„Es gab auch intensivpflichtige Kinder“

Leiter der Traunsteiner Kinder- und Jugendpsychosomatik spricht über Folgen von Corona

Im Homeschooling fehlen Kindern Rituale und gemeinsame Erlebnisse mit ihren Klassenkameraden.
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Im Homeschooling fehlen Kindern Rituale und gemeinsame Erlebnisse mit ihren Klassenkameraden.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Traunstein – Wie stark Kinder und Jugendliche unter dem Lockdown leiden, weiß Dr. Michael Bodensohn (61), Leiter der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Traunstein. Die Chiemgau-Zeitung sprach mit ihm über die explosive Stimmung in vielen Familien und die Langzeitfolgen der Pandemie.

Herr Bodensohn, Mit welchen Themen kommen die Patienten normalerweise zu Ihnen?

Dr. Michael Bodensohn:Unsere Patienten kommen überwiegend mit Lebenskrisen im familiären und sozialen Umfeld. Diese Krisen äußern sich häufig durch Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Rückzugssymptomatik oder aggressive Durchbrüche. Häufig kommt es zu Schulverweigerung und familiären Krisen.

Dr. Michael Bodensohn

Wie wirkt sich der Lockdown aus?

Bodensohn: Die Familien sind auf den häuslichen Raum reduziert, bestehende Konflikte werden dadurch wie mit einem Brennglas vergrößert. Kinder und Jugendliche, die bereits Schwierigkeiten mit der schulischen Leistungssituation hatten, verschlechtern sich eher und geben zum Teil die Schule ganz auf. Wir haben während des Lockdowns Schulabbrüche und Abbrüche des Universitätsstudiums erlebt.

Der jetzt angebotene Online-Unterricht ist wenig attraktiv. Es fehlt die soziale Erfahrung mit Gleichaltrigen, die direkte Hinwendung des Lehrers und das Betreten von großen und bedeutungsvollen Räumen, wie sie das Schulgebäude und die Universitäten darstellen.

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Warum entwickeln junge Menschen dadurch psychosomatische Symptome?

Bodensohn: Kinder und Jugendliche explorieren die Außenwelt und werden über die Schule in das bevorstehende gemeinschaftliche und berufliche Leben eingeführt. Es fehlen ganz entscheidende Rituale wie Abschlussfeiern oder Schüleraustausch.

Auch die Kleinen erleben ihre 1. Schulklasse in großer Stückelung ohne den notwendigen Prozess des Zusammenwachsens. Besonders fällt mir auf, dass der Übergang in Fachhochschulen und Universitäten nicht mehr funktioniert. Es fehlt jedes Feeling einer Initiation in einen neuen Lebensabschnitt. Es wirft die Jugendlichen auf sich selbst zurück und führt sie in den Rückzug.

Trifft das nur Kinder, die unabhängig vom Lockdown vorbelastet sind?

Bodensohn: Für die ist der Lockdown natürlich noch viel schwieriger. Zunächst scheint der Rückzug Kindern mit internalisierenden Störungen zu Gute zu kommen, doch er führt zu einer noch stärkeren Verarmung der Gefühle und oft auf ein ungutes Kreisen um sich selbst.

Eher externalisierende Jugendliche leben ihre Gefühle auf die Familienmitglieder aus und es kommt zu einer Kesselsituation.(Anm. d. Red.: Eine externalisierende Störung richtet sich nach außen, etwa in Aggressivität gegen andere Kinder. Bei internalisierende Störungen werden sind die Betroffenen meist unfähig, ihre Probleme mitzuteilen und um Hilfe zu bitten.).

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Oft hieß es, Kinder und Jugendliche würden unter den Masken leiden.

Bodenshhn:Kinder erfassen die sie umgebenden Gefühle oft durch intuitives Verstehen. Die Maske nimmt den Gesichtern ganz entscheidende Anteile ihrer Mimik.

Das ist für die Kinder noch irritierender als für Erwachsene. Von daher hat die Maskenpflicht schon ihre Auswirkungen auf ihre psychische Entwicklung.

Behandeln Sie auch Kinder und Jugendliche, die an Corona erkrankt waren?

Bodensohn: Auch Kinder und Jugendliche sind von Covid-19 als Krankheit betroffen. Es gab mehrere intensivpflichtige Kinder auf der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin mit heftigen körperlichen Reaktionen und der Notwendigkeit zur medizinischen Nachbetreuung.

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Welchen Eindruck haben Sie von den Eltern ihrer Patienten?

Bodensohn: Der Erziehungsdruck steigt während der Pandemie sehr hoch an. Die gesundheitliche Verantwortung und auch das schulische Vorankommen lasten auf den Eltern. Sie müssen die Stimmungen der Kinder aushalten und kompensieren.

Warnzeichen für Eltern sind immer zunehmende Gefühlsschwankungen bei den Kindern. Besondere Aufmerksamkeit benötigen Kinder, die sich zurückziehen und Hilfe braucht die Familie auch bei zunehmenden und heftigen Aggressionsausbrüchen in der Familie.

Was werden die mittel- und langfristigen Schäden sein?

Bodensohn: Das bleibt abzuwarten. Viele Meilensteine und wichtige Entwicklungsschritte werden während der Pandemie versäumt. Ich denke dabei auch an Kinder von Migrantenfamilien, bei denen die Konfrontation mit der deutschen Sprache fast für ein Jahr ausgesetzt ist, dadurch dass sie nicht in Kindergarten und Schule gehen. Wie werden sie das nachholen können?

Insgesamt hoffe ich aber, dass es die Gesellschaft bis Mitte des Jahres schafft, unter anderem mithilfe der Impfungen, die Krankheit weitestgehend zurückzudrücken. Sollte dies gelingen, können wir dem nächsten Jahr mit Hoffnung entgegengehen und nach sorgfältiger Abwägung überprüfen, welche psychische Schäden vorliegen und was wir dann tun können.

Andere Länder wie Frankreich haben die Schulen und Kitas priorisiert. Hat man die Kinder in Deutschland aus ihrer Sicht vergessen?

Bodensohn: Es ist nicht leicht, andere Länder mit Deutschland zu vergleichen. Die Schulschließungen wurden auch von den Infektionsausbreitungsmechanismen bestimmt. Wir haben in Deutschland vielleicht die Kinder und Jugendlichen zu wenig im Fokus gehabt. Das lässt sich aber durchaus verbessern.

Hoher Andrang

Die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Traunstein hat insgesamt 18 stationäre Behandlungsplätze, davon zehn stationär und acht teilstationär. Dazu kommen um die 3000 ambulante Patienten pro Jahr. Auch finden regelmäßige stationäre Kriseninterventionen auf der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin statt.

Zurzeit besteht eine sehr lange Warteliste sowohl für die stationären Aufnahmen als auch für die Aufnahmen in der Tagesklinik.

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