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Chiemgau-Tourismus und das Wolfs-Thema

Entweder Abschuss - Oder Zäune, Disneyland und „Wolf Watching“?

Geschäftsführer des „Chiemgau Tourismus“, Stephan Semmelmayr.
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Geschäftsführer des „Chiemgau Tourismus“, Stephan Semmelmayr.
  • Roland Kroiss
    VonRoland Kroiss
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Die schwierige Lage durch den besonderen Schutz des Wolfes weitet sich jetzt zu eifrigen Diskussionen rund um Schutzmaßnahmen „vor dem Wolf“ aus. Ganze Almen und riesige Weideflächen könnten eingezäunt werden. Wird dann der Tourismus beschädigt oder gibt es ganz neue „Wildlife Animal Watching“ Ideen, inspiriert durch Schweizer Nationalparks? Für Stephan Semmelmayr vom Chiemgau-Tourismus wäre das des Guten zu viel.

Ruhpolding - Kühe, die friedlich auf Weiden grasen, langsam herumlaufen und Touristen eine wunderbare Gebirgskulisse bieten - am besten bei strahlendem Sonnenschein: So oder so ähnlich stellt sich Chiemgau-Tourismus das „ideale Almerlebnis“ für Wanderer und Gäste der Naherholung vor. Fehlen darf dabei nicht die Einkehr bei einer deftigen Brotzeit und einer süffigen oberbayerischen Halben Bier.

Der unsägliche Wolf - chiemgau24.de berichtete umfangreich - erschüttert nun dieses pittoreske Konstrukt in seinen Grundfesten. Dass man das wilde Schafe-reißende Tier bitte schnellstmöglich abschießen soll, sagt Stephan Semmelmayr vom Chiemgau-Tourismus nicht direkt, aber: „Almwirtschaft bzw. ´Almerlebnis mit Kühen´ und gepflegter Almlandschaft als USP (Unique Sales Point, Anm. d. Red.) für unsere Region. Insofern sehe ich das Auftreten des Wolfs und die mögliche Reaktion der Almbauern, zukünftig auf die Bewirtschaftung von Almen verzichten zu wollen, als Gefahr für unseren Tourismus an.“ Was er hier diplomatisch sagt, bedeutet in etwa: „Löst endlich irgendwie das Problem mit dem Wolf.“

Möglicherweise ist ein Wolfsrudel unterwegs

Laut Aussagen von Augenzeugen bzw. Jägern und Förstern könnte es sich sogar um ein Rudel von mehreren Wölfen handeln, weil die die Gesamtsituation noch komplexer machen würde. Prinzipiell stehen alle Wölfe in Bayern - oder nur diese eine Wolf - unter besonderem Artenschutz. „Eine Abschussgenehmigung ist äußerst schwer zu bekommen. Ein Jäger, der ihn auf einer Streif erlegen würde, wäre seinen Schein los“, weiß Almbauer Ludwig „Luggi“ Böddecker aus Ruhpolding.

Doch das Weidevieh muss geschützt werden - damit es durch Angriffe von Wolf/Wölfen nicht in Panik gerät. Deswegen wird aktuell eine großflächige Einzäunung riesiger Alm- und Weideflächen in der Ruhpoldiger Gegend geplant. Die Konzepte liegen bereits auf dem Tisch, „aber eine Umsetzung hätte weitreichende Konsequenzen und würde den Almentourismus quasi platt machen“, so Böddecker. Zentrale Wanderwege wären dann gesperrt, Weiden nicht mehr begehbar, „an großen Umzäunungen müssten schwere Gatter auf und zu gemacht werden“, erklärt Böddecker. Dazu müsste man sogar Personal abstellen.

