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Auswirkungen der Pandemie

„Mehr Stellen als vor Corona“ - Chefin der Traunsteiner Agentur für Arbeit im Interview

Jutta Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung in der Agenut für Arbeit Traunstein.
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Jutta Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung in der Agenut für Arbeit Traunstein.

Traunstein – Jutta Müller, ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Traunstein. Ihr Haus verantwortet vier Landkreise, das Berchtesgadener Land, Traunstein, Altötting und Mühldorf. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit ihr über die Auswirkungen von Corona auf den Arbeitsmarkt und welche Chancen es für Arbeitslose gibt.

Es kam in der Corona-Pandemie am Arbeitsmarkt weniger schlimm als gedacht. Wie erklären Sie sich das?

Jutta Müller: Schaut man sich die Zeitreihen der vergangenen vier Jahre an, wird deutlich, dass die Verläufe in den beiden Vor-Pandemiejahren sehr ähnlich sind. Trotz der großen Inanspruchnahme von Kurzarbeit sind die Arbeitslosenzahlen im März 2020 stark angestiegen mit einem Peak im Mai des Jahres. Bis zum Ende des Jahres hat sich der hohe Stand nur unwesentlich verringern lassen. Bei der Betrachtung des Arbeitsmarktes spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle, etwa unterbrochene Lieferketten und die Unwetter. Zu Beginn der Pandemie haben einige Betriebe einen Teil ihres Personals entlassen müssen, manche Arbeitnehmer haben sich selbst nach einer anderen Arbeitsstelle umgesehen.

Haben Sie dafür Beispiele?

Müller: In der Pflegebranche haben manche Mitarbeiter wegen persönlicher Gründe gekündigt und haben schnell andere Stellen gefunden. Beim Handel gibt es ein zweigeteiltes Bild des Arbeitsmarktes. Der Lebensmitteleinzelhandel war und wird nicht geschlossen, weshalb dort auch keine Kurzarbeit beantragt oder Personal entlassen wurde. Der Handel, beispielsweise der mit Bekleidung, erlebte ein Auf und Ab.

Branchen wie etwa die Logistik und die IT haben durch die Pandemie einen Boom erlebt. Der anhaltende Fachkräftebedarf im Handwerk hat sich durch die Unwetter, auch in unserer Region, verschärft. Wir hatten viel mehr innerdeutschen Tourismus in unserer Region, der die Umsätze in vielerlei Bereichen wieder hat steigen lassen.

Welche Chancen haben Langzeitarbeitslose?

Müller: Ja, die Langzeitarbeitslosigkeit steht weiterhin im Fokus unserer Arbeit. Die Erfolge der letzten Jahre, in denen wir die Langzeitarbeitslosigkeit stark senken konnten, sind deutlich zurückgegangen. Hatten wir im Jahr 2019 durchschnittlich 1812 Langzeitarbeitslose, waren es 2020 schon 2036 und wenn man den Mittelwert dieses Jahres bis einschließlich November berechnet, sind wir bereits bei über 2700 langzeitarbeitslosen Menschen. Der Anteil an der Gesamtheit beträgt 35,3 Prozent.

Es wird viel Anstrengung kosten, diese Zahl wieder nachhaltig zu senken.

Bei einem langzeitarbeitslosen Menschen geht es ja nicht nur um diesen Status. Es geht auch um eventuell veraltete Kenntnisse, fehlendes Selbstvertrauen. Hinzu kommen bei manchen auch gesundheitliche Einschränkungen, die sich eventuell durch die Langzeitarbeitslosigkeit verschärfen. Wir können durch Weiterbildung und Qualifizierung helfen. Natürlich braucht es auch Arbeitgeber, die sich ohne Vorbehalte eine Bewerbung anschauen und eine Chance eröffnen. Wir unterstützen auch mit Gehaltszuschüssen.

Wer wird aktuell gesucht?

Müller: Wir haben trotz der Pandemie ein Stellenangebot, das weit höher ist, als in den Jahren vor der Pandemie. Gesucht werden vor allem Fachkräfte in den Sozial- und Gesundheitsberufen, in der Metallbe- und -verarbeitung, Energieelektronik, Logistik und im Verkauf.

Welchen Einfluss hat die Kurzarbeit?

Müller: Das Instrument Kurzarbeit sichert Arbeitsplätze und den reibungslosen Wiederanlauf des jeweiligen Betriebes, weil das Personal noch vorhanden ist. Kurzarbeitende Menschen sind nicht arbeitslos gemeldet. Wir können nicht vorhersagen, ob ein Betrieb die momentanen Einschränkungen übersteht oder nicht und im zweiten Fall sein Personal entlassen muss. Es gibt vereinzelt Betriebe, die Kurzarbeit nicht in Anspruch nehmen.

In Sachen Ausbildung hatte der erste Lockdown vor einem Jahr deutlichen Einfluss auf die Zahl der Berufsausbildungsstellen. Hat sich die Lage etwas beruhigt?

Müller: Im Berufsberatungsjahr 2020/2021 registrierte der Agenturbezirk Traunstein insgesamt 2478 Bewerber für Berufsausbildungsstellen. Das sind 411 junge Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Dem standen 4000 Berufsausbildungsstellen gegenüber. Rein rechnerisch standen jedem Bewerber 1,6 Ausbildungsstellen zur Verfügung.

Der pandemiebedingte Ausfall der vielen Schulmessen und Schulpraktika war ein echter Verlust. Wir stellen immer wieder fest, dass gerade kleinere örtliche Betriebe, bei den Schülern kaum bekannt sind.

Wie ist es allgemein um die Ausbildungsmöglichkeiten in der Region bestellt?

Müller: Seit mehr als zwölf Jahren haben wir mehr Ausbildungsplätze als Bewerber dafür. Wir haben ein vielfältiges Ausbildungsangebot, sowohl was die Berufsbilder angeht, als auch was die Größe der Arbeitgeber betrifft. Von den über 4600 Stellen, die aktuell im Agenturbezirk Traunstein in allen Berufsbereichen zu besetzen sind, sind nur knapp 1200 für Helfer. Die anderen für Fachkräfte und Experten. Die Chancen, als ungelernter Mensch beruflich Fuß zu fassen, sind gering und es zeichnet sich nicht ab, dass es leichter wird.

Die duale Ausbildung ist nach wie vor attraktiv. Der weitere Schulbesuch, um einen höheren Abschluss zu machen, allerdings auch.

In der Arbeitsagentur Traunstein hat Corona einiges umgekrempelt, was die Aufgabenverteilung im Haus anging.

Müller: Wir hatten im vergangenen Jahr innerhalb kürzester Zeit unsere Aufgaben im Haus neu verteilt. Wir haben Personal umgeschichtet, um aktuelle Prioritäten zu setzen. Wir haben unsere regionale Hotline aufrechterhalten und Kollegen aus allen Teams sind am Telefon. Natürlich helfen uns hier die ausgeweiteten E-Services, mit denen von den Kunden viel online erledigt werden kann, ohne dass sie Fahr- und Wartezeit haben.

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