Markt Prien und Wasserwirtschaftsamt analysieren Hochwasser: Reitbach-Engpässe im Unterlauf

Im Unterlauf war der Reitbach am 4. August nicht zu bändigen. Als neuralgischer Punkt erwiesen sich vor allem die Durchlässe unter der Straßen. Sie waren für diese Regenmengen zu klein. Berger
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Im Unterlauf war der Reitbach am 4. August nicht zu bändigen. Als neuralgischer Punkt erwiesen sich vor allem die Durchlässe unter der Straßen. Sie waren für diese Regenmengen zu klein. Berger

Am Stettner Bach in Atzing und am Reitbach sind die Straßendurchlässe nicht groß genug. Bei extremem Starkregen staut sich dort das Wasser und die Bäche laufen über. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse vom 4. August.

Von Dirk Breitfuß

Prien – Einen 100-prozentigen Schutz kann es nicht geben. Auf diese Botschaft legt Dr. Hadumar Roch viel Wert. Er und seine Kollegen vom Wasserwirtschaftsamt hatten vor fünf Jahren das Rückhaltebecken im Oberlauf des Reitbachs konstruiert. Es fasst 45 Millionen Liter, die von einem bis zu acht Meter hohen und 100 Meter breiten Damm aufgehalten werden. Ein Durchlassbauwerk drosselt den Abfluss mittels eines fest eingestellten Schiebers von zwölf auf unter vier Kubikmeter pro Sekunde.

15 Prozent Klimafaktor als Sicherheitspuffer

Bei der Planung solcher Schutzbauwerke werden komplexe Rechenmodelle durchgespielt. Dreh- und Angelpunkt ist das sogenannte HQ 100, das 100-jährliche Hochwasser, wie es in dieser Massivität statistisch nur alle 100 Jahre einmal vorkommt. Als Zuschlag gibt es heutzutage einen 15-prozentigen Klimafaktor, also eine Art Sicherheitspuffer.

Das Rückhaltebecken kann also rein rechnerisch 115 Prozent eines HQ 100 aufhalten. Am 4. August lief das Wasser allerdings sieben Stunden lang über den Damm und überschwemmte weiter unten das BMW Autohaus Unterberger und die Bernauer Straße, die die Feuerwehr zwischenzeitlich sperren musste.

Mit detaillierten Zahlen hält sich Roch im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung noch zurück. Er wartet auf Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Was er schon sagen kann, ist, dass der Starkregen am 3. und 4. August in einem Streifen von Bernau über Prien und Rohrdorf bis nach Tuntenhausen am heftigsten war. Der Fachmann nennt die Regenmengen vom 4. August einen „Überlastungsfall“ – also einen Regen, der die Rechenmodelle übertrifft.

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Das HQ 100 ist nicht nur für den bestmöglichen Schutz, sondern auch wirtschaftlich eine entscheidende Größe. Denn nur für Bauwerke, die auf ein HQ 100 ausgelegt sind, werden die Fördertöpfe weit geöffnet. Für das Rückhaltebecken am Reitbach schoss der Staat 1,2 Millionen Euro zu. Der Markt Prien musste selbst nur 300 000 Euro Eigenanteil aufbringen.

Bürgermeister Andreas Friedrich (ÜWG) sprach in der Sitzung des Ferienausschusses dieser Tage von einem „HQ 150. Da kommt man technisch an eine Grenze, die man baulich nicht darstellen kann.“ Auch geografisch sind die Möglichkeiten ausgereizt. Der Stauraum reicht Roch zufolge zurück bis in die Nähe der Chiemgau-Bahn und deren Gleise dürfen nicht unterspült werden. Deshalb sei eine Erhöhung des Damms nicht möglich.

Als Problemfall hat sich am 4. August der Grieblinger Bach herausgestellt. Bei Gemeindeverwaltung und Feuerwehr kann sich niemand erinnern, dass er auch nur annähernd in so kurzer Zeit so viel Wasser gebracht hat wie diesmal. Er mündet erst unterhalb des Rückhaltebeckens in den Reitbach.

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Friedrich erklärte im Ferienausschuss, dass nun über Verbesserungen im Unterlauf des Reitbachs nachgedacht werden sollte. Dort haben sich Durchlässe als zu klein dimensioniert herausgestellt. Ohne Vertiefung und Verbreiterung des Reitbach-Betts gebe es aber „keine großen Möglichkeiten“, deutete der Bürgermeister an, dass wohl nur größere bauliche Maßnahmen spürbare Verbesserungen bringen können.

„Das müssen wir in den Griff kriegen“, mahnte auch Tiefbauchef Tobias Kollmannsberger auf Nachfrage aus dem Gremium Handlungsbedarf bei den Kanalkapazitäten an. „Fuchsen tut es nach dem Sandfang“, hat er bei Kontrollfahrten während des Hochwassers ebenfalls den Unterlauf des Reitbachs als Problemzone lokalisiert.

Dort hat es die Gemeinde selbst in der Hand, denn das Wasserwirtschaftsamt ist nur bis zum Rückhaltebecken zuständig, weil der Reitbach bis dorthin als „ausgebauter Wildbach“ gilt, wie Roch erklärt.

„Dieser Zustand ist nicht wirklich tragbar“

Eine klare Ansage gab es vom Bürgermeister für den Stettner Bach, der am 4. August einmal mehr Teile von Atzing unter Wasser gesetzt hatte. Wenn es nach ihm geht, soll der Marktgemeinderat schon in der Septembersitzung ein Hochwasser-Schutz-Konzept für Atzing in Auftrag geben. Als neuralgische Punkte hatten sich drei verrohrte Durchlässe herauskristallisiert, an denen sich das Wasser staute und der Bach überlief. „Dieser Zustand ist nicht wirklich tragbar“, machte das Gemeindeoberhaupt kein Hehl daraus, dass dringend Handlungsbedarf besteht.

Auch im Oberlauf des Stettner Bachs gibt es eine Schwachstelle. Bei Starkregen rollt dort ein Bagger an, um einen Durchlass mit der Schaufel zu schließen, damit sich das Wasser in einer Wiese zurückstaut. Am 4. August lief dieser provisorische Speicher aber über und die Wassermassen ergossen sich auf die Straße. Sie etwas anzuheben, könnte eine Lösung sein, deutete Friedrich an.

Die zu Prien nächstgelegene Niederschlagsstation betreibt der DWD auf Herrenchiemsee In 72 Stunden wurden dort laut Dr. Hadumar Roch vom Wasserrwirtschaftsamt Rosenheim 178 Millimeter Niederschlag gemessen. Im Zeitintervall mit der größten Niederschlagsintensität am 3. und 4. August fielen 138 Millimeter in 18 Stunden. „Diese intensiven Niederschläge führten in den ,mittelgroßen‘ Wildbächen zu extremen Hochwasserspitzen, beispielsweise in der Bernauer Ache in Bernau zum maximaler Abfluss seit 1974 mit 59,5 Kubikmeter pro Sekunde. Diese Abflüsse liegen im Bereich eines hundertjährlichen Abflusses beziehungsweise sogar darüber. Am Reitbach in Prien gibt es keinen Pegel, daher können auch keine Angaben zum Abfluss gemacht werden“, so Roch.

Sieben Stunden lang lief das Wasser am 4. August über den Damm des Rückhaltebeckens im Oberlauf des Reitbachs. 45 Millionen Liter können dort zwischengespeichert werden. Diese Kapazität reichte diesmal nicht.Berger
Ein Bagger schließt mit der Schaufel am Stettner Bach einen Durchlass, damit sich das Wasser in der Wiese zurücktaut. Aber es läuft über und fließt über die Straße ins Dorf nach Atzing.Friedrich

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