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Langer Weg nach oben

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Wie riesige, schwimmende Kürbisse sahen die Ballons aus, mit denen die 19 Tonnen schwere Fähre in der Hafeneinfahrt des Yachthotels langsam an die Wasseroberfläche geholt wurde. Gegen Abend war dann ein Teil des Führerhauses zu sehen.

Prien - 15 Meter können sehr weit sein. So tief lag die gesunkene Lastenfähre "Kampenwand" im Chiemsee. Gestern begannen Spezialisten mit der Bergung. Heute soll der 19-Tonnen-Koloss mit einem Autokran an Land gehoben werden. Das weitere Schicksal des über 40 Jahre alten Schiffs ist noch offen. Möglicherweise landet die "Kampenwand" auf dem Schrottplatz. **Bilder und Video auf chiemgau24.de**

Während der rätselhafte Untergang der "Kampenwand" bayernweit und sogar darüber hinaus auf ein großes Medienecho stieß, unmittelbar nachdem unsere Zeitung exklusiv darüber berichtet hatte, war es für Karlheinz Vitt und seine Männer mehr oder weniger ein Routineeinsatz. Der Geschäftsführer der "Nautik GmbH Keppler + Vitt" aus Freiburg verdient sein Geld damit, europaweit Schiffswracks zu bergen - mal in Italien, mal vor Mallorca, mal im Bodensee - und gestern zum ersten mal aus dem Bayerischen Meer.

Bilder und Video auf chiemgau24.de

Gemeinsam mit den Kollegen der Firma "Bayern Taucher" hoben Vitts Männer die alte Fähre. Sie lag in gut 15 Meter Tiefe - nur 20 Meter vom Steg des Chiemsee Yachthotels und etwa 80 vom Ufer entfernt. Es fällt in Prien-Harras ziemlich steil ab. Zwischen Festland und Herreninsel verläuft dort ein bis zu 20 Meter tiefer Graben.

Das Landratsamt Traunstein hatte den Eigentümer, die auswärtige Baufirma Mailhammer, gedrängt, das Wrack unverzüglich bergen zu lassen, weil in Tank und Motor noch Diesel und Öl vermutet wurden.

Von der Wasseroberfläche war die "Kampenwand" unsichtbar. Wie berichtet, hatte sie die Wasserschutzpolizei (WSP) Prien bei einer Testfahrt mit ihrem Sonargerät zufällig geortet, bevor sie der Eigentümer als vermisst meldete. Er hatte sie über den Winter nicht gebraucht. Deshalb war ihr Verschwinden lange Zeit unentdeckt geblieben.

Ein halbes Dutzend Fernsehteams musste sich gestern ab 9 Uhr in Geduld üben. Die sichtbaren Vorbereitungen auf einer Arbeitsplattform waren unspektakulär - und niemand wagte zunächst eine Vorhersage, wann der 19-Tonnen-Koloss auftauchen würde.

Auch Taucher sehen im Bayerischen Meer oft gerade eine Armlänge weit, weil das Wasser durch den hohen Nährstoffeintrag von der Tiroler Ache meistens sehr trüb ist. Deshalb dauerte es gestern auch bis zum späten Vormittag, bis sich die Spezialisten auf dem Grund ein Bild von der genauen Lage gemacht hatten und begannen, riesige Säcke mit Seilen an der "Kampenwand" zu befestigen. Von der Plattform aus wurden die dann mit Pressluft gefüllt, bis sich der Koloss langsam vom Boden löste. Er wurde in die Hafeneinfahrt des Yachthotels gezogen und dort mit noch mehr Ballons und kürzeren Seilen bis gegen Abend schrittweise weiter nach oben geholt. Erst heute wird das Schiff wohl in den Hafen der Chiemsee-Schifffahrt geschleppt und per Autokran gehoben.

Dass beim Untergang der "Kampenwand" jemand nachgeholfen hatte, scheint unwahrscheinlich. Offenbar ist das 17 Meter lange Schiff, dessen Ladefläche wie eine riesige Wanne ohne Abfluss gebaut ist, über einen längeren Zeitraum voll Wasser gelaufen und irgendwann - vermutlich in der ersten Dezemberhälfte - gesunken.

Für diese Theorie spricht, dass ein Kapitän der Chiemsee-Schifffahrt sie noch Ende November während einer Sonderfahrt am Steg des Yachthotels liegen sah und die Fähre damals schon viel Tiefgang gehabt haben soll. Auch ein durchgescheuertes Seil soll an einem der Stegpfosten gefunden worden sein.

Wenn ein Schiff sinkt, schwebt es in der Regel nicht senkrecht zu Boden, sondern driftet seitlich ab. Die "Kampenwand" liegt nur rund 40 Meter Luftlinie von ihrem letzten Liegeplatz entfernt, kann also ohne Weiteres dorthin abgetrieben worden sein, als sie sank.

Angeblich soll die Fähre Anfang Dezember noch im Blickfeld der "Webcam" des Yachthotels aufgetaucht sein. Weil diese aber auf einen anderen Teil der Steganlage gerichtet ist, würde das bedeuten, dass sich das Schiff irgendwann von seinem Platz losgerissen hat und zunächst noch an den Stegen entlang trieb, bevor sie schließlich sank. Das würde auch einige kleinere Beschädigungen an der Holzkonstruktion erklären, die heuer zu Saisonbeginn entdeckt wurden.

An solchen Spekulationen wollte sich die Polizei gestern noch nicht beteiligen. Sie erhofft sich weitere Erkenntnisse durch die Untersuchung der Fähre an Land.

Die Abschleppfahrt am Haken in den Hafen der Chiemsee-Schifffahrt, wo ein Autokran wartet, wird heute vielleicht die letzte Reise der "Kampenwand" im Chiemsee. 1968 als erste Lastenfähre aus Eisen in Dienst gestellt, verkehrte sie bis 2002 zwischen Gstadt und der Fraueninsel. Seitdem diente sie der Baufirma Mailhammer, die unter anderem Steganlagen baut und Häfen ausbaggert, als Arbeitsplattform. Nun soll die "Kampenwand" vielleicht verschrottet werden. Das werde sich in den nächsten Tagen entscheiden, sagte Unternehmer Helmut Mailhammer im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Ihn wird die Bergung nach eigenen Angaben zwischen 30.000 und 40.000 Euro kosten.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

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