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Exklusiv-Recherchen werfen Fragen auf

Missbrauchsgutachten: Fall Unterwössen bringt Papst Benedikt XVI in Erklärungsnot

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist wieder in Erklärungsnot.
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Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist wieder in Erklärungsnot.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Der emeritierte Papst Benedikt hat sich beim Missbrauchsgutachten in Widersprüche verstrickt. Die OVB-Heimatzeitungen haben einen weiteren Fall recherchiert, bei dem Benedikt in Erklärungsnot gerät. In Unterwössen will Benedikt nie Urlaub gemacht haben - obwohl es zahlreiche Belege und Zeugen gibt.

Unterwössen/Chiemgau – Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist wieder in Erklärungsnot: Im Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München-Freising wird unter anderem der Fall des Geistlichen T. geschildert. Acht Jugendliche missbrauchte der Pfarrer in der Chiemgau-Gemeinde und wurde dafür sogar verurteilt. Trotzdem war er weiter als Seelsorger tätig. Benedikt XVI. will von den Verfehlungen nichts gewusst haben, obwohl T.s Nachfolger in Unterwössen ein sehr guter Freund des damaligen Theologie-Professors gewesen ist. Der Papst behauptet heute sogar, selbst niemals in Unterwössen in den Ferien gewesen zu sein. Zumindest die letzte Aussage entspricht nach Recherchen der OVB-Heimatzeitungen nicht der Wahrheit. 

Die Ereignisse von Unterwössen sind im Missbrauchsgutachten als „Fall 22“ zusammengefasst. „Mitte der 1960er Jahre wurde der Priester landgerichtlich wegen mehrfacher schwerer Unzucht mit Männern zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Nach Beginn der Strafvollstreckung erfolgte eine Reduzierung der Strafe und die Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung. Die Taten ereigneten sich im Zeitraum zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre. Geschädigte waren insgesamt acht männliche Jugendliche im Alter von zwischen 15 und 16 Jahren. Die Taten des Priesters wurden durch einen Erpressungsversuch öffentlich bekannt. Über dessen Verurteilung wurde in der Presse berichtet. Sie war ortsbekannt.“, heißt es dazu.

Nach Haft weiter eingesetzt

Besagter Priester T. wurde seinerzeit nach seiner Haft nicht etwa von seiner Aufgabe als Seelsorger entbunden, er wurde weiter eingesetzt. Zunächst im Ausland, wo er laut Missbrauchsgutachten ermahnt werden musste, alles zu unterlassen, was den „Verdacht des Unbedarften erwecken“ könnte. Zwar habe sich Pfarrer T. laut Missbrauchsgutachten gewünscht, wieder in die Erzdiözese München-Freising zurückzukehren. Der damalige Generalvikar lehnte dies laut Gutachten jedoch ab, weil die Gefahr zu groß gewesen sei, dass die Vorgeschichte bekannt geworden wäre. T. habe argumentiert, dass auch Mitbrüder mit ähnlichen „Schicksalen“ wieder eingesetzt worden seien.


„Schlussendlich fasste der Priester jedoch Mitte der 1970er Fuß als Vikar in einer Kuratie und wurde auch andernorts in der Erzdiözese München und Freising eingesetzt“, heißt es im Missbrauchsgutachten. Wenige Jahre später sei ihm der Titel „Pfarrer“ verliehen worden. Diesen Titel erhalten Priester in der Regel erst, nachdem sie sich einige Jahre im geistlichen Dienst bewährt haben. Wenige Jahre später wurde T. auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzt.

„Besonderer Dank“

„Generalvikar Dr. Gruber nutzte diese Gelegenheit, um sich neben dem ‚offiziellen Entpflichtungsschreiben‘ auch in einem persönlich gehaltenen Brief an den Pfarrer zu wenden. Darin dankte er dem Priester für die bisherigen Dienste in der Erzdiözese München und Freising und richtete ihm ‚im besonderen Auftrag und im Namen (des) Erzbischofs Joseph Kardinal Ratzinger für die Arbeit als Priester und Seelsorger aufrichtigen Dank‘ aus.“


Tatsächlich sei T. dann noch bis zu seinem Tod als Aushilfepriester eingesetzt worden, „ohne dass aktenkundig ist, dass ihm tätigkeitsbeschränkende Auflagen erteilt oder Maßnahmen zur Beobachtung des Priesters und seines Handelns ergriffen worden wären.“ Von weiteren Übergriffen auf Kinder oder Jugendliche ist nichts bekannt.

