Bislang durften Spaziergänger auf das Militärgelände in Kammer - Jetzt ist Schluss

Magerwiesen, Baumgruppen Tümpel – Der Übungsplatz bietet fast alles, was Naturfreunde wünschen. Seit 1. Juli dürfen sie ihn nicht mehr betreten. /Repro Oberkandler

Seit 1. Juli gilt das Betretungsverbot für den Truppenübungsplatz, weil die Bundeswehr die Sicherheitsstufe erhöht hat. Bei den Bürgern regt sich die Lust an zivilem Ungehorsam.

Von Klaus Oberkandler

Kammer – Seit fast 70 Jahren ist der Standortübungsplatz der Bundeswehr bei Kammer ein beliebtes Naherholungsgebiet. Nicht nur Bürger aus der ehemaligen Gemeinde Kammer und aus Traunstein, sondern auch viele Nußdorfer und Traunwalchener wissen die Ruhe, die Vielfalt an Pflanzen und Tieren auf dem rund 66 Hektar großen Areal zu schätzen. Damit ist es seit dem 1. Juli vorbei: Die Bundeswehr hat das Gelände für die Allgemeinheit gesperrt. Wer den Platz betritt, muss mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen.

Ist die Sperrung wirklich notwendig?

Es regte sich Widerstand, als die Pläne im vergangenen Jahr bekannt wurden. Viele Menschen bezweifeln, dass es notwendig ist, den Platz auch an den übungsfreien Wochenenden zu sperren. Unter anderem hat der Verein Dorfentwicklung Kammer versucht, mit den Verantwortlichen der Bundeswehr in Kontakt zu kommen. Der Verein hat sich schriftlich an die Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall gewandt, aber auch Monate danach keine Antwort bekommen.

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Schließlich konnte ein Medienvertreter mit einem Verantwortlichen der Bundeswehr sprechen. Der erklärte: „Da uns an guter Nachbarschaft gelegen ist und wir hier in Traunstein und Kammer besondere Verhältnisse in Bezug auf das Nebeneinander von Bevölkerung und Bundeswehr haben, möchten wir diese Umwandlung so vollziehen, dass einerseits die Sicherheit der Zivilbevölkerung gewährleistet werden kann. Und andererseits aber auch deren Interessen berücksichtigt werden.“

Nicht nur von den Soldaten aus Bad Reichenhall wird das Gelände genutzt. Im Rahmen einer Großübung landeten hier 2014 auch Hubschrauber der US-Armee.

Bundeswehr verweist auf „Zwischenfälle“

Durch einige schwerwiegende Vorfälle auf Standort- und Truppenübungsplätzen habe sich die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gezwungen gesehen, die „militärischen Bereiche“ in „militärische Sicherheitsbereiche“ umzuwandeln, hieß es weiter; also in Bereiche, die man nicht betreten darf.

Es war nicht davon die Rede, dass es solche Verstöße auch in Kammer gegeben habe. Wie ein Hohn klang da die Erklärung, dass der Verein „gern das Gespräch mit uns suchen“ kann. Das tat Max Hiebl vom Verein Dorfentwicklung, doch das Gespräch brachte nichts: Seit einigen Tagen stehen die Schilder und sperren die Menschen unter Strafandrohung aus dem Bereich aus.

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Endgültig vorbei sind damit auch die Zeiten, als das Gelände für zivile und sportliche Veranstaltungen verschiedenster Art genutzt wurde.

Der Standortübungsplatz westlich der Kreisstraße TS1 (Traunstein-Palling) erstreckt sich auf rund 66 Hektar Fläche. Seit 1930 wird er militärisch genutzt.

Wegen des großen Bedarfs an schnell verfügbaren Siedlungsflächen nach dem 2. Weltkrieg hatte die amerikanische Militärregierung den Truppenübungsplatz im Frühjahr 1949 zur landwirtschaftlichen Nutzung an eine Siedlungsgesellschaft verpachtet. Diese vergab die Grundstücke an Nebenerwerbs- und landwirtschaftliche Siedler. Im Herbst 1956 wurde entschieden, dass das ehemalige Wehrmachtsgelände im Frühjahr 1957 wieder für deutsches Militär zur Verfügung stehen müsse. Die Siedler mussten gehen.

Erste Übung mit Flugzeug endet tragisch

1957 zogen wieder Soldaten in die Kaserne ein. Auf dem Übungsgelände entstanden wieder Schützengräben und Unterstände. Auf den höheren Flächen bezogen Flugabwehrpanzer ihre Stellung.

Die erste Zielübung mit einem Flugzeug fand 1957 statt und endete tragisch. Bei der North American AT-6 setzte plötzlich der Motor aus, die Maschine stürzte aus 200 Meter Höhe senkrecht zu Boden, der 39-jährige Pilot war sofort tot. In der Folgezeit gab es weitere Flugzeuge zu bestaunen. Unübersehbar und ebenso unüberhörbar war die „Rote Gräfin“. Das Flugzeug, ein knallrot lackierter Weltkriegsbomber Hawker „Sea Fury“, geflogen von der rothaarigen Gräfin Faralda von Göritz, zeigte die spektakulärsten Flugmanöver teils knapp über Baumhöhe.

Ebenfalls lange am Himmel über dem Truppenübungsplatz zu sehen und zu hören war die zweimotorige North American Bronco. Mit dem doppelten Leitwerkträger und den Signalstreifen war sie leicht zu erkennen. Gelegentlich konnte man „Düsenjäger“ beobachten, die alten Fiat G-91, die vom markanten Starfighter und der Phantom abgelöst wurden.

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Mit dem ersten Autocross-Rennen des MSC Traunstein im Jahr 1970 durften erstmals öffentliche Sportveranstaltungen auf dem militärischen Gelände stattfinden. Panzerspuren, Wasserdurchfahrten und sandige Kurven boten das ideale Gelände für diesen Sport, der bereits im zweiten Jahr mehr als 6000 Zuschauer anzog. Bis in die 90er-Jahre fanden Läufe zur Deutschen Meisterschaft und zur Europameisterschaft statt. Aus Gründen des Naturschutzes endete der Motorsportspaß 1994, Panzer und Jeeps waren wieder unter sich.

Gelände war auch Filmkulisse

Wesentlich leiser war der Pferdesport des Reit- und Fahrvereins Traunstein auf. Seit 1988 gab es immer wieder regionale und Vereinsmeisterschaften in den Disziplinen Geländeritt und Geländefahrt. Ein Großereignis war 1999 die Oberbayerische Meisterschaft im Fahren der Zweispänner. Über bundesweite Beteiligung konnte sich mit 50 Gespannen das S-Turnier 2001 freuen.

Am 16. September 1974 der Standortübungsplatz als Kulisse für die Filmproduktion „Paper Tiger“. 80 Soldaten des Bataillons nahmen dabei als Komparsen an diesem englischen Kriegsfilm unter Regie von Ken Annakin teil. Bekannt ist der Regisseur unter anderem durch seinen Filmklassiker „Der längste Tag“ über die Invasion in der Normandie. Die Hauptrolle in dem Film hatte David Niven.

All das ist Geschichte. In Kammer und Umgebung ist die Sperre des Platzes ein Gesprächsthema, das die Gemüter bewegt. Viele Sprechen offen von zivilem Ungehorsam. Sie berufen sich auf das Gewohnheitsrecht und hoffen insgeheim, dass sie unbehelligt bleiben, wenn sie das Gelände außerhalb der Übungszeiten für einen Spaziergang nutzen.

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