Ein Drittel von 15 Quadratkilometern Gemeindegebiet ist Almfläche

„Wolfsdicht heißt auch menschendicht“, sagt Luggi Böddecker, Bezirksalmbauer und Zweiter Bürgermeister der Gemeinde Ruhpolding. Der Tourismus würde massiv geschädigt, Ausflügler würden abgeschreckt. Böddecker ist im Vorstand der Gemeinschaft Haar-Alm. Betroffen von der Wolfs-Diskussion sind auch die Almen in den Gemeinden Inzell und Siegsdorf, die Nesslauer Alm, die Torauer Alm und die Bischofsfelln-Alm. Die Gemeindefläche von Ruhpolding umfasst circa 15 Quadratkilometer, ein Drittel davon ist Almfläche. Manche Zonen um die Haar-Alm zum Beispiel kann man gar nicht einzäunen, weil es dort zu felsig und schroff ist.

Viele unserer Almbauern leben vom Nebenerwerb, nur noch wenige sind Vollerwerbs-Landwirte wie ich“, so Böddecker. Das heißt, kein Ausschank mehr auf den Almen und schwache Belegung der Ferienwohnungen hätten „fatale Auswirkungen auf die Betriebe der Betroffenen“. Gleichzeitig bangen die Bauern um das Wohl ihrer Viecher: „In Panik sind schon ganze Rinderherden Felswände hinter gesprungen“, so Böddecker. Um 2011 soll es einen Vorfall gegeben haben, „bei dem ein Wolf wahrscheinlich der Verursacher war, was aber nicht nachgewiesen werden konnte“.

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Agrarwissenschafter befürchtet „Disneyland im Gebirge“

Agraringenieur Siegfried Steinberger untersucht die Kulturlandschaft Alm mit Weidewirtschaft im Auftrag der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub bei München. „Ob Maßnahmen wie die Einzäunung wirklich etwas bringen, bezweifle ich“, analysiert er. „Für den Erhalt und Pflege einer echten Kulturlandschaft Alm dürfen wir nur so viel Weidefläche offenhalten, wie tatsächlich abgegrast wird.“ Künstliches Weiden-Styling mit Holzschnitt und Mähen ist für Steinberger „wie ein Disneyland im Gebirge“.

Das bedeutet in der Summe: Gesperrte Weiden, weniger Vieh zum Abgrasen, weil auch weniger Vieh-Fremdbeschicker und weniger Touristen kommen. Die Original-Struktur der Kulturlandschaft würde zerbrochen. Ein Horror-Szenario für die Almbauern und den Tourismusverband.

Könnten panische Rinder über Wanderer trampeln?

Ob es noch schlimmer kommen könnte? Wenn der Wolf sich einer Rinderherde nähert und diese in Panik über Gruppen von Wanderern trampeln? „Das ist so unwahrscheinlich wie ein Lottogewinn“, so Steinberger. Doch wohl ist ihm, den Almbauern und den Tourismus-Verantwortlichen bei der ganzen Sache nicht.

Ausschau-Halten nach dem Wolf als Spektakel-Variante

Könnte Steinbergers „Disneyland-Albtraum“ von Marketing-Strategen ausgeschlachtet werden? Ein „Wolf-Watching“ als Spektakel für abenteuerlustige Touristen, ähnlich dem Angebot der Nationalparks? Stephan Semmelmayr winkt ab: „Mir sind keine solchen Vermarktungsaktivitäten anderer Regionen bekannt. Wir vermarkten die Sichtung des Wolfes nicht.“

In der Schweiz sind solche Konzepte tatsächlich aufgegriffen worden: „Wölfe sollen nicht abgeschossen, sondern auf Safaris bestaunt werden“, titelt eine Schweizer Zeitung online. Naturnaher Tourismus, Tierbeobachtung und echte Begegnungen zwischen Mensch und Wildtieren seien Zukunftsthemen mit großem Potenzial. Die Vertreter aus dem Chiemgau sehen das nicht so. Doch wer weiß, wie die oberbayerische Wolfs-Saga letztendlich ausgehen wird.

-rok-

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