Kunstwerk bekommt seine Chance

Das "Biotop der Vergänglichkeit" im Eichental: Der Eichenstamm (rechts) steht beziehungsweise liegt für den natürlichen Kreislauf des Lebens, gut acht Kubikmeter Hausrat in einer Gabionenwand symbolisch für die Hinterlassenschaften eines Menschen. Foto Archiv Berger
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Das "Biotop der Vergänglichkeit" im Eichental: Der Eichenstamm (rechts) steht beziehungsweise liegt für den natürlichen Kreislauf des Lebens, gut acht Kubikmeter Hausrat in einer Gabionenwand symbolisch für die Hinterlassenschaften eines Menschen. Foto Archiv Berger

Von herausragend bis hässlich, von Müll bis Mahnmal reicht die Bandbreite der Kommentare in Kommunalpolitik und Bürgerschaft zum "Biotop der Vergänglichkeit". Seit das Kunstwerk von Carsten Lewerentz im Herbst im Eichental enthüllt wurde, wird kontrovers darüber debattiert.

Der Marktgemeinderat hat die Gabionenwand, die mit Hausrat gefüllt ist, jetzt ausdiskutiert - zumindest vorerst. Nach einem Ortstermin sprach sich die Mehrheit in der jüngsten Sitzung für einen Kompromiss aus: Das Kunstwerk bleibt, wie es ist, und an Ort und Stelle. Innerhalb eines Jahres will der Rat nochmal darüber reden.

Prien - Es war wohl vielen Mitgliedern des Ferienausschusses nicht klar, was genau sie da genehmigen, als sie im August vergangenen Jahres einstimmig den Auftrag an Lewerentz vergaben. Die Gemeinde hatte ihm für das Werk, das zur Hälfte (gut 3000 Euro) aus Mitteln des EU-Förderprogramms "Leader" bezahlt worden ist, das Thema "Vergänglichkeit" und "Kreislauf des Lebens" ebenso vorgegeben wie die Verwendung eines mächtigen Eichenstamms, der zuvor am Herrnberg aus Sicherheitsgründen gefällt werden musste.

Der hohle Stamm liegt als Sinnbild der natürlichen Vergänglichkeit nun nahe des Kneippbeckens im Eichental. Dahinter hat Lewerentz ein großes Drahtgeflecht mit "Kompost menschlichen Lebens" gefüllt, also mit Hausrat - vom Buch bis zur Schneekette, vom Kleiderbügel bis zum Radiogerät. Die künstlerische Umsetzung des schriftlichen Konzepts, das der Ausschuss genehmigte, überraschte manche dann doch. Rosi Hell (CSU) etwa fühlt sich "ein bisschen über den Tisch gezogen", und Michael Schlosser (ÜWG) ist sich sicher, dass "die Abstimmung heute anders ausgehen würde".

Andere haben sich zwischenzeitlich mit dem "Biotop der Vergänglichkeit" angefreundet. Der Titel ist übrigens einzigartig. Wer ihn im Internet googelt, landet immer beim Priener Kunstwerk. Angela Kind (Grüne) zum Beispiel fand es anfangs "hässlich", hat aber mittlerweile umgedacht: "Es führt uns vor, wie wir mit der Erde umgehen."

Ihre Fraktionskollegin Gaby Rau sieht es genauso und spricht gar von einem "Mahnmal", das noch dazu gerade im Naturpark Eichental am richtigen Platz stehe. Der Standort war auch schon mehrfach kritisiert worden, Dr. Meinolf Schöberl (FWP) und Peter Fischer (ÜWG) zum Beispiel halten ihn nach wie vor für falsch.

Die anhaltenden Debatten sind für viele Kunstliebhaber allein schon ein Beleg dafür, dass Lewerentz ins Schwarze getroffen hat. "Wir finden es gut, weil Kunst zur Diskussion anregen soll", sagte beim Ortstermin Dr. Friedrich von Daumiller als Vorsitzender für den Kulturförderverein. "Kunst will wahrgenommen werden und provozieren. Es wertet unseren Kunstort auf, wir können und sollten uns das leisten." Ähnlich sieht es Martin Aufenanger (FWP): "Es führt zu Gesprächen, die sonst bestenfalls übers Wetter geführt werden, die Leute fangen an nachzudenken."

Ein Punkt, der für Missstimmung gesorgt hatte, war die Einbeziehung der Bürger in die Entstehung des Kunstwerks. Die war seinerzeit Bestandteil des Beschlusses. Lewerentz räumte ein, dass das "bei mir nicht so deutlich angekommen ist". Zweiter Bürgermeister Hans-Jürgen Schuster, der beim Ortstermin Regie führte, berichtete aber auch, dass alle örtlichen Schulen angeschrieben worden seien, aber ohne jegliche Resonanz.

Für den Künstler ist die Einbeziehung der Öffentlichkeit aber immer noch möglich. Er brachte beim Ortstermin ein "Gipfelbuch" ins Gespräch (nach dem Motto "Das ist ja der Gipfel"), in dem jeder seine Meinung verewigen könnte.

Wie den Eichenstamm, in dem sich vielleicht Vögel einnisten und Insekten Quartier beziehen, überlässt Lewerentz auch die Gabionenwand mit ihrem Hausrat (Öl, Batterien und elektrische Bauteile wurden vorher entfernt) bewusst sich selbst. Wie sie in einigen Monaten oder gar Jahren ausschaut, kann niemand voraussagen. Kleine Lücken lassen ahnen, dass Unbekannte schon das ein oder andere Einzelteil "erbeutet" haben. Schuster hat beispielsweise schon mehrfach Leute beobachtet, die durch das Drahtgeflecht nach Kleiderbügeln fischten.

Weil es um Vergänglichkeit geht, appellierte Kulturreferent Christoph Bach (BfP), dem Kunstwerk Zeit zu geben und mindestens zwei Jahre abzuwarten, was daraus wird. Eine viel radikalere Linie vertrat Thomas Ganter (SPD). "Man kann nicht ein Kunstwerk mit Haltbarkeitsdatum versehen."

Der Ortstermin und die anschließende Diskussion im Sitzungssaal waren ein Resultat eines CSU-Antrags aus der Dezembersitzung. Die Christsozialen hatten angesichts der nicht enden wollenden Debatte eine Grundsatzdiskussion beantragt (wir berichteten). Auch in der Fraktion selbst seien die Meinungen unterschiedlich, sagte deren Vorsitzender Michael Anner. Ludwig Ziereis zum Beispiel fand, man solle "dazu stehen, solange das Kunstwerk zur geistigen Fortbildung unserer Gesellschaft dient".

Alle zehn Mitglieder der CSU-Fraktion würden Anner zufolge einen Kompromiss mittragen, die Diskussion zum Jahresende noch einmal aufzugreifen, wenn sich noch mehr Priener vor Ort im Eichental ein Bild gemacht und ihre Meinungen kund getan haben. Anner befürwortet grundsätzlich, dass das Kunstwerk zum Nachdenken anregt, möchte sich als politischer Entscheidungsträger aber nicht zu vielen Diskussionen oder gar Beschimpfungen ausgesetzt sehen.

Diesen Weg will die Mehrheit mitgehen. Mit zwölf zu neun Stimmen votierte der Rat am Ende dafür, innerhalb eines Jahres nochmal über das "Biotop der Vergänglichkeit" zu reden. Die Gegner dieses Beschlusses setzten sich aus Räten zusammen, die grundsätzlich gegen dieses Werk sind, aus solchen, die einen anderen Standort wünschen als das Eichental, und aus Gegnern einer zeitlichen Limitierung.

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