Gästeführer nahm ihren Lauf.

Die „Mangroven von Grassau“

Was die Filzn mit den Mangroven und den Everglades zu tun hat und dass es sogar fleischfressende Pflanzen im Grassauer Moor gibt, erfahren die Besucher. Letztere können sie sogar ansehen. Aber: „Die Wege dürfen nicht verlassen werden“, appelliert Kattari – auch wenn der Reporterin der Chiemgau-Zeitung dadurch ein besseres Foto gelingen würde. Einen Teilnehmer weist er höflich darauf hin, dass Rauchen nicht erlaubt sei und dankt ihm für dessen Verständnis. Hier sprechen vermutlich beide: der Biologe und der Bürgermeister.

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In der Saison führt er alle zwei Wochen durch die Filzn. „Die Zeit nehm ich mir“, sagt Kattari. Es sei nicht nur eine Freude für ihn, bei jeder Führung neue Leute zu erleben. „Ich lerne dabei ja auch dazu“, sagt Kattari. Er schätze besonders, mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Zeichen für den Klimawandel sichtbar

Dabei geht es ihm auch um aktuelle Themen wie den Klimawandel. Immer mehr junge Walnussbäume seien im Wald zu entdecken. „Das ist ungewöhnlich, weil die Jungpflanzen äußerst frostempfindlich sind“, sagt Kattari. In hiesigen Wäldern seien sie deshalb nicht verbreitet gewesen.

Sowohl Einheimische als auch Urlauber besuchen seine Moorwanderungen. Dagmar Bauer (60) stammt aus Mönchengladbach und ist im Urlaub im Chiemgau. Sie ist begeistert von der Führung: „Das war total interessant, besonders die Zusammenhänge.“ Verblüfft sei sie nicht, dass der Naturführer zugleich Bürgermeister ist. Eher erfreut: „Schön, dass jemand, der heimatverbunden und naturverbunden ist, das macht.“ Für das kommende Jahr hat Kattari seine Wanderungen schon in Abstimmung mit seinen Kreistagssitzungen geplant.

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