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Im Interview

Missbrauchsvorwürfe in Traunstein – Das sagt der Leiter von St. Michael dazu

Wolfgang Dinglreiter leitet St. Michael.
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Wolfgang Dinglreiter leitet St. Michael.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Traunstein – Das Traunsteiner Studienseminar St. Michael war nicht nur das Internat, das der spätere Papst Benedikt besucht hat. St. Michael wird auch im Münchner Missbrauchsgutachten erwähnt, außerdem werfen frühere Schüler dem damaligen Leiter körperliche und psychische Gewalt vor. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit dem heutigen Leiter Wolfgang Dinglreiter über Aufarbeitung und Prävention und wie er mit dem Generalverdacht gegen katholische Institutionen umgeht.

Herr Dinglreiter, wo hat St. Michael seinen Ursprung?

Wolfgang Dinglreiter: Gegründet wurde das Studienseminar St. Michael 1929 als Jungeninternat. St. Michael hat keine eigene Schule, sondern die Internatsbewohner besuchen die Traunsteiner Schulen. Damals hat man versucht, für junge Menschen Bildungschancen zu generieren und sie für den Priesterberuf zu motivieren, denn gerade am Land war es schwierig, eine angemessene Schulbildung für begabte junge Menschen anzubieten. Ein Großteil der Seminaristen ist immer schon in andere Berufe gegangen, ein kleiner Teil ist tatsächlich Pfarrer geworden.

Auf der Traunsteiner Wartberghöhe liegt das Jungeninternat St. Michael, das auch Joseph Ratzinger mehrere Jahre besucht hat.

Die Traunsteiner sprechen oft noch vom „Priesterseminar“, das stimmt dann aber genau genommen nicht, oder?

Dinglreiter: Nein, das war es nie. Nachdem flächendeckend immer mehr Gymnasien gebaut wurden und dann auch die Mittagsbetreuung ausgebaut worden ist, gab es immer weniger Gründe, die Kinder in ein Internat zu schicken. 2014 war daher der Auftrag an das Internatsteam, das pädagogische Konzept zu überarbeiten. Für uns war wichtig, dass wir keine reine Bildungsstätte für gute Schulabschlüsse sind, sondern eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung mit Herz, Hirn und Hand anbieten. In den letzten sieben Jahren -seit ich in St. Michael bin-, gab es drei Priesterweihen von ehemaligen Internatsschülern. Wichtig ist uns, junge Menschen zu begleiten, ihren Weg sozial kompetent ins Leben und zu einem erfüllten Beruf finden.

Kommen denn nur Katholiken aufs Internat?

Dinglreiter: Nein, das ist heute anders als früher. Wir hatten schon mal einen Buddhisten und haben auch evangelische oder konfessionslose Internatsschüler. Die Frage für uns ist eher, wer passt zu uns und welchen Bedarf hat dieser Schüler, können wir dem gerecht werden. Kinder und Jugendliche können bei uns christliche Lebenskunst erfahren und kennenlernen. Das zwingen wir keinem auf, dafür entscheiden sich die Internatsschüler mit ihrem Eintritt. Erst vor zwei Monaten hat sich ein Internatsschüler bei uns taufen und firmen lassen.

Wie haben Sie von den Missbrauchsvorwürfen gegen St. Michael erfahren?

Dinglreiter: 2020 über den Anruf eines Journalisten, an den sich der Betroffene gewandt hatte. Es ging um Vorfälle aus den 1980er Jahren. Damals war der spätere (und inzwischen verstorbene, Anm. d. Red.) Weihbischof Siebler der Leiter von St. Michael. Die Vorwürfe der ehemaligen Schüler waren, dass er sie körperlich und psychisch gequält habe. Mich hat das völlig überrascht in dem Moment. Denn wir haben regelmäßige Treffen mit Ehemaligen und dort kam das nie zur Sprache.

Wie haben Sie das aufgearbeitet?

Dinglreiter: Wir haben dann über Betroffene, die sich gemeldet haben, mit weiteren Betroffenen Kontakt aufgenommen und ein Gesprächsforum im Herbst 2020 angeboten mit einem sehr kompetenten und von der Betroffenengruppe selbst ausgewählten Moderator. Dieser hatte sehr viel Erfahrungskompetenz durch den Aufarbeitungsprozess im Kloster Ettal. Der Erzdiözese und mir war sehr wichtig, den Vorwürfen schnell und gründlich nachzugehen und vor allem den Menschen, die Unrecht erlebt haben, zuzuhören und sie wahrzunehmen, damit sie Hilfe und Gerechtigkeit erfahren können. Der Prozess ist immer noch im Gange.

Was haben die Betroffenen erlebt?

Dinglreiter: Nach derzeitigem Stand gab es keine flächendeckende Gewalt, aber einzelne Schüler haben sehr gelitten. Ich habe nach wie vor Kontakt zu den Betroffenen. Da erlebe ich oft, dass sie hin- und hergerissen sind, sich mit dem Thema noch mal auseinanderzusetzen – das ist für die Betroffenen auch sehr belastend. Ich glaube, man muss hier sehr viel zuhören und Zeit geben. Als Nicht-Betroffener ist es ganz schwierig, sich wirklich hineinzuversetzen, weil das so eine tiefe Verletzung ist. Deshalb war es sehr gut, dass wir einen Moderator hatten, der das selbst erlebt hat.