„Keinerlei Erinnerung“

Heikel ist für Papst Benedikt aber folgender Punkt: In seiner Stellungnahme im Missbrauchsgutachten will er diesen Fall nicht gekannt haben. Er gibt an, dass „er an die Person des Priesters keinerlei Erinnerung habe, er sich weder an die Person, noch an Begegnungen noch an irgendwelche Zusammenhänge, in denen ihm der Name des Priesters begegnet wäre, erinnere und auch die Ausführungen im Anhörungsschreiben keine Erinnerungen in ihm wachgerufen hätten und er sich daher sicher sei, dem Priester weder begegnet noch mit dem Vorgang befasst gewesen zu sein.“


Diese „Nicht-Wissen“ scheint ungewöhnlich. Denn der Nachfolger T.s in Unterwössen war ein enger Freund des emeritierten Papstes. Dies haben mehrere Quellen den OVB-Heimatzeitungen bestätigt. Dieser damalige Freund und Pfarrer ist bereits verstorben und kann deshalb nicht mehr befragt werden. Benedikt XVI. räumt die Verbindung im Gutachten aber selbst ein. Zwei enge Freunde, die sich nicht über einen in Unterwössen so einschneidenden Fall unterhalten haben wollen, der tiefe Spuren in der dortigen Kirchengemeinschaft hinterlassen und die Arbeit des Nachfolgers vermutlich stark geprägt haben dürfte?

Doch der emeritierte Papst bleibt dabei: Er habe nichts gewusst. „Der Umstand, dass er mit dem Nachfolger des verurteilten Priesters befreundet sei, die Annahme einer solchen Kenntnis selbst dann nicht zu begründen vermöge, wenn er seine Ferien in dieser Pfarrei verbracht hätte, was aber nicht zutreffe, und dass er auch von dem Nachfolger des Priesters keine entsprechenden Informationen erhalten habe.“

Nur einmal und dies nicht in Unterwössen

Benedikt XVI. behauptet sogar, seinen Urlaub nur einmal im Raum der Erzdiözese München und Freising verbracht zu haben, und dies nicht in Unterwössen. Wörtlich wird er zitiert mit: „Der Umstand, dass ich mit dem Nachfolger von Herr T. (...) befreundet bin, vermag die Annahme einer solchen Kenntnis nicht zu begründen, und zwar selbst dann nicht, wenn ich meine Ferien in dieser Pfarrei verbracht hätte, was aber, wie gesagt, nicht zutrifft.“

Dabei ist im ganzen Achental bekannt, dass der spätere Papst mehrfach Urlaub in Unterwössen gemacht hat. Es ranken sich die Anekdoten um seine Besuche, etwa als er einer Unterwössner Familie Komplimente für einen Grabstein gemacht hat. 

Bürgermeister Ludwig Entfellner bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung: „Man kann davon ausgehen, dass Joseph Ratzinger Unterwössen mehrfach besucht hat“

Schon früher in Unterwössen

Laut einer Quelle, die anonym bleiben möchte, war der emeritierte Papst bereits in den späten 1960er Jahren in Unterwössen auf Urlaub, kurz nachdem der mit ihm befreundete Pfarrer dort seine Stelle angetreten hatte, und bevor Priester T. wieder rehabilitiert worden ist. Allerdings räumt die Quelle ein, dass das Thema Missbrauch damals ein Tabu gewesen sei, über das man nicht gesprochen habe. Vermutlich tatsächlich auch nicht mit dem „entrückt wirkenden Professor“, der dieser damals noch gewesen sei.

Vehemenz überraschend

Das Missbrauchsgutachten entlastet Ratzinger im Fall 22. Jedoch bemerken die Autoren: „Die Vehemenz, mit der Papst em. Benedikt XVI. gerade in diesem Fall der vorläufigen gutachterlichen Bewertung entgegentritt, ist für die Gutachter überraschend.“

Dieser wiederum wirft den Autoren des Gutachtens in seiner Stellungnahme vor, sie seien „von einem bemerkenswerten Maß an Voreingenommenheit“ geprägt und verließen damit „ihre der Neutralität und Objektivität verpflichtete Rolle und begäben sich auf die Ebene der subjektiven Bewertung, wenn nicht gar der Stimmungsmache und reinen Spekulation.“ Im Gutachten weisen die Prüfer diesen Vorwurf zurück.

Die OVB-Heimatzeitungen haben versucht, Benedikt XVI. zu kontaktieren und um Stellungnahme zu bitten. Sein Privatsekretär Georg Gänswein sagte gegenüber unserer Zeitung am Telefon: „Eines ist klar: Papst Benedikt wird sich nach seinem Brief in keiner Zeitung, in keinem Blatt in irgendeiner Weise noch einmal zu Wort melden. Wenn Sie Fragen haben, dann fragen Sie die, die es möglicherweise wissen können.“

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