Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Nach der Flucht

„Lockerlassen, bitte!“ Erste ukrainische Geflüchtete macht sich in Prien selbstständig

Aleksandra Kiriukhina hat als als erste der ukrainischen Geflüchteten in Prien ein Geschäft gegründet: Das „Alexandra Dream Studio“ in der Geigelsteinstraße eröffnet offiziell am 2. November.
+
Aleksandra Kiriukhina hat als als erste der ukrainischen Geflüchteten in Prien ein Geschäft gegründet: Das „Alexandra Dream Studio“ in der Geigelsteinstraße eröffnet offiziell am 2. November.
  • Sabine Deubler
    VonSabine Deubler
    schließen

Der Staudamm, den der russische Präsident zu sprengen droht, liegt genau in ihrer Heimat. Doch nur Bangen hilft nicht. Warum eine junge Ukrainerin an die Zukunft glaubt und in Prien ein Geschäft eröffnet.

Prien – In den Social Media-Gruppen der „Ukrainerinnen in Prien“ hat sie ihre Gründung schon angekündigt. Aleksandra „Sascha“ Kiriukhina gründet in Prien ihr eigenes kleines Unternehmen. Die Geflüchtete aus der Ukraine wird am 2. November ein Nagelstudio in Prien eröffnen.

Einstudierte Phrasen erleichtern den Start

„Am wichtigsten sind die deutschen Frauen, auf die freue ich mich besonders“, sagt sie. Wie das mit der Sprache gehe soll, will die Chiemgau-Zeitung wissen. Sascha Kiriukhina überlegt nur kurz: „Es ist ein sehr anschaulicher Beruf. Vieles kann ich zeigen“, sagt sie auf Russisch, das eine Freundin von ihr ins Deutsche übersetzt.

Eine befreundete Nagelartistin in Frasdorf habe ihr außerdem die wichtigsten Begriffe und Phrasen beigebracht, wenn es um schöne Nägel geht. „Halte deine Hände jetzt unter die Lampe“ zum Beispiel. Und am wichtigsten, und da lacht sie: „Locker lassen, bitte!“

Was die 39-Jährige damit meint, weiß die beim Gespräch übersetzende Freundin, die schon in Kiriukhinas hübsch eingerichteten Ein-Raum-Studio probegesessen hat: „Ich hatte meine Hand etwas verspannt, als sie sie nahm und anfangen wollte. Sie nahm meinen rechten Zeigefinger, schüttelte ihn ganz leicht und sagte mir: ,Locker lassen, bitte!´“, so die Prienerin.

Sie trägt ihre Nägel seither dezent altrosa gestrichen und edel manikürt. „Man begibt sich in Saschas Hände, und sie macht das toll“, will die Freundin noch viele andere Frauen in Prien auf das neue Angebot hinweisen.

Die deutsche Sprache zu lernen, ist für Geflüchtete, die arbeiten, aus Zeitgründen schwierig, da die Deutschkurse nur tagsüber stattfinden.

Als Existenzgründerin kann Kiriukhina es sich nicht leisten, nur den halben Tag zu arbeiten. Im Jugendzentrum PrienaYou können Geflüchtete wie sie dank einer Privatinitiative jeden Mittwochabend Deutsch lernen.

Woher die junge Frau ihren Mut nimmt, mit sehr bescheidenen Deutschkenntnissen in Prien ein Geschäft zu eröffnen? „Ich liebe diese Arbeit. Zuhause hatte ich auch ein Studio“, sagt sie. Sie hat BWL studiert, zehn Jahre am Arbeitamt arbeitslose Menschen beraten und dann beruflich auf ihr Hobby umgeschwenkt: Nagelartistik, die sie zugleich mit Maniküre und Pediküre professionell erlernte.

Das war in Saschas Heimatstadt Nowa Kachowka. Unweit davon liegt Cherson. Dort droht der russische Präsident aktuell, einen großen Staudamm zu verminen und zu sprengen, was großes Leid verursachen würde.

Wenn sie an ihre Heimat denkt, hört Sascha kurz auf zu sprechen. Ihr 19-jähriger Sohn ist noch dort. Er lebt und studiert in Lviv in der Westukraine. Ausreisen durfte er nicht, weil er über 18 ist.

Zumindest würden Studenten nicht zur Armee eingezogen, ist Sascha froh. Doch um beruhigt arbeiten und schlafen zu können, telefoniert sie mehrmals täglich mit ihm.

In den Erzählungen schwingt Wehmut mit

Als die Mutter von ihrem Sohn erzählt, füllen sich ihre Augen mit Stolz, Freude – und Wehmut: „Ich würde ihn wahnsinnig gerne wiedersehen, aber ich weiß es ist dort besser für ihn, weil er sein Leben weiterleben kann.“

Sascha lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in einer Wohnung in Prien. Die Fünfjährige hat keinen Kindergartenplatz bekommen, wie auch andere Kinder in Prien.

„Vom ersten Tag an haben wir nur nette und wahnsinnig hilfsbereite Leute in Prien getroffen.“

Aleksandra Kiriukhina

Sie verbringt ihre Tage im Nagelstudio und beim Vater. Die Familie hofft sehr, in nächster Zeit einen Kindergartenplatz für ihre Tochter zu bekommen, damit sie auch andere Kinder kennenlernen und Deutsch lernen kann.

In Prien wurden die drei gut aufgenommen, erzählt Kiriukhina: „Mir gefällt es hier total gut. Die Berge sind wunderschön. Vom ersten Tag an haben wir nur nette und wahnsinnig hilfsbereite Leute in Prien getroffen.“

In ihrer Heimatstadt wären sie gerne geblieben. Doch die Russische Armee hatte die Region besetzt.

Russische Rakete tötete die Nachbarn

Nach eineinhalb Monaten Besetzung feuerte sie eine Rakete in das Nachbarhaus, schildert die Ukrainerin: „Fünf Menschen starben. Da haben wir unsere Sachen gepackt. Am 2. Mai waren wir hier.“

Ein halbes Jahr später am 2. November startet Sascha Kiriukhina eine neue Etappe in ihrem Leben und eröffnet ihren Laden.

Sie baue sich etwas auf – mit der Perspektive zu bleiben. Denn, so die Ukrainerin: „Bis es zu Hause wieder so ist, dass ich dort weitermachen kann, dauert es noch sehr lange. Ich hoffe, ich erlebe das noch, aber ich weiß es nicht. Jetzt bin ich einmal hier.“

Kommentare