Gab es auch sexualisierte Gewalt in St. Michael?

Dinglreiter: Es gab eine Anzeige beim Missbrauchsbeauftragten wegen ‚komischen‘ körperlichen Annäherungsversuchen, wiederholt in der Süddeutschen Zeitung, jetzt aber als Vorwurf sexuellen Missbrauchs. Das konnte bis dato nicht aufgeklärt werden, weil der Betroffene den Kontakt zur Missbrauchsstelle nicht weiterverfolgt hat. Es sind allerdings noch zwei Fälle aus den 1950er Jahren durch das Missbrauchsgutachten ans Licht gekommen. Da ging es aber nicht um Mitarbeiter von St. Michael, aber betroffen waren Seminaristen. Damals hatte ein externer Pfarrer das Haus besucht und soll bei einem Ausflug in die Berge an zwei Schülern sexuellen Missbrauch begangen haben. Außerdem gab es einen Pater aus Maria Eck, der einen Schüler missbraucht haben soll.

Wie gehen Sie mit dem Generalverdacht gegen Institutionen wie St. Michael um?

Dinglreiter: Das ist in der Tat sehr schwierig. Eine Mutter, deren Sohn bei uns Schüler ist, hat mir erzählt, dass sie gefragt wurde, wie sie ihr Kind nur in ein katholisches Jungeninternat schicken kann. Aus meiner Sicht muss alles zum Thema Missbrauch aufgeklärt werden und auf den Tisch, keine Frage. Betroffenenbeirat und Aufarbeitungskommission sind hier zwei wichtige Schritte. Ich stimme Kardinal Marx zu, der im Blick auf das Missbrauchsgutachten sagt: „Wir sehen ein Desaster. Wer die systemischen Ursachen leugnet, hat die Herausforderung nicht verstanden“. Es geht um Reformen in der Kirche, um Themen wie Macht und Gewaltenteilung, eine lebensbejahende Sicht der Sexualität, um Geschlechtergerechtigkeit.

Wie erleben Ihre Mitarbeiter das?

Dinglreiter: Unsere Mitarbeiter leiden sehr unter der Situation. Sie sind hoch engagiert und wollen sich mit der Kirche identifizieren können – das geht aber nur, wenn Verantwortliche auch tatsächlich Verantwortung für ihre Fehler übernehmen, wenn Unrecht offen als solches angesprochen wird, wenn die Kirche und alle in ihr Tätigen an der Seite der Betroffenen stehen. Es wird so viel Positives in kirchlichen Einrichtungen geleistet, das sollte nicht unter Generalverdacht kommen. Wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen für unseren Ansatz, keine reine Lernschmiede zu sein, sondern junge Menschen mit christlichen Werten und Spiritualität, mit kritischem Denken und der Suche nach Gott, mit Talenteförderung, nachhaltigem Lebensstil und Mut zur Eigenverantwortung ins Erwachsenwerden zu begleiten.

Was macht St. Michael konkret zur Prävention, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt?

Dinglreiter: Mit einem ausgearbeitetem Präventionskonzept und -beauftragten ist das Thema sehr präsent. Ist es ok, wenn der Schüler weint, dass man ihn in den Arm nimmt? Darf ich mich bei einem 6.Klassler, der abends Heimweh hat, ans Bett setzen, oder bleib ich lieber stehen? Das diskutieren wir, es geht um ein professionelles, pädagogisches Vorgehen bei Nähe-Distanz-Situationen und dafür haben wir auch klare Regeln, die auch Sicherheit geben.

Für die Schüler gibt es ein gestuftes Beschwerdemanagement. Wenn für sie Dinge nicht in Ordnung sind oder Grenzen ihrer Meinung nach überschritten werden, ist geregelt, an wenn sie sich intern im Internat wenden können oder sich auch direkt bei der staatlichen Heimaufsicht melden. Jeder weiß, dass es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist, wenn man sich Hilfe holt. Es geht aber auch um den Umgang der Schüler miteinander. Da machen wir einiges im Bereich Medienpädagogik. Es ist manchmal erschreckend, was in Chats und WhatsApp-Gruppen an Sprachnachrichten oder Bildern verschickt wird.

Wie stark ist Joseph Ratzinger mit St. Michael verbunden?

Dinglreiter: Von 1939 bis 1945 war er Schüler bei uns, wobei das auch die sehr turbulente Kriegszeit war. Damals war St. Michael zeitweise auch ein Lazarett. Joseph Ratzinger hat in seinen Memoiren geschrieben, dass er im Internat nicht alles geliebt hat, wie etwa die Aufforderung zum Sport und Fußball spielen. Viel lieber hat er gelernt und gelesen. Das Studienseminar ist ihm zeitlebens ein großes Anliegen gewesen. 1982 hat Joseph Ratzinger St. Michael sogar zu einer eigenen Stiftung erhoben. Er freut sich an der Weiterentwicklung des Internats. Über Jahresbericht und brieflichen Kontakt zu Geburtstag und Weihnachten sind wir mit ihm im Austausch.